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Vom Umgang mit der Bibel

Eine Ermutigung. Von Veit Dinkelaker

Es herrscht oft das Missverständnis, dass es beim Umgang mit der Bibel ein "richtig" und ein "falsch" gibt. Auch wenn es in der Tat undiskutablen Umgang mit Heiligen Schriften gibt - grundsätzlich ist der persönliche Zugang zur Bibel entscheidend. Um erneut Menschen an den Umgang mit der Bibel heranzuführen, hilft es, in die eigene Biographie zu schauen. Noch kann davon ausgegangen werden, dass mehrheitlich Gemeindeglieder in ihrem Leben durch die Familie, Schule und die Konfirmationsarbeit unterschiedlichen Kontakt mit der Bibel hatten. Das wird klar, wenn sich bei einer gemeinschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel zunächst jede und jeder klar macht:

  • Wann hatte ich Kontakt mit der Bibel: als Kind, in der Schule, als Jugendlicher, als Erwachsener?
  • Welche Person hat mich in den verschiedenen Phasen beim Umgang mit der Bibel angeleitet oder begleitet - in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, in der Gemeinde?
  • Welche Erlebnisse erinnere ich - positiv oder negativ? Begeistert oder Zweifelnd?
  • Welche Veränderungen in der Haltung zur Bibel nehme ich an mir selbst wahr? Ein Austausch darüber ist für alle Beteiligten erhellend, wenn nicht befreiend.

Es gibt nach wie vor Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die von klein auf mit der Bibel zu tun hatten, auch wenn ihnen das so gar nicht klar ist: als Kind singen sie in der Familie oder im Kindergarten - und sei es am Weihnachtsbaum. Als Schulkind hören und lesen sie im Religionsunterricht oder im Kindergottesdienst biblische Geschichten. Biblische Konzepte wie die Nächstenliebe werden verstanden und ausprobiert. Jeder Mensch erlebt an irgendeinem Punkt, spätestens in der Jugend einen Bruch: Fragen kommen auf, ob das wirklich so ist, wie man das als Kind verstanden hat. Neue Wege, mit Bibel, Zweifel und Glauben umzugehen, findet man nur mit anderen Menschen, die sich diesen Fragen stellen - und den Erfahrungen, die der oder die einzelne macht. Die Übergänge im Leben, insbesondere Geburten und Todesfälle sind entscheidend. Nach einer Prüfung kann die Erkenntnis kommen, wie wichtig einem die Bibel sein kann - auch wenn man ihr nicht mehr wortwörtlich folgen möchte.

Es wird dabei deutlich, dass ein Kind biblische Geschichten anders aufnimmt und damit umgeht, als ein Jugendlicher oder ein Erwachsener. Der Glaube verändert sich in den verschiedenen Lebensaltern. Die Gewissheiten der Kindheit tragen nicht immer durch bis ins hohe Alter. Fragen, Zweifel, Erfahrung kommen hinzu. Ein erwachsener Umgang mit der Bibel kann nicht stehen bleiben beim wortwörtlichen Verständnis - er entwickelt sich kritisch weiter. Die biblischen Texte und Geschichten halten diese Fragen aus. Sie stellen an mancher Stelle selbst alles in Frage - und lassen hin und wieder weise Antworten erkennen. Beim Umgang mit der Bibel hilft bildende Kunst und Musik. Darin wird deutlich, dass die Bibel kein Geschichts- oder Gesetzbuch ist, sondern Lebensthemen in allen Facetten behandelt - jede und jeder findet seinen bzw. ihren Anknüpfungspunkt. Besonders die Erklärung der Umstände, wie die verschiedenen Teile der Bibel entstanden sind, helfen da weiter - und geben einen Einblick in die reiche Welt hinter den Texten. Vielleicht findet jede und jeder sein Lied in und mit der Bibel?

Folgende Texte stammen aus der Ausstellung "fremde.heimat.bibel", die im Jahr 2016 im Bibelhaus Erlebnis Museum zu sehen ist.

Zugänge zur Heiligen Schrift

Bild, Schrift, Musik, Gesang – es gibt viele Zugänge zur Heiligen Schrift. Manche Menschen hören von ihr das erste Mal in einer fremden Sprache. Für andere ist die Bibel das erste Buch in ihrer Muttersprache. Manche lesen die Heilige Schrift als Buch voller Erzählungen, andere als Buch voller Regeln. Manche hören in der Heiligen Schrift Gott durch Menschen sprechen. Andere hören darin Menschen von und über Gott sprechen.
Manche verehren ihre Heilige Schrift, andere kritisieren die Heilige Schrift, wieder andere machen beides. Manche missbrauchen die heilige Schrift zu eigenen Zwecken. Andere entlarven solchen Missbrauch. Für die einen ist die Heilige Schrift ein Gefängnis, aus dem sie sich befreien. Andere sind frei durch ihre Heilige Schrift.
Manche durchleben alle diese Phasen von klein auf im Laufe ihres Lebens, oft gleichzeitig. Anderen bleibt der Zugang zu Heiligen Schriften verschlossen. Die einen steigen aus, wieder andere steigen ganz frisch und neu ein. Weltweit, gestern, heute und morgen.

ich lese – ich verstehe

Die unmittelbarsten Zugänge sind Bild, Musik und Gesang. Nach dem Selbstverständnis der Bibel offenbart sich Gott allerdings den Menschen durch Sprache und Schrift. Diese Offenbarung zu entziffern gilt als entscheidender Zugang zur Heiligen Schrift.
Spätestens seit Humanismus und Reformation vor 500 Jahren hat sich der Gedanke durchgesetzt: Jeder Mensch soll Zugang zu Gottes Wort in der eigenen Muttersprache haben. Um das zu erreichen, sollen alle lesen und schreiben lernen, Jungen und Mädchen. Das führt zur Alphabetisierung weltweit. Bildung führt zu Selbstbewusstsein und Selbständigkeit im Zusammenleben.
Häufig geht durch Alphabetisierung herkömmliches Wissen verloren. Es bleibt eine Aufgabe, altes und mündlich überliefertes Wissen aufzuschreiben und dadurch für die Zukunft zu sichern.

ich singe – ich handle

Musik und Gesang vermitteln Trost und Freude auch in Not. Die Heiligen Schriften rufen dazu auf, sich besonders den Ohnmächtigen, Fremden, Notleidenden, Armen, Kranken und Sterbenden zuzuwenden.
Viele Geschichten der Bibel erzählen von Menschen, die aufgebrochen sind. Es sind Geschichten der Befreiung von Unterdrückung und Sklaverei. Sie spiegeln die Erfahrungen von Opfern von Krieg und Gewalt. Das Ziel der Heiligen Schriften ist Frieden. Dazu formulieren sie Regeln. Manche sind zeitlos, andere Regeln sind sehr durch die Zeit und Kultur geprägt, in der sie entstanden sind. In der Bibel gilt als Maßstab das Gebot: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ (3. Buch Mose/ Leviticus 19,18).

ich zweifle – ich prüfe

Not und Tod stürzen Menschen in Verzweiflung. Das Urvertrauen ist erschüttert: Ist das Leben noch gut und lebenswert? Die Heiligen Schriften lehren: Gott will das Leben. Wie passt dazu die Wirklichkeit von Unglück und Tod? Die Bücher der Bibel sind voll von Widersprüchen, gegenteiligen Ansichten, erzählen einerseits vom Frieden und dann ausführlich von Krieg und Gewalt – wozu?
Seit 400 Jahren bezweifeln immer mehr Menschen die antike Weltdeutung der Heiligen Schriften.  Zweifel scheinen angebracht angesichts von religiösen Auseinandersetzungen, religiöser Bevormundung, Naturbeobachtungen und Naturkatastrophen.
Auf welcher Seite steht Gott – auf der Seite der Opfer? Oder der Täter? Muss man die Bibel wortwörtlich nehmen? Woher nehmen die Verzweifelten in der Bibel ihre Hoffnung? Wer kann angesichts des Leides der Welt auf die Allmacht Gottes hoffen?

ich erkenne – ich singe

Auf dem Weg zu Freiheit und Selbständigkeit schöpfen viele Befreiungsbewegungen nicht erst seit 200 Jahren Kraft aus der Botschaft der Heiligen Schrift, dass Gott auf der Seite der Ohnmächtigen und Unterdrückten ist. Sie klagen den Missbrauch von Macht an, besonders wenn Mächtige Bibel und Religion zur Durchsetzung ihrer Interessen benutzen.
Die Verzweiflung angesichts von Not und Tod kann zur Erkenntnis führen, dass Gott auf der Seite der Ohnmächtigen steht. Der Zweifel gehört zum Glauben dazu. Er kann mitten im Scheitern Kraft geben, sich als Mitmensch dennoch für das Leben einzusetzen. Das entspricht der biblischen Botschaft: Gott wendet sich jedem einzelnen Menschen zu.

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Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

1. Petrus 1, 3

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto, shironosov

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