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Emotionen

Kehrt die Rache in die Gesellschaft zurück?

Luis Pedrosa/istockphoto.com„Rachsüchtige Ex-Gatten und Ex-Frauen sind unsere besten Informanten“, sagen Steuerfahnder.

Sie schien domestiziert, doch mit dem Terror ist der Drang nach Vergeltung wieder da: Die Rache.

Von Martin Vorländer (Evangelische Sonntags-Zeitung)

Zurückschlagen, den anderen büßen lassen für das, was er mir angetan hat. Rachegefühle sind normal. Doch es ist verheerend, sie in die Tat umzusetzen. 

Zwei Kinder spielen im Sand am Meer. Das Mädchen baut eine Burg mit Mauern und Türmen. Der Junge spielt mit seinen Förmchen. Ein Strandspaziergänger kommt vorbei. „Toll!“, lobt er die Sandburg und geht weiter. Das Mädchen strahlt. Ihr Spielgefährte kocht vor Wut. Mit einem Fußtritt bringt er einen Turm zum Einsturz. „Du bist gemein!“, kreischt die Burg-Erbauerin. „Na warte!“ Und zertrampelt seine Sandfiguren. 

Rache hat vernichtende Kraft

Eine Kinderszene. Gar nicht harmlos, sondern bitterernst. Der Reflex, sich zurückgesetzt zu fühlen und es dem anderen heimzahlen zu wollen, wütet im Kleinen und endet im Großen oft blutig. Rache hat vernichtende Kraft. „Sie braucht starke Zügel“, sagt Thomas Kanzow, Facharzt für Psychiatrie in Kiel. 

„Wir werden niemandem den Triumph gönnen, dass sich Angst, Hysterie oder Rachegefühle ausbreiten“, schrieb Heinrich Bedford-Strohm, bayerischer Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender, am Tag nach dem Amoklauf in München auf seiner Facebook-Seite. Das klang fast beschwörend, als wollte er die entfesselten Gefühle nach dem Schock über die Woche der Bluttaten wieder zurück in die Büchse der Pandora bannen.

Zwei Tage nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 sagte der damalige US-Präsident George W. Bush unmissverständlich: „Wir werden diejenigen finden, die das getan haben! Wir werden sie in ihren Löchern ausräuchern, und ihnen Beine machen! Und wir werden sie einer gerechten Strafe zuführen!“

„Spüre meinen Schmerz“

Der Wunsch, sich zu rächen, ist menschlich. Rache macht blind. Im Rausch der Rache sieht man nur noch, was der andere einem angetan hat. „Du sollst den Schmerz spüren, den du mir zugefügt hast“, das ist der Antrieb, der Herz und Kopf beherrscht. 

Also zerstört man, was dem anderen teuer und heilig ist. Den Schraubenzieher genüsslich an der Längsseite seines heiß geliebten Porsche entlang ziehen. Ihr Designerkleid zerschneiden und die Fetzen in der Wohnung verteilen. Pikante Details anonym dem Arbeitgeber zuspielen. „Rachsüchtige Ex-Gatten und Ex-Frauen sind unsere besten Informanten“, sagen Steuerfahnder.

In Rache kann heillose Zerstörung liegen

Ob mit kühlem Kopf von langer Hand vorbereitet oder als prompter, heißblütiger Return – Rache ist immer nur kurzlebige Lust, dafür aber heillose Zerstörung mit Langzeitwirkung. Was bleibt, ist ein verächtliches Gegenüber und eine schwer beschädigte eigene Würde. Es tut einem selber nicht gut, wenn man sich so entblößt und wie eine männliche oder weibliche Furie aufführt.

Schon die Bibel kennt Geschichten der Rache

Die Worte Rache, Recht und Gerechtigkeit haben einen inneren Zusammenhang. Rache verweist darauf: Jemand hat einem anderen ein schweres Unrecht angetan. Das verlangt nach einem Ausgleich, damit die Welt wieder in Ordnung kommt. Das Blut Abels, den sein Bruder Kain erschlagen hat, schreit von der Erde zu Gott im Himmel, heißt es in der Bibel (1. Mose 4,10). Das Blut ist im Alten Testament der Sitz des Lebens, und Gott allein ist Herr des Lebens. Wer Blut vergießt, greift damit auch Gott an. 

Rache kommt im Alten wie im Neuen Testament vor. In den sogenannten Rache-Psalmen beten Menschen alles mögliche Unheil auf ihre Feinde herab. „Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul. (...) Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Vergeltung sieht, und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut.“ (Psalm 58,7.11) Da stockt einem der Atem. 

Macht über Leben und Tod liegt allein bei Gott

Auch das Neue Testament ist nicht frei von Rachefantasien. Der Verfasser des 2. Thessalonicherbriefs erwartet, dass sich der „Herr Jesus“ vom Himmel her offenbaren wird „in Feuerflammen, Vergeltung zu üben an denen, die Gott nicht kennen“ (2. Thessalonicher 1,8). Im Buch der Offenbarung schreien die, die wegen ihres Glaubens umgebracht worden sind: „Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“ (Offenbarung 6,10)

Der entscheidende Punkt in der Bibel ist: Die Rache hat ihren Raum. Doch die Macht über Leben und Tod liegt nicht beim Menschen, sondern bei Gott allein. „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ (5. Mose 32,35; Römer 12,19) Es geht bei der biblischen Rache nicht um ungezügelte Emotionen. Vielmehr soll Gott das Recht wiederherstellen und den Opfern von Gewalt Gerechtigkeit widerfahren lassen. 

Spirale der Gewalt durchbrechen

Die Bibel erzählt, wie die Gewalt seit Kains Brudermord eskaliert – und wie Gott sie begrenzt. Die biblische Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ hat nichts zu tun mit hemmungsloser Blutrache. Der Alttestamentler Erich Zenger nennt dieses Gebot einen „rechtsgeschichtlichen Quantensprung“. Eben nicht beide Augen für eins, das ganze Gebiss für einen Zahn. Der Ausgleich für ein Unrecht soll nach dem Grundsatz „Gleiches für Gleiches“ erfolgen. Das unterbricht die Spirale der Gewalt.

„Rächt euch nicht selbst, meine Lieben“, schreibt Paulus, „sondern gebt Raum dem Zorn Gottes“ (Römer 12,19). Das ist nicht nur gut für den anderen, den ich am liebsten bitter büßen lassen würde. Es ist gut für mich selbst. Denn Rache besetzt den ganzen Menschen. Sie fährt in alle Glieder und beherrscht Herz und Verstand, Tun und Reden. Sie umgibt einen wie ein Gewand (Psalm 73,6). Rache „vergiftet die Lebenskraft“, so formuliert es der deutsch-schweizerische Schriftsteller und Psychologe Arno Gruen. 

Rachegelüste im Gebet „straffrei“ formulieren 

Warum stehen dann überhaupt solch blutrünstige Rache-Passagen in der Bibel? „Weil man im Gebet Gott alles sagen darf“, meint Kurt Schmidt, Theologe des Zentrums für Ethik in der Medizin am Markus-Krankenhaus in Frankfurt. „Man darf Gott seine Not klagen, seine Wut, seinen Hass, seine Aggression. Man darf wirklich alles sagen. Solange man es nur Gott sagt und Gott die Rache überlässt.“ 

Er fügt hinzu: „Beten bedeutet, Macht abzugeben.“ Die Rache-Psalmen mögen sich für den privaten Hausgebrauch eignen, um Aggressionen abzureagieren. Aus gutem Grund stehen sie nicht im Gesangbuch und werden nicht kollektiv von der Gemeinde gebetet. 

Gebot der Nächstenliebe ist oberstes Gebot

Das Alte wie das Neue Testament verwandelt die zerstörerische Kraft der Rache in eine Energie, die Leben ermöglicht. „Du sollst dich nicht rächen“, spricht Gott, „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Und Gott bekräftigt: „Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,18) Im Neuen Testament fragt Petrus: „Wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Reicht siebenmal?“ Jesus antwortet: „Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ (Matthäus 18,21-22)

Nächstenliebe und Vergebung. Das ist viel verlangt in Zeiten des Terrors und der Gewalt. Rachegefühle liegen da näher. Es hilft, darüber nachzudenken, dass Jesus Bußfertigkeit bei dem voraussetzt, dem man vergeben soll. Vergebung ist also nichts, was man einem anderen frag- und klaglos hinterher wirft. 

Mit Rache setzt man sich selbst schnell ins Unrecht. Man stellt sich auf eine Stufe mit dem Übeltäter. Im guten Sinne „überlegen“ ist der Mensch, der alleine und mit anderen zusammen seine wildesten Gefühle Gott anvertraut – und ihn bittet, die Spirale der Gewalt zu beenden und Wege zur Gerechtigkeit zu zeigen.

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Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

2. Korinther 5, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Pali Rao

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