Advent
Es begab sich zu der Zeit, als abends die künstlichen Lichter aus den Büros der Bankhochhäuser in die anbrechende Nacht der hessischen Finanzmetropole stachen. Es war der Tag vor Heilig Abend. Elena schätzte müde, aber mit sicherem Blick das Ende der Warteschlange ab, sie war Kassiererin in einem Supermarkt in der Innenstadt. Da stieß energisch ein rundlicher Mann mit Haarkranz die Glastür auf und rief: „Da liegt eine Frau!“. Elena reagierte sofort, sie klingelte den Filialleiter herbei.
Er verschwand mit dem Passanten nach draußen. Durch die Tür konnte Elena die Frau sehen. Mit ausgebreiteten Armen lag sie bewusstlos quer über dem Bürgersteig. Sie trug einen grau-braunen Mantel, das Auffälligste aber war eine riesige, bunt gestrickte Wollmütze, die sich fast wie ein Turban auf ihrem Kopf türmte. Das ungeduldige Räuspern der Kunden ließ Elenas Kopf zurückschnellen. Sie richtete den Scanner auf Fonduepackungen, Weinflaschen und Würstchengläser. Es war nicht zu überhören, als der Rettungswagen mit schwirrendem Blaulicht anrollte. Sofort beugten sich die Sanitäter über die Frau. Aus den Augenwinkeln sah Elena, dass die Männer inne hielten.
Sie starrten ungläubig auf den Kopf der Frau. Zuvor hatten sie die riesige bunte Mütze abgezogen, aus der einer der Sanitäter etwas Unförmiges herausholte. Mit verschränkten Armen und ärgerlich gerunzelter Stirn stand der Filialleiter daneben. Es war ein drei Kilo schwerer, gefrorener Rinderbraten. Das eiskalte Fleisch musste den Kopf der Frau empfindlich herunter gekühlt haben. „Schon wieder eine. Der sechste Diebstahl in einer Woche!“ schoss es Elena durch den Kopf.
„Frohe Weihnachten!“ Sie gab dem letzten Kunden das Wechselgeld zurück, schloss die Kasse ab und lehnte sich an die Tür. Draußen öffnete die Frau benommen ihre Augen und stammelte: „Oh, es tut mir so leid. Ich habe noch nie zuvor gestohlen!“ Elena verdrehte die Augen. Immer das gleiche Lied. Warum ließen sie sich nicht neue Ausreden einfallen?
Mühsam und unsicher richtete die Frau ihren Oberkörper auf, nun kamen braune Locken zum Vorschein, die auf ihre Schultern fielen. Sie sah in die Mienen, in denen sich Gereiztheit und Ärger spiegelten. Langsam quollen Tränen aus ihren Augen, die Schultern zuckten und sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. Tief aus ihrem Inneren brachen die Schluchzer hervor. „Wissen Sie wie das ist, wenn der letzte Cent für Miete und Strom drauf gegangen ist? Für etwas Besonderes bleibt da nichts mehr übrig.“
Verlegen starrte der Filialleiter auf seine Fußspitzen. Er wog den gefrorenen Braten in seinen Händen. Dann spannte sich sein Körper, er schien auf dem Sprung zu sein, um in den kleinen Büroraum zu laufen, zum Hörer zu greifen und die Polizei zu rufen. „Ich hab´s doch nur für die Kinder getan. Wenigstens sie sollen sich an Weihnachten freuen können,“ flüsterte die Frau. Sein Blick streifte erneut ihren verzweifelten Gesichtsausdruck. Undeutlich murmelte er: „Äh, eigentlich hatten wir das Fleisch dieser Marke eh schon aus dem Verkauf nehmen wollen. Behalten Sie´s einfach.“
Am 28. Dezember saß Elena wieder an der Kasse. Wieder schob das Förderband Milchtüten, Kekse und Konserven auf sie zu. Doch dann hielt sie inne. Langsam hob Elena die Augen. Und wieder klingelte sie den Filialleiter herbei. Auf dem Band lagen gemalte Bilder, auf die die winterliche Nachmittagssonne schien. Kinder hatten mit bunten Wachsmalstiften eine glücklichen Familie beim Weihnachtsessen gezeichnet, in der Mitte dampfte ein riesiger Braten.
Elena blickte nachdenklich die schüchtern lächelnde Frau an.
Durch die Fenster sah sie, wie nach und nach wieder die künstlichen Lichter der Bankhochhäuser die Silhouette der Stadt in die Dämmerung zeichneten.
[Rita Deschner / DB]
zurück | letzte Aktualisierung: 05.01.2009 | copyright by EKHN