Ewiges Leben

Das Leben danach – vollkommen anders

 

Zu dieser Grenze führt nur eine Einbahnstraße.

Jeder bewegt sich auf diese Grenze zu, die wir Tod nennen.

Niemand weiß, wann er ankommt.

Ausgeliefert im Niemandsland.

Es gibt kein Zurück.

Keiner spricht, alle warten darauf, dass die Ungewissheit vorbeigeht.

Asche zu Asche, Staub zu Staub

Mit dem Tod ist alles aus, lautet eine gängige Behauptung. Die Überreste Verstorbener verschwinden in der Erde, lösen sich mit Hilfe von Bakterien und Pilzen in ihre Bestandteile auf. Die Natur hat das so eingerichtet, um den Nachgeborenen das Überleben zu sichern. Sonst wäre das Leben längst unter Leichenbergen erstickt. Die Körper der Toten müssen weichen, damit es weitergehen kann.
Wir bekommen bei der Geburt viel mit: Gene, Begabungen und Verhaltensweisen. Aber Leben ist ja weitaus mehr: Erfahrungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Träume. Was wird daraus am Ende? Wird das alles ebenfalls von Bakterien und Pilzen aufgelöst - auf Nimmerwiedersehen?

Vom Schattenreich ins Museum

Schon immer und in vielen Kulturen sollten Tote für ein Leben im Jenseits versorgt werden - mit Gebrauchsgegenständen und Nahrungsmitteln, Schmuck und Waffen. Unübertroffen waren darin die alten Ägypter, deren Religion sich massiv um ein Leben nach dem Tod drehte. Dieses Leben stellte man sich wie eine Art Fortsetzung des Erdenlebens vor, wenn auch in einem Schattenreich im Dunkel, irgendwo unter der Erde. Von dem, was dann die Gräber nach Jahrtausenden unbenutzt preisgaben, leben heute viele Museen ausgezeichnet.

Leben und Tod aus Gottes Hand

Im alten Israel hat die Frage eines Lebens nach dem Tod lange Zeit kaum interessiert. Ewiges Leben stand nur Gott als dem Schöpfer des Lebens selbst zu. Er allein hatte die Macht, Menschen das Leben auch wieder zu nehmen. "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!", sagt der fromme Hiob, der furchtbaren Prüfungen ausgeliefert war (Hiob 1,21). Das Leben kommt von Gott, und es geht dorthin zurück, als ginge man nach Hause. "Meine Heimat ist im Himmel", sagen manche gläubigen Christen noch heute.

Es muss doch Unterschiede geben

Schon immer hatten Menschen aber auch die Neigung, ins Jenseits zu projizieren, was auf Erden seinen Ursprung hatte: Gutes wird belohnt und Böses bestraft. So wollte man die Welt gerne sehen. Und wenn es denn auf Erden nicht klappte, dann sollte die endgültige Abrechnung wenigstens im Himmel stattfinden - vor allem als Belohnung für die Frommen: ewiges Leben in Gottes Licht. Überlegt hatten sich das vermutlich solche, die sich selbst für fromm hielten. Menschen sind nun einmal so. Aber auch die Gegenrichtung lag auf der Hand: ewige Ferne von Gott als Verdammnis und Strafe im Schattenreich tief unter der Erde. Höllenfeuer, gehörnte, bocksfüßige Teufel und siedendes Öl kamen später als Abschreckungsmaterial dazu.

Hoffnungsträger

Nur: Niemand weiß doch wirklich, was nach dem Tod sein wird. Jesus selbst hat sich dazu nicht sehr klar geäußert, und manches ist ihm wohl auch erst später zugeschrieben worden. Aber nach seinem Tod und vielfach bezeugter Rückkehr ins Leben wurde er selbst zum Hoffnungsträger der Christen: Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Der Apostel Paulus haut das der - offenbar eher diesseitig gesinnten - Gemeinde in Korinth regelrecht um die Ohren, wenn er schreibt: "Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen" (1. Kor. 15,19). Zu deutsch: Sonst kann man's auch lassen!

Transit: Wo alle Gedanken versagen

Vielleicht ist das ja der Kern. Aber alle Bilder, die wir über ein Leben jenseits des Todes im Kopf haben, stammen aus dem Diesseits und sind deshalb garantiert falsch. Eine mittelalterliche Legende erzählt von zwei Mönchen, die es genau wissen wollten. Sie hatten sich abgesprochen, und der zuerst Gestorbene erschien dem anderen in der nächsten Nacht. "Qualiter?" - wie ist es drüben - fragte, wie verabredet, der Überlebende. "Taliter" - so, wie wir es uns gedacht haben - oder "aliter" - anders - sollte der Gestorbene antworten. Aber der sagte nur lächelnd: "Totaliter aliter" - vollkommen anders.

Zu Gott

Erstaunlicherweise wird sogar bei Vertretern der Kirche die Frage nach dem Leben jenseits der Todesgrenze manchmal wie eine geheime Verschlusssache gehandelt und allenfalls wortreich umschrieben. Wo man nichts Genaues weiß, scheint die Devise, soll man sich bedeckt halten. Kein falsches Wort, bitte schön. Etwa auch auf der Flucht? Es gibt doch richtige Worte. Zum Beispiel das uralte Abschiedswort unserer französischen Nachbarn, das sich bei uns im "Ade!" erhalten hat. "A dieu!" heißt es eigentlich: "Zu Gott!"


[Oberkirchenrat Dr. Joachim Schmidt]