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Einheit trotz Vielfalt - Marburger Religionsgespräch

Die Veröffentlichung der 95 Thesen des Reformators Martin Luther veränderte die Welt. Ein erbitterter Kampf um die Wahrheit brach aus - theologisch, politisch und juristisch.

Der Streit um den wahren Glauben ließ keine Kompromisse zu. Andersdenkende waren Ketzer, Verräter der wahren Lehre, starrsinnige Leugner. Mit Abweichlern ging man brutal um. Vermeintliche Ketzer wurden gefoltert, um Geständnisse zu erzwingen; hatten sie gestanden, wurden sie hingerichtet. Seine religiösen Überzeugungen offen zu vertreten, konnte für den Einzelnen gefährlich sein. Das Deutsche Reich war von Religionsfreiheit weit entfernt.

Auch die Protestanten waren in den Anfängen der Reformation für die Katholiken Ketzer. Aber auch untereinander rangen Protestanten verschiedener Richtungen um eine gemeinsame, evangelische Wahrheit und konnten sich besonders in der Abendmahlsfrage nicht einigen. Gemeinsam waren sich Protestanten und Katholiken allerdings in einem einig: "Die Wiedertäufer sind die Schlimmsten." Ein friedliches Nebeneinander der Kirchen schien zunächst ausgeschlossen.

Hessen – das Land mit den diplomatischen Lösungen

In Hessen gab es erste Zeichen von Religionsfreiheit. Landgraf Philipp betätigte sich gern als Streitschlichter: "Versöhnen statt spalten" war sein Motto. Er ließ beispielsweise niemanden wegen seines Glaubens hinrichten. Einige Andersgläubige mussten allerdings das Land verlassen. Im Streit um den wahren evangelischen Glauben vermittelte Philipp zwischen den Reformatoren Zwingli und Luther. Er lud beide zu einem Religionsgespräch nach Marburg ein. Mit Philipps Hilfe konnten sie sich in 14 von 15 Fragen einigen. In der Frage nach dem Abendmahl gelang dies allerdings nicht.

Das Marburger Religionsgespräch

Einige führende Reformatoren vertraten bei einzelnen Glaubensfragen unterschiedliche Meinungen. Philipp der Großmütige war jedoch auf eine starke evangelische Bündnisfront angewiesen, denn die katholische Seite wehrte sich entschieden gegen die Reformbestrebungen der Protestanten.

Insbesondere die Anhänger Martin Luthers und die Anhänger des Schweizer Reformators Huldrich Zwingli stritten sich öffentlich. Landgraf Philipp von Hessen befürchtete eine Spaltung der protestantischen Bewegung und versuchte im Oktober 1529 die geistlichen Führer der Reformation im so genannten "Marburger Religionsgespräch" zu einer Einigung zu bewegen. Die Hauptkontrahenten der aus ganz Europa nach Marburg angereisten Reformatoren waren die Wittenberger Luther und Melanchthon, Zwingli aus Zürich, Martin Bucer und Kaspar Hedio aus Straßburg und Andreas Osiander aus Nürnberg. Auch evangelische Fürsten und Städte entsandten Vertreter zu diesem Treffen.

Einigung und Unterschiede

Luther und Melanchthon hielten das Religionsgespräch vor allem mit Zwingli von Beginn an für aussichtslos und hatten große Vorbehalte, die Einladung des Landgrafen anzunehmen. Auch Zwingli folgte der Einladung nach Marburg mit Skepsis. Gegensätzlicher Meinung war man vor allem in der Abendmahlsfrage. Während Luther an der traditionellen Lehre von der leiblichen Gegenwart Christi im Brot und Wein des Abendmahls festhielt, verstand Zwingli die Abendmahlsfeier als symbolische Gedächtnishandlung. Drei Tage lang dauerten die Streitgespräche auf dem Marburger Landgrafenschloss.

Anfangs machten die Reformatoren um Zwingli bei den Glaubensfragen über die Gottheit Christi, den Heiligen Geist und die Erbsünde Zugeständnisse an die lutherische Seite, was auf einen Erfolg hoffen ließ.

Bevor das Gespräch über den strittigen Punkt des Abendmahls begann, wies der hessische Kanzler Johann Feige in einer Rede auf die Nachteile des theologischen Zwiespaltes hin. Luther hielt jedoch an seiner Auffassung fest, demonstrativ schrieb er auf den Tisch die Worte "Hoc est corpus meum" (Dies ist mein Leib). Diese erklärte er als Gottes geheimnisvolle Offenbarung. Zwingli und Oekolampad wiesen vergeblich darauf hin, dass es der Vernunft widerspreche, dass Christus einerseits im Himmel sei und andererseits während des Abendmahls an vielen Orten gleichzeitig leiblich vorhanden sein solle. Außerdem warfen sie Luther vor, dass er den Satz, den er beweisen sollte, als bewiesen voraussetzte. Luther begegnete den Argumenten seiner Gegner, indem er auf die Unbegreiflichkeit der göttlichen Macht hinwies.

Am Ende des Gesprächs hielten die Beteiligten das Ergebnis den so genannten Marburger Artikeln in 15 Punkten fest. In 14 erzielten sie eine Einigung. Sie verständigten sich beispielsweise auf das Glaubensbekenntnis von Nicäa und legten fest, dass Jesus als Sohn Gottes durch Einwirkung des Heiligen Geistes Mensch geworden sei und entschieden, dass die Kindertaufe rechtens sei.
In der Abendmahlsfrage blieb man jedoch unterschiedlicher Meinung. Trotz der Uneinigkeit bekundeten die Teilnehmer aber den Willen, einander in christlicher Liebe zu tolerieren.

Politische Dimension

Hinter der theologischen Auseinandersetzung im Marburger Schloss verbarg sich vor allem auch ein machtpolitischer Streit. Während Luther zunächst seine reformatorischen Ideen nicht in den Dienst politischer Ziele stellen wollte und strikt den Einsatz von Waffengewalt gegen Kaiser und Papst ablehnte, waren Zwingli und seine Anhänger bereits zum bewaffneten Widerstand entschlossen. Erst zwei Jahre später änderte Luther seine Meinung. Nachdem auf dem Augsburger Reichstag von 1530 die Konfessionsschrift der Evangelischen vom Kaiser und der katholischen Reichstagsmehrheit schroff zurückgewiesen wurde, stimmte er dem 1531 in Schmalkalden geschlossenen Verteidigungsbündnis der Protestanten zu.

Verschiedene evangelische Strömungen bis heute

1536 kommt es in der Wittenberger Konkordie durch die Vermittlung des Reformators Martin Bucer zu einer Verständigung zwischen den südwestdeutschen Reformatoren und den Lutheranern. Die Abendmahlsfrage wird aber erneut zu einem Streitpunkt unter den Evangelischen, als sich in einigen Teilen Deutschlands die Lehre des Reformators Calvin verbreitet und zur Entstehung einer reformierten Konfession führt. Die konfessionelle Spaltung wirkt bis heute in Form getrennter Kirchen lutherischen und reformierten Bekenntnisses fort; in manchen Regionen sind seit dem 19. Jahrhundert Lutheraner und Reformierte in einer Kirche zusammengeschlossen ("unierte Kirchen").

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Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft / noch seine Güte von mir wendet.

Psalm 66, 20

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto, Vectoring

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