Menümobile menu

Zurück zur Einstiegsseite

Ohnmacht

Um 15 Uhr bebt die Erde so stark wie nie zuvor im Nordosten Japans. Dann überrollt eine gigantische Tsunamiwelle das Land. Städte werden ausradiert, Tausende kommen in den Fluten ums Leben. Ein Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Große Mengen radioaktiver Stoffe werden freigesetzt, weite Gebiete sind verstrahlt, müssen evakuiert werden, eine Region wird zur Todeszone erklärt. Die radioaktive Strahlung kennt keine Grenzen. Die Zahl der Opfer bleibt ungewiss, die Folgen – nicht einschätzbar. Die Angst vor weiteren Katastrophen bleibt, nicht nur in Japan. Es ist der 12. März 2011.
 
Die Nachrichten laufen: ein Erdbeben in Kolumbien, Tornados in Mississippi, ein Flugzeugabsturz in Belgien. Mehr als eine Milliarde Menschen leben am Rande des Existenzminimums; rund 30.000 Menschen sterben täglich an den Ursachen von Armut und Hunger. Auch in Deutschland klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Renten sind nicht sicher, die Altersarmut nimmt zu. Bombenattentate im Nahen Osten, unzählige Tote in Bürgerkriegen, endlose militärische Auseinandersetzungen, Opfer der Diktaturen und, und, und.
 
Jeden Einzelnen, jede Einzelne müsste ich betrauern, jede Ungerechtigkeit anklagen, doch mein Kopf ist leer angesichts des Leids, des Unglücks, der Katastrophenmeldungen, die täglich auf mich einströmen. Ich fühle mich ohnmächtig, hilflos, fühle mich erschlagen von all der Not. Was kann ich schon tun gegen Klimaerwärmung, Krieg, Armut, Hunger, soziale Ungerechtigkeit? – Am liebsten würde ich den Kopf in den Sand stecken. Ich, als kleiner Mensch, stehe vor all diesen großen Problemen und kann nichts tun. Diese Ohnmacht betäubt mich, macht mich träge. Ich will nichts sehen, nichts hören, nichts tun. Ich kann auch gar nicht.
 
Ich kann auch gar nicht? Gott wird’s schon richten? Gemütlich will ich mich zurücklehnen – aber geht das einfach so? Bin ich wirklich ausgeliefert? Kann ich wirklich nichts tun?
 
Ich denke an Dorothee Sölle, eine ganz besondere Theologin, Pazifistin und Streiterin für eine bessere Welt, politisch engagiert – solidarisch mit den Unterdrückten und immer tatkräftig. Sie forderte nicht nur Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, sondern trat aktiv für sie ein. Leistete Widerstand, gab sich nicht zufrieden mit einer Welt, in der das Recht des Stärkeren regiert. Sie suchte nach Wegen der Befreiung für alle Menschen, suchte nach Wegen der Gerechtigkeit. Ihr Glaube war untrennbar verbunden mit dem Eintreten für das richtige Tun. Sie glaubte nicht an einen Gott, der es schon richten wird, vielmehr war sie der Auffassung: „Gott hat keine anderen Hände als unsere.“
 
Ja, ich kann etwas tun. Im Kleinen vor meiner Haustür – die Bewahrung der Schöpfung fängt beim Einkauf an. Bei der Energienutzung. Die Verteilung von Gerechtigkeit beginnt bei mir: Wo kann ich unterstützen, wie kann ich mich engagieren – auch politisch? Aus meiner Verantwortung heraus für diese Welt will ich nicht ohnmächtig bleiben. Will unbequem sein, will Widerstand leisten, will eintreten für eine bessere, gesunde und gerechte Welt. Vielleicht kann ich nicht jedes Thema aufgreifen, aber anfangen und ein Zeichen setzen, gegen die Ohnmacht. Glaube – ganz konkret – lässt mich tätig werden!
 
Britta Jagusch
 
 
Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti dichtet ein "Anderes Osterlied":
 
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer,
vergessen wäre für immer.

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer,
so weiterginge wie immer.

Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden, und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren,
die mit dem Tod uns regieren.
 
T.: Kurt Marti, M.: Peter Janssens
aus: Wir können nicht schweigen, 1970
Rechte im Peter Janssens Musik Verlag, Telgte

Diese Seite:Download PDFDrucken

© Foerschtl / Fotalia.com

Dies Gebot haben wir von ihm,
daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, 21

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Gorfer

Zurück zur Webseite >

to top