Rechtfertigung

10. Juni 2008

Die ewige Suche nach Liebe und Anerkennung


Luthers Rechtfertigungslehre und ihr Sitz im Leben  

 

Tausende Einsame tummeln sich meist vergeblich auf Internetforen zur Partnersuche, eine Auswanderer-Doku-Soap folgt der nächsten. Deutschland scheint auf der großen Suche zu sein.

Forderungen statt Liebe

Auf der einen Seite steht der Wunsch nach dem künftigen, großen Glück und auf der anderen die  Gegenwart. Da wird im Beruf und in Familien oft mit harten Bandagen gekämpft – teilweise ganz subtil, in höfliche Worte gepackt oder ganz direkt, aber gut gemeint. So berichtet ein Pfarrer im Schuldienst: „In meiner Klasse hatte ich eine schüchterne und schwache Schülerin – sie wird die 8. Klasse wahrscheinlich nicht schaffen.“ Dann kam der Elternabend und dem Theologen wurde klar: Die wichtigste Botschaft, die die Eltern ihrer Tochter vermittelten, war: „Du musst!“  Wann haben die Eltern ihrer Tochter wohl das letzte Mal gezeigt, dass sie sie lieben? Wie wird die Zukunft für dieses Mädchen aussehen? „Wenn Kinder wissen, dass sie geliebt werden, geht dann oft vieles von alleine – das ist bei Erwachsenen nicht anders“, so der Pfarrer.

Liebe als Geschenk

Die grundsätzliche Gewissheit, dass es gut ist, in dieser Welt zu sein, geliebt und angenommen zu werden, bezeichnet die christliche Lehre mit dem Begriff „Rechtfertigung“. Sie sagt, dass jeder einzelne Mensch bedingungslos von Gott angenommen ist. Diese Zusage kommt ohne Tausch von Leistung und Gegenleistung aus, wie wir es im Alltag oft erfahren und erwarten – sie ist ein Geschenk. „Ich bin jemand, ohne mithalten zu müssen“ – das ist die Botschaft. Und wer sich von Gott angenommen wissen darf, kann sich auch selbst und andere annehmen. Nur: Es reicht nicht, diese Sätze zu lesen. Jeder Mensch möchte sie spüren und erfahren.

Gleichgültigkeit und Missachtung

Und spüren kann man sie nur in Beziehung zu anderen Menschen. Gott ist da präsent, wo Menschen ihn zulassen. Wenn der Chef erkennt, dass sein Mitarbeiter die gleiche Würde besitzt wie er, wenn der Mann erkennt, dass seine Frau die gleiche Würde besitzt wie er – dann kann sich das auf ein respektvolleres Miteinander auswirken. Allerdings sieht die Realität oft anderes aus: Da engagieren sich die Mitarbeitenden mit Überstunden und hervorragenden Leistungen und werden doch entlassen, weil sich in einem Billiglohnland mehr Profit erzielen lässt. Da nimmt es ein Partner auch heute noch ganz selbst verständlich hin, dass der andere putzt – ein Wort der Anerkennung gibt es auch nach 20 Ehejahren nicht.

Sichtbar sein und den Anderen sehen

Ja – und dann macht eine den Anfang, wie eine junge Optikerin, die in einem sozialen Brennpunkt Frankfurts auf eine Freundin wartete. Sie sah, dass jemand einparken wollte, entdeckte einen freien Platz und winkte dem Autofahrer zu, der jedoch eine andere Parklücke wählte. Danach kam er auf sie zu und fragte: „Hallo, was sollte denn das?“ Er hatte ihre Zeichen nicht deuten können.  Sie erklärte ihm, dass sie ihm hatte helfen wollen. Darauf war er überhaupt nicht gefasst. „Was? Das gibt’s doch gar nicht. Das find´ ich jetzt so nett, da lad ich Sie gleich auf einen Kaffee ein.“ Glück - mitten in Hessen und ganz real.

Die Rechtfertigungslehre

Dass die christliche Rechtfertigungslehre brennend aktuell ist, darauf hatte die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) am 2. Juni 2008 hingewiesen. In der Mitteilung heißt es, dass die Rechtfertigungslehre nicht ein Lehrstück neben anderen darstelle, sondern grundlegend das Sein des Menschen in der Welt vor Gott beschreibe.

Martin Luther war es, der zwischen den Jahren 1515 und 1516, die Rechtfertigungslehre formulierte. Er war auf diese Bibelstelle gestoßen: „Im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« (Römer 1,17). Hier zitiert Paulus den jüdischen Propheten Habakuk aus dem Alten Testament. Der hatte bereits Jahrhunderte vor Paulus vom gnädigen Gott gesprochen (Habakuk 2,4). Luther leuchtete ein: Allein durch den Glauben erfährt der Mensch einen gnädigen Gott - und nicht durch gute Taten. Er schrieb: „Aber bei Gott geht sie [die Gerechtigkeit] den Werken voran und die Werke entspringen aus ihr.“

[Rita Deschner, CK/ESZ, DB]