Jahr der Kirchenmusik

Frischer Wind und eine authentische Idee

Konzert und Diskussion mit zeitgenössischen Komponisten in der
Evangelischen Wartburgkirche, Frankfurt am Main, 3. Oktober 2011 Komponistenwerkstatt – Ein Projekt der EKHN im Jahr der Kirchenmusik 2012

„Die Kirche und ihre Musiker brauchen zeitgemäße Musik, um den lebendigen Glauben zu bezeugen. Wir brauchen frischen Wind“, erklärte Kirchenmusiker Christian Roß am 3. Oktober 2011 in der Evangelischen Wartburgkirche in Frankfurt am Main. Mit Konzert, Vorträgen und Diskussionen anwesender Komponisten wurde die „Komponistenwerkstatt“ eröffnet, ein Projekt, mit dem die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) im Jahr der Kirchenmusik 2012 die Entstehung neuer Musik für die kirchenmusikalische Praxis fördert. Das einstündige Konzert mit Werken von Seeger, Rautavaara, Schauß-Flake, Nysted, Drude, Engel, sowie einer Komposition des Darmstädter Kantors Christian Roß, stand am Beginn der Veranstaltung.


Großprojekte im Jahr der Kirchenmusik 2012
Vom 1. Advent 2011 bis 31.12.2012 finden in der gesamten EKHN in Hessen und Rheinland-Pfalz Konzerte, Events und Musik unter dem Slogan „Kirche macht Musik – Musik macht Kirche!“ statt. Flyer, Veranstaltungen, Logos, Online-Shop und Presseinformationen finden Sie unter  www.kirche-macht-musik-ekhn.de. Überregional geplant sind u.a. ein Impulstag im Zentrum Verkündigung „Neue Zugänge zum Singen mit der Gemeinde“ am 11. Februar 2012, der Landesjugendposaunentag 2012, das Forum Frauensingen im Kloster Eberbach mit dem Verband Evangelischer Chöre in Hessen und Nassau, ein Gospelevent und Kinderchorfest an Pfingsten 2012 in Frankfurt, Mitmachaktionen zum Deutschen Chorfest in Frankfurt vom 7. bis 10. Juni 2012 sowie die Beteiligung an der EKD Stafette „Kirche klingt“ vom 18. bis 31. März 2012 in der Propstei Nord-Nassau und Oberhessen.


Ansprechpartner im Jahr der Kirchenmusik 2012
ist das Zentrum Verkündigung der EKHN, www.zentrum-verkuendigung.de in Frankfurt/Bockenheim. Jutta Winkler, Geschäftsführerin und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit im Zentrum Verkündigung freut sich für die EKHN, wenn „die reiche kirchenmusikalische Arbeit in unserer Landeskirche sichtbar gemacht und gestärkt wird.“

Facebook-Nutzer finden Informationen unter www.facebook.com/Kirchenmusikjahr2012        

Von Paul Engel spielte das Bläserensemble Contrapunctus unter Leitung von Uwe Krause „Exodus“, ein Musikstück, das der 1949 geborene Komponist im Jahr 2009 für einen Reformationsgottesdienst für Bläser, Harfe, Schlagwerk und Orgel komponiert hatte. Die Zuhörer erlebten ein Werk von kraftvoller Klangfülle bis zur Stille, „so wie es klingt, wenn die Gläubigen den Kirchenraum verlassen“, so Engel zu seiner Musik. In der anschließenden Diskussion unter Leitung von Christa Kirschbaum, der neuen Kirchenmusikdirektorin der EKHN, meinte Engel, dass das Ego des Künstlers nicht selten der Verstehbarkeit von Musik im Wege stünde. „Wenn ich nur darüber nachdenke, wie ich anders sein kann, ist die Musik nicht mehr nachvollziehbar“, so der heute in Wiesbaden lebende Komponist. Für den zeitgenössischer Komponisten und Professor Gerhard Müller-Hornbach sei Musik Lebensäußerung: “Es geht um existentielle Fragen von Menschsein und um die Sicht der Welt“, so der 1951 geborene Professor der Frankfurter Musikhochschule. Im Fach Komposition, so Hornbach in seinem Kurzvortrag, lernten seine Studentinnen und Studenten in erster Linie „Stilkopien“ anzufertigen, Musik aus zweiter Hand, gebunden an etwas Traditionelles. Die große Kunst des Komponierens sei jedoch, den „Moment der Authentizität“ zu treffen und dies sei keine Frage des Stils, sondern eine Frage der Haltung, so Hornbach.

Damit im Jahr der Kirchenmusik 2012 ab dem Wintersemester 2011/2012 neue Kompositionen für die kirchliche Praxis entstehen können, arbeiten Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker der EKHN als Mentorinnen und Mentoren von nun an mit Professor Gerhard Müller-Hornbach und seinen Kompostions-Studentinnen und Studenten der Frankfurter Hochschule zusammen. 13 Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker von Kronberg bis Groß-Gerau stellten ihre musikalischen Gruppen und Projekte vor, für die die Studenten ab sofort ans Werk gehen werden. Ziel dabei ist es, neue Musik zu schreiben, nicht für einmalige Großevents, sondern Musik, die von Laien gespielt und gesungen werden kann. Jonathan Granzow, Frankfurter Musikstudent im 10. Semester, kann sich auch vorstellen, den populären „Sacropop“ weiterentwickeln. Dazu zählt man Kompositionen im Stil der Popmusik mit christlichem, beziehungsweise religiösem Text. Dabei wird ihn Professor Hornbach anleiten, „nicht nur ein Gefühl zu vertonen“, sondern, „eine zeitgemäße Haltung zu den biblischen Texten zu finden“, so Hornbach. Wenn die Übung gelingt, werden er oder seine beim Konzert anwesenden Mitstudenten Paul Schäffer und Mathias Monrad Moller, so beschreibt Hornbach die hohe Kunst des Komponierens, „eine Idee verwirklichen, die authentisch ist“. Christa Kirschbaum, die das Gespräch mit den zeitgenössischen Komponisten Drude, Engel, Essl, Hornbach, Mohr und Stodthoff moderierte, freut sich auf die neuen Werke und betonte, dass Menschen auch in „ganz normalen“ Gottesdiensten für neue kirchenmusikalische Impulse aufgeschlossen seien. Der aus Stuttgart angereiste Komponist und Professor Jürgen Essl lobte im Anschluss der Veranstaltung „die Programmauswahl und erstklassige Qualität der Interpretation. Den Initiatoren der Komponistenwerkstatt wie den Ausführenden des Konzerts gebührt höchste Anerkennung“, so der 1961 im schwäbischen Kirchheim unter Teck geborene Kirchenmusiker. Er wurde als autodidaktischer Komponist weltweit ebenso erfolgreich wie als exzellenter Organist. Augenzwinkernd bekannte er in seinem Erfahrungsbericht, dass er auch schon einmal ein Chorstück geschrieben hätte, dass für die Laiensängerinnen und Sänger einfach zu schwer gewesen sei. Und damit traf er auch den Kern des Problems, anspruchsvolle neue Musik zu schaffen, die für Laien umsetzbar ist. In Frankfurt soll diese Kluft nun überwunden werden. Dafür haben sich am 3. Oktober 2011 Akteure aus Musikhochschule und Kirchenmusik in der Evangelischen Wartburgkirche mit riesigen Schritten aufeinander zubewegt. Die Zeiten, in denen Menschen sagen könnten: „Ich gehe in kein Konzert, wo der Komponist noch lebt“, so der Darmstädter Kantor Christian Roß, seien vorbei. Längst vorbei seien auch die Gehversuche der Neuen Musik und damit der Wandel im Gebrauch der Singstimme. Generationen von Sängern und Ensembles beherrschten das Metier, zitierte Roß Hanna Aurbacher. Und seine Darmstädter Kantorei lieferte im Konzert den Beweis dafür. Warm, sanft, stimmig und spannungsvoll stimmten sie unter anderem in achtstimmigem Chor a cappella „Die Erste Elegie“ von Einojuhani Rautavaara mit Akkorden aus der 12-Ton-Reihe an. Jörg Strodthoff, seit 1988 an die traditionsreiche A- Kirchenmusikerstelle der Auenkirche in Berlin-Wilmersdorf als Leiter der Kantorei und Organist berufen, gab den Studenten aus seiner Erfahrung den Schlüssel für das Gelingen einer Komposition mit der Frage auf den Weg: „Will ich diese Musik ein zweites Mal hören?“ In Zusammenarbeit mit dem Strube-Verlag komponiert er derzeit die großangelegte und großbesetzte Neuvertonung einer Passion. Dass die barocken Bachkantaten noch heute zeitlos beliebt seien, so der erfolgreiche Komponist, läge daran, dass sie die Urprobleme der Menschen ansprächen. Uwe Krause, Propsteikantor für Oberhessen, der den Bläserchor „Contrapunctus“ leitet, zitierte in seinem Vortrag Oskar Söhngen: „Nur, wenn das große Erbe der deutschen Kirchenmusik sich als eine Kraft ständiger Erneuerung erweist, dürfen wir hoffen, dass auch diejenigen zum Aufhorchen gezwungen werden, die glauben, heute dem Christentum das Totenglöcklein läuten zu können.“ Er sprach von einer kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung und die wurde in der Frankfurter Wartburgkirche am 3. Oktober 2011 musikalisch eingeläutet. Schließlich wird es für die neu entstehende Kirchenmusik nicht zuletzt darum gehen, wie es der anwesende Komponist Matthias Drude, dessen Kantate für Sprecher, Chor und Bläser Ihr seid das Salz der Erde zu hören war, auf den Punkt brachte „Hörer sollen bereichert und berührt nach Hause gehen.“

Heidi Förster