Heilige

Heilige und die Evangelischen Kirche

 

Wer eine katholische Kirche besichtigt, dem fällt auf, dass oft mehrere Gemälde oder Skulpturen „Maria mit dem Kind“ zeigen. Maria, die Mutter Jesu, ist die wichtigste Heilige in der katholischen Kirche, zu der die Gläubigen beten und ihre Bitten äußern. Auch Elisabeth von Thüringen, an die in diesem Jahr die evangelische und katholische Kirche erinnern,  gilt unter Katholiken als Heilige. Welches Verhältnis hat aber die Evangelische Kirche zu den Heiligen? Gibt es dort überhaupt Heilige?

Heilig sind alle Getauften

„Ja, auch in der Evangelischen Kirche gibt es Heilige, auch wenn dies größtenteils in Vergessenheit geraten ist“, erklärt Pfarrer Dr. Michael Heymel, Referent für Ehrenamtliche Verkündigung im Zentrum Verkündigung der EKHN. Und das Überraschende daran ist, dass ALLE getauften Christen zu den Heiligen zählen. Das Glaubensbekenntnis, das im sonntäglichen Gottesdienst gesprochen wird, erinnert daran, in einer Passage heißt es: „Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.“ Die Idee, dass jeder getaufte Christ ein Heiliger ist, leitet sich aus dem Brief des Paulus  an die Kolosser ab. Er beginnt mit diesem Satz: „Paulus an die Heiligen in Kolossä, die gläubigen Brüder in Christus: Gnade sei mit euch.*“
Dieser Satz liefert für Evangelische auch den Grund, weshalb sie keine Menschen heilig sprechen, denn Gott hat sie ja bereits zu Heiligen berufen.
Allerdings verhält sich nicht jeder Getaufte so, wie man es von einem Heiligen erwarten könnte. So hat beispielsweise ein getaufter Kriegsverbrecher seine Würde als Getaufte nicht wahrgenommen. Auch Paulus erlebt, dass die Gemeinschaft der Heiligen immer wieder gefährdet ist, weil ihre Mitglieder immer auch "Sünder" sind, also sich von Gott entfernen.

Menschen, die eindrucksvoll bezeugen, dass Gott lebt

Dietrich Bonhoeffer
Quelle:xxx
Einige Protestanten halten Dietrich Bonhoeffer für einen Heiligen

„Allerdings gibt es auch einzelne Christinnen und Christen, die sich durch ihren Glauben und ihr Leben dem Gedächtnis der allgemeinen christlichen Kirche besonders eingeprägt haben“, erläutert Michael Heymel. Sie seien jedoch nicht „heiliger“ als die anderen, aber an ihnen zeige sich besonders deutlich, wie ein Leben aus dem Glauben aussehe. Nathan Söderblom, Erzbischof der lutherischen Kirche Schwedens, beschrieb Heilige als "Menschen, die durch ihr Wesen und Leben bezeugen, dass Gott lebt".  Deshalb gibt es auch einige Protestanten, die beispielsweise den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer für einen Heiligen halten.
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat in ihrem liturgischen Kalender einzelnen Heiligen bestimmte Gedenktage zugeordnet. Sie sind im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 954 zu finden. Dazu gehören unter anderen der Tag der Apostel Petrus und Paulus und auch der Tag der Geburt Johannes des Täufers. Sogar der Gedenktag der Heiligen, der am 1. November, in der römisch-katholischen Kirche als  „Allerheiligen“ gefeiert wird,  gehört zu diesen Tagen, die in einem evangelischen Gottesdienst begangen werden können.

Gedenken statt Anrufung

Der Blick in den liturgischen Kalender der EKHN zeigt übrigens, dass auch für evangelische Christen Maria ein besonderes Vorbild im Glauben ist. Der „Tag der Heimsuchung Mariä“ ist am 2. Juli. Dies bedeutet, dass evangelische  Christen Maria und den anderen Heiligen  in besondere Weise gedenken, aber nicht zu ihnen beten, Evangelische  wenden sich im Gebet direkt an Gott.
Die Reformatoren sprachen ganz unbefangen von den Heiligen, wie es Artikel 21 des Augsburger Bekenntnisses zeigt, der im Gesangbuch unter Nr. 808 zu finden ist.  Dort steht, dass man der Heiligen gedenken sollte, um dadurch die eigenen Glauben zu stärken und sich an dem, was sie getan haben, ein Beispiel zu nehmen. Damit wurde jedoch keineswegs eine Abgrenzung von den übrigen Christen vorgenommen.

[Rita Deschner/MH/DB]

* Von der Redaktion gekürzt