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Wir sind wunderbare Einzelstücke

Von Susanne Breit-Keßler, Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Über straffende Gesichtscremes, kantige Typen und was sie an dem Motto „Du bist schön“ so begeistert

© Monika HöflerSusanne Breit-Kessler, Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Fangen wir gleich mal mit dem an, was leichter ist als Schönfinden: Runtermachen. Und das beginnt bei einem selbst. Frauen vor allem sind wahre Meisterinnen darin, an sich herumzunörgeln. Schon wieder drei Pfund zu viel! Hier, schau mal, mein Bauch – furchtbar! Mein Busen ist zu klein, wahlweise zu groß… Die Nase könnte kleiner sein, die Falten weniger, die Lider straffer. Mein Gott! Natürlich ist man seinem Schöpfer ästhetisch verpflichtet und darf ruhig etwas für das eigene Äußere und das eigene Erscheinungsbild tun. Aber es gibt eine krank machende Sorge um sich selbst, die einem das ganze Leben vergällen kann.

Aus einem Frauenmagazin fällt mir ein Pröbchen in die Hände. Stirnrunzelnd – oh, das sollte ich nicht tun! – lese ich „Ultra Lift“. Nomen est omen: Die Creme verheißt straffende Pflege für Gesicht und Hals, mit der frau Falten aufpolstern kann. Allenthalben wird einem die Botschaft untergejubelt, man müsste „frischer“ aussehen, frei von Spuren gelebten Lebens. Jährlich liefern sich in unserem Land Hunderttausende selbst ans Messer, Tendenz steigend. Mann und Frau wollen so aussehen, wie man auszusehen hat: jung, schön – gleichgeschaltet von der mimikfreien Zone auf der Stirn über die Zähne bis zum Waschbrettbauch.

Ich könnte mich immer biegen, wenn ich höre, dass im Gesicht die Muskeln per Spritze gelähmt werden, und man oder frau anschließend ins Fitnessstudio rennen, um die anderen Muskeln des Körpers hochzutrimmen. Du bist schön! Ich möchte jedem Menschen das Psalmwort „Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin“ (Psalm 139,14) in die Hand drücken – zum morgendlichen Vorlesen und Auswendiglernen. Wir sind wunderbare Einzelstücke, unverwechselbare Originale. Warum sich dauernd kritisieren und – selbst unzufrieden – andere zur Schnecke machen, weil sie auch nicht sind, wie sie sein sollten. Wer sagt das?

Es gibt die verzweifelte Hoffnung, anders glücklicher, erfolgreicher und beliebter zu sein. Es fehlt an Selbstbewusstsein und einer gehörigen Portion Widerstand gegen die allgegenwärtige Aufforderung, etwas aus sich zu machen. Das Motto der neuen Fastenaktion ist deswegen so begeisternd, weil es eine grundsätzliche biblische Aussage hervorhebt: Wir sind schon wer! Mehr könnten wir gar nicht werden als Gottes Kinder. Einer wie die andere und zugleich keine wie der andere. Allesamt Gottes geliebte Söhne und Töchter. Einmalig, unverwechselbar. Das gilt nicht allein für Äußerlichkeiten.

Der Beamte einer Justizvollzugsanstalt, der Jugendlichen in der Arbeitstherapie handwerkliche Fertigkeiten nahebringt, putzt die jungen Kerle nicht permanent herunter. Mit Blick darauf, dass sie ein anderes, drogen- und gewaltfreies Leben anfangen sollen, bewundert er den Tätowierer für seine Malkunst, den Schläger für die Geduld beim Bienenstockbauen und den Junkie für seine Liebe, mit der er Engel aussägt oder Einkaufstaschen näht. Er kitzelt aus den Übeltätern heraus, was sie an Gutem schaffen können – zu ihrer eigenen Überraschung. Leicht ist das nicht. Klartext muss trotzdem gesprochen werden.

Berechtigte Kritik kann, darf und muss man äußern – im Gefängnis, daheim, unter Freunden, in der Schule, am Arbeitsplatz. Es ist nötig und möglich, sachliche Kritik an einem Menschen zu üben. Eine faire Auseinandersetzung baut auf gute Argumente und auf Selbstkritik. Sie ist „gut, erbaulich und notwendig“, wenn sie Tatsachen benennt, Gefühle nicht außer Acht lässt. Wenn die Gesprächspartner aufeinander hören und bedenken, was der oder die jeweils andere sagt und meint. Jeder ist darauf angewiesen, verstanden und respektiert zu werden. Aber eben auch darauf, geliebt zu werden als ein besonderes Menschenkind.

Vielleicht hilft die Einsicht, dass kein Mensch makellos durchs Leben kommt. Jeder trägt früher oder später Falten, Narben, Wunden auf Körper und Seele, hat Flecken auf der weißen Weste und gehört gerade so zu Gottes Ebenbildern. Wozu wäre himmlische Gnade und vorurteilsfreie Zuneigung gut, wenn man sie nicht dringend bräuchte? Mann und Frau sollten realistisch und zugleich barmherzig mit sich und anderen umgehen. Du bist schön! Schluss mit dem Runtermachen! Und wenn man selber oder ein anderer wirklich abscheulich ist? Dann hilft es, getrost auf Gott zu schauen.

Gott liebt die innere Schönheit hervor aus den Menschen

Er trifft sich, wahrer Mensch geworden, zum Essen mit Aussätzigen, Huren und Zöllnern. Er sieht mehr als das Augenscheinliche, er sieht den ganzen Menschen – und darum erweist sich auch sein Gegenüber als jemand anders. Gott liebt die innere Schönheit hervor aus den Menschen. Wir gehen nicht auf in dem, was unsere Rolle aus uns macht und sollten auch andere nicht auf die ihre festnageln. Gott hat Freude an Überraschungen: daran, dass der Fußballer unerkannt Kranke besucht, die ehemalige Zwangsprostituierte wieder in die Schule geht und der schüchterne türkische Junge mit Downsyndrom Samba tanzt.

Du bist schön! Das, was du besser kannst als andere ist wunderbar – aber auch deine kantigen Eigenheiten sind ein Geschenk. Das neue Fastenmotto nimmt die Bibel tief ernst und konterkariert alle Vorstellungen von einem allseits passenden, gefälligen Menschen. Du bist schön – auch wenn du in dich gekehrt und keiner der beliebten „Immer-gut-drauf“-Typen bist. Du bist schön, weil du in Streitigkeiten zur Ruhe beiträgst, weil du pfeifst auf das, was andere sagen und dich schlicht nach deinem eigenen Geschmack kleidest. Du bist schön, weil du ein Herz hast für die Nöte der Kinder dieser Welt, weil du gibst und nicht allein nimmst.

Es ist die größte Auszeichnung und eine kräftige Zumutung zugleich: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.“ Ebenbild Gottes sind wir – schön und mit Talenten versehen, unvollkommen und eigen. Wir haben den Auftrag, unsere Gaben und Fähigkeiten zu entfalten. Das gelingt oft und segensreich. Zugleich bleiben niemandem Niederlagen und bitteres Scheitern erspart. Wir brauchen Vergebung und Neuanfänge – wir brauchen es, dass Gott zu uns persönlich sagt: „Du bist schön! Du bist mein Ebenbild!“ Wer weiß, dass er oder sie sich Gottes Ebenbild nennen darf, der besitzt Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Der ist frei.

Solchermaßen gestärkt kann man locker darauf verzichten, andere herunterzumachen – und die eigene Unzufriedenheit an ihnen auszulassen. Es ist vielmehr aufregend im guten Sinn, sie in ihrer Vielfalt zu bewundern, sich über Charaktere und Eigenheiten zu freuen, aus Gottes Werk tief gehende Lebensfreude zu schöpfen. Menschen sind wunderbar geschaffen, als Frau, als Mann, als Kind. Du bist schön –mit deinen Fehlern, den Krankheiten und Gebrechen, den strahlenden und den müden Augen, blühend, matt oder elend, stark und wild oder schwach und zahnlos. Du bist schön, weil Gott dich liebt.
Das ist der einzig richtige Maßstab.

 

Quelle: „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“ © Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main 2014

Wir danken CHRISMON - Das evangelische Magazin für das Veröffentlichungsrecht dieses Artikels.

 

 

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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.

Lukas 12, 48

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/LPETTET

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