Spiritualität

Die Scheu vor der Frömmigkeit weicht

Ein Gespräch mit Paul Martin Clotz, Pfarrer für "Geistliches Leben" in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau:

Herr Clotz, das Thema Spiritualität ist in aller Munde. Doch was ist das eigentlich?

Paul Martin Clotz
Paul Martin Clotz

PAUL MARTIN CLOTZ: Es ist der Versuch, Gott beziehungsweise seinen Geist - den ‘spiritus‘- im eigenen Leben wahrzunehmen. Wie wirkt er sich in meinem Leben aus? Hilft er mir bei meinen Entscheidungen, tröstet er mich oder widerspricht er mir? Diese besondere Schau wird mit dem, was man Spiritualität nennt, eingeübt.

Und wie geht das konkret?

CLOTZ: Durch beten, schweigen, nach innen hören. Lebendige Gotteserfahrung passiert überall, auch im Alltag. Natürlich auch im Gottesdienst. Es wäre gut, wenn wir alle fest davon ausgingen, dass Gott anwesend ist, auch im Gotteshaus und in allen Elementen der Feiern dort.

Gottesdienste werden aber immer weniger besucht. Dafür boomen christliche Frömmigkeitsübungen wie die gute, alte Einkehr oder neue, christliche Meditationsformen.

CLOTZ: Lassen Sie uns das eine nicht gegen das andere ausspielen. Es ist gut, wenn immer mehr Menschen - darunter sind übrigens zunehmend auch die Pfarrerinnen und Pfarrer - an Einkehrtagen, an Exerzitien, an Pilgerwegen teilnehmen. Gegenwärtig fragen viele danach, 'Wo entdecke ich Gott in meinem Leben?' Der Gottesdienst ist in der Regel eine Veranstaltung, die vielen gerecht werden will, und deswegen oft so nüchtern und unpersönlich ist. Er lässt vor allem meist zu wenig Raum für die ganz persönlichen Gotteserfahrungen; die braucht Zeit, Ruhe, aber auch Gefühl und Wallung - hier kommt der Musik im Gottesdienst eine ganz wichtige Aufgabe zu.

Trotzdem: Ist da nicht eine große Chance für die Kirche vertan worden?

CLOTZ: Die Zahl derer, die das als Manko erkannt haben wächst tatsächlich. Immer mehr Theologen, gemeindliche Mitarbeiter oder Kirchenvorstände wollen tiefer in die Frage nach dem geistlichen Leben einsteigen. Nicht zuletzt, weil viele Gemeindemitglieder auch danach fragen und es vor Ort schlicht einfordern.

Wo findet man nun neue Angebote?

CLOTZ: Ich bin froh, dass es das „Haus der Stille“ mit seinen entsprechenden Angeboten gibt und dass im Pastoralkolleg und in der Pfarrerfortbildung vermehrt geistliche Angebote gesucht und gemacht werden. Im bundesweiten Vergleich steht die hiesige Kirche nicht schlecht da. Meine Stelle als Beauftragter für geistliches Leben gibt es seit elf Jahren und war damals eine der ersten in der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Was sind Ihrer Meinung nach denn die Zukunftstrends?

CLOTZ: Besonders wichtig ist, dass unsere Arbeit im „Zentrum Verkündigung“ und im „Haus der Stille“ inzwischen sehr anerkannt ist und genutzt wird. Wir haben in der Zwischenzeit auch ein Netzwerk von hervorragender Leuten, die Geistliche Begleitung und Exerzitien im Alltag anbieten können. Was sich davon letztendlich bewähren wird, ist derzeit noch nicht klar.

Trotzdem ein kleiner Ausblick: Was ist jetzt dran?

CLOTZ: Ich hoffe sehr, dass auch die vielen Gottesdienste landauf landab von unseren guten Erfahrungen mit Stilleübungen und verschiedenen Gebetsformen profitieren. Auch sollten immer mehr Angebote von Morgen-, Mittags- oder Abendgebeten in den Kirchen stattfinden. Dadurch kämen wir übrigens in dem wichtigen Projekt weiter, dass Evangelische Kirche in der Woche offen sein sollten - auch für das kurze persönliche Innehalten und Beten.

[Die Fragen stellte Volker Rahn, Evangelische Sonntags-Zeitung]