Kirchenorgel
„In der Kirche bin ich einfach zu Hause“
Wilma Dörr aus Rabenau-Londorf spielt seit 70 Jahren die Kirchenorgel
Von Patrick Stricker

Wilma Dörr an der Orgel im „Dom der Rabenau“ in Londorf
Rabenau-Londorf. Kleine Instrumente sind nicht gerade ihr Ding. Ein paar Hundert Pfeifen müssen es schon sein, am liebsten 1400. Denn exakt so viele Pfeifen gehören zur Kirchenorgel im „Dom der Rabenau“ in Londorf. Das ist das Revier von Wilma Dörr (80). Seit 70 Jahren begleitet sie von hier Gottesdienste, Hochzeiten oder Beerdigungen an der Orgel. Und das jeden Sonntag – mit nur ganz wenigen Ausnahmen.
„Es war niemand da, der die Orgel spielte“, erinnert sich Dörr an ihre ersten Tage an Manualen, Registern und Pedalen zurück. 1941 war das, mitten im Zweiten Weltkrieg. Eine Zeit, in der eigentlich nur Männer an die Orgel durften. Die meisten Organisten damals waren Lehrer. Weil die aber alle im Krieg waren, drohte die Orgel im Dom der Rabenau für lange Zeit stumm zu bleiben. Für die Besetzung des Organistenamtes in Rabenau war der damalige Klavierlehrer von Wilma Dörr verantwortlich – und er hatte schließlich auch die zündende Idee. „Er hat mich gebeten, die Stelle anzunehmen“, erzählt sie. „Und das, obwohl ich erst zehn Jahre alt war.“ Aber: Dörr hatte bereits fünf Jahre Klavierunterricht hinter sich und brachte so die nötigen Voraussetzungen mit.
Was folgte, war ein echter Ausbildungs-Marathon. Parallel zur Schule besuchte sie zahlreiche Fortbildungskurse in Gießen, in der Johanneskirche legte sie schließlich ihre Eignungsprüfung ab. In der Zwischenzeit spielte Dörr zu ihrer eigenen Konfirmation. „Das war damals alles sehr schwierig“, sagt sie. „Die Kirche war eiskalt, denn es wurde nicht geheizt. Wir hatten zwar zwei große eiserne Öfen – aber kein Holz.“
Doch davon ließ sie sich nicht unterkriegen. Heute erinnert sie sich gerne zurück an viele Adventskonzerte und freut sich auf jede neue Hochzeit. Einem ist sie dabei besonders dankbar: ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann. Während sie Sonntag für Sonntag an der Orgel saß, kümmerte er sich daheim um das Mittagessen für ihre drei Söhne.
Mittlerweile zieht Wilma Dörr nicht nur in Londorf jede Woche sämtliche Register, auch in Allertshausen ist sie alle 14 Tage zu hören. Eine Auszeit will sie sich – wenn überhaupt – nur selten leisten. „Ich mache in den letzten Jahren gar keinen Urlaub mehr, weil ich einfach keine Vertretung finde“, sagt sie. Noch schlimmer sieht es aber in Sachen Nachwuchs aus. „Von meinen jungen Klavierschülern geht niemand an die Orgel. Für sie ist das einfach zu schwierig, sonntagmorgens aufzustehen.“ Wenn aber wirklich jemand in ihre Fußstapfen treten wolle, möchte sie aufhören. Dörr: „Ich will niemandem im Weg stehen.“
Alles andere als im Weg stand sie den insgesamt acht Pfarrern, die sie in ihrer langen Zeit als Organistin bereits erlebt hat. Einer von ihnen ist Pfarrvikar Andreas Luipold, der momentan die Gottesdienste in Londorf und Allertshausen gestaltet. „Sie ist nicht nur eine Besonderheit, sie ist eigentlich ein Geschenk – ein Gottesgeschenk“, sagt er über die 80-Jährige. Und hofft, dass sie noch ein paar Jahre an der Orgel sitzt.
Wilma Dörr selbst denkt nur ganz leise an einen Abschied. „Mit 80 muss man bald mal aufhören“, sagt sie. „Aber Orgelspielen ist für mich etwas ganz Besonderse. In der Kirche bin ich einfach zu Hause.“
zurück | letzte Aktualisierung: 23.01.2012 | copyright by EKHN