evangelisch - katholisch

Hintergrund: Sakramente und Abendmahl

Seit dem ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 ist die Frage nach dem Abendmahlsverständnis in der katholischen und evangelischen Kirche wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Papst Johannes Paul II. hat zudem im Frühjahr 2003 in einem Lehrschreiben noch einmal unmissverständlich die Position des Heiligen Stuhles in Sachen Abendmahl verdeutlicht: Die Eucharistie ist Zentrum der katholischen Frömmigkeit; nur ein von geweihten Priestern ausgeteiltes Mahl ist wirkliches Abendmahl; katholische Gläubige sollten sich deshalb von Brot und Wein anderer Konfessionen fern halten. Das einstige Gemeinschaftsmahl wird damit zur Trennungslinie.

Bedeutung der Sakramente

Wie kommt es zu der unterschiedlichen Deutung des letzen Mahles Christi in katholischer und evangelischer Kirche? Zunächst lohnt ein Blick auf die Lehre von den Sakramenten. Sakrament ist die lateinische Übersetzung des griechischen Begriffes mysterion. Mit dieser Vokabel beschreibt das Neue Testament das durch Christus offenbarte Heilsgeheimnis Gottes. In der frühen Kirche können mit Sakrament nahezu alle Dinge bezeichnet werden, die mit Gottes Heilszuwendung zum Menschen in Verbindung stehen. Die Siebenzahl der Sakramente in der römischen Kirche wurde erst relativ spät im 13. Jahrhundert festgelegt.

Die reformatorischen Kirchen reduzierten die Sakramente später auf das, was auch handfest durch die Bibel belegt ist: nämlich lediglich Taufe und Abendmahl.
Entscheidender als die Zahl ist jedoch die Bedeutung der Sakramente in den Glaubensgemeinschaften. In der katholischen Kirche gelten sie als wirksame Gnadenmittel, denen in Verbindung mit dem eigenen Glauben eine sündenvergebende und somit heilende Wirkung zugesprochen wird. Das klingt in protestantischen Ohren stark nach der von Martin Luther immer wieder gegeißelten Werkgerechtigkeit. Und tatsächlich bezweifeln die evangelischen Kirchen, dass allein durch die Sakramente Heil gewonnen werden kann. Sie sehen in ihnen eher ein Zeichen für die Gnade Gottes an den Menschen. Daneben ordnen Protestanten dem Wort und der Predigt mindestens eine gleichwertige (lutherische Tradition), wenn nicht sogar eine höhere (reformierte Tradition) Stellung ein.

Abendmahl als Opfer?

Auch im Verständnis des Abendmahls spiegelt sich das wider: Es wird von katholischer Seite eher als Opfer verstanden, mit dessen Hilfe man Gottes Gerechtigkeit erlangen kann. Das war einer der zentralen Angriffspunkte der Reformatoren: Mit Christi einmaligem Opfer am Kreuz haben sich alle weiteren Opfer – auch das im Abendmahl – erübrigt. Heute versteht denn auch die katholische Kirche die Eucharistiefeier mehr als „Dank- Opfer“ für die einmalige Heilstat Christi. Ökumenisch wird das hoffnungsvoll als deutliche Annäherung der Positionen gewertet.

Wer darf ein Abendmahl leiten?

Das schwierigste und bisher ungelöste Problem zwischen den beiden Konfessionen bleibt jedoch die Frage nach der Leitung der Abendmahlsfeier im Gottesdienst. Nach römisch-katholischem Verständnis – sowie übrigens auch nach Ansicht einiger lutherischer Kirchen – kann das Abendmahl nur von einem Geistlichen geleitet werden, der von einem in apostolischer Sukzession stehenden Bischof geweiht wurde. Evangelischerseits ist diese Leitungsfrage zweitrangig, denn entscheidend ist: Christus steht der Feier vor und lädt alle ein. An diesem Punkt wird deutlich, dass die Abendmahlsfrage niemals ohne die Amtsfrage verhandelt werden kann. Und diese wiederum ist eng verknüpft mit dem jeweiligen Kirchenverständnis der Konfessionen. Ändert sich katholischerseits also das Abendmahlsverständnis, wird damit rituell auch am Stuhl Petri selbst gerüttelt.

Gemeinsame Tradition und gleichzeitig unüberbrückbare Trennung?

Trotz Differenzen: Das Abendmahl wird von nahezu allen Kirchen als Sakrament – als heilige Handlung – verstanden, durch das die Gläubigen Gemeinschaft untereinander und mit Gott erfahren. Aus diesem Grund spielt es in der modernen ökumenischen Diskussion seit jeher eine zentrale Rolle: An keinem anderen Ort ist die Spaltung und Einheit der Christinnen und Christen deutlicher als bei der Feier des Herrenmahls. Durch den Ausschluss einzelner oder ganzer konfessioneller Gruppen wird hautnah erlebbar, dass die von Christus einst zugesagte Gemeinschaft zerbrochen ist. „Ich kann’s nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt“, rüffelte der Apostel Paulus dereinst die Christen in Korinth. Der Hintergrund damals waren bereits unterschiedliche Abendmahlsauffassungen in der griechischen Metropole.

Langer Weg zur Einigung bei den Protestanten

„Es ist öffentlich am Tage, dass wir über die Worte Christi vom Abendmahl in Streit geraten sind“, schreibt Martin Luther anderthalb Jahrtausende später an den Schweizer Reformatoren Huldrych Zwingli. Auch sie lagen beim Abendmahl im Streit miteinander und diskutierten außerordentlich polemisch darüber, ob Christi in Brot und Wein tatsächlich leiblich oder eher symbolisch zugegen ist. Erst 1973 rangen sich selbst die reformatorischen Kirchen dazu durch, ihre Feiern gegenseitig anzuerkennen.

Gemeinsamkeiten

Dennoch bleiben in der gesamten Christenheit auch grundlegende Gemeinsamkeiten im Verständnis des Herrenmahls, auf die sich ökumenisch aufbauen lässt. So wird in allen christlichen Traditionen Gott für seine Taten gedankt, des Todes und der Auferstehung Jesu gedacht, Brot und Wein als Zeichen für den Leib und das Blut Christi gedeutet sowie in der Feier ein leibhaftiger „Vorgeschmack“ der künftigen, neuen Welt Gottes gesehen.

Bewegung von unten

Der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky – einst katholisch, heute evangelisch – formulierte bereits 1999, dass das römische Verbot zum außerkatholischen Abendmahl inzwischen zu einem „inhaltslosen Ritual“ geworden sei. Und er folgert: „Wir sind dafür verantwortlich, dass wir uns in falschen Fragen nicht selber fesseln.“ Auch Jörg Zink, der Grandseigneur der protestantischen Publizistik, sieht trotz strenger päpstlicher Lehrworte zum Herrenmahl ein hoffnungsfrohes Zeichen am Horizont. An der Basis der Kirchengemeinden sei „eine Bewegung in Gang gekommen, die auf Dauer keine Kirchenordnung, kein theologischer Machtanspruch und keine Kirchenbehörde mehr aufhalten wird.“

[Volker Rahn, Evangelische Sonntagszeitung]