Passionszeit

Geschichte des Fastens: Fasten stieß Luther bitter auf

Die Fastenzeit ist eine alte Tradition, die den Reformatoren bitter aufstieß. Für Luther und Zwingli galt: "Der Mensch darf jederzeit jegliche Speise essen".

Zahlenspiele

Am Aschermittwoch beginnt traditionell die 40 Tage währende Fastenzeit. So jedenfalls will es das Modell, das sich im 7. Jahrhundert von Rom aus durchzusetzen begann. Die Fastenzeit - Evangelische sagen besser Passionszeit - dauert bis Karsamstag. Wer genau nachzählt, wird feststellen, dass das Rechnen offensichtlich nicht die Stärke der Kirche war: Es sind bei genauer Addition nämlich mehr als 40 Tage. Doch die Sonntage sind vom Fasten ausgenommen und werden traditionell nicht gezählt. Der Hintergrund: Christinnen und Christen feiern schließlich an jedem Sonntag - auch in der Passionszeit - die Auferstehung Christi. Die Zahl 40 hat darüber hinaus beinahe magischen Charakter. Sie steht für einen umfassenden Zeitraum, der Wende und Neubeginn ermöglicht. Auch die Bibel erzählt von einer 40-tägigen Fastenzeit, die Mose, Elias und Jesus verbracht haben.

Der Anfang

Schon im 2. Jahrhundert bereiteten sich Gläubige durch zweitägiges Fasten auf den Ostersonntag vor. Im 3. Jahrhundert wurde die Fastenzeit auf die Karwoche ausgedehnt. In der frühen Kirche nahmen die Gläubigen während dieser Zeit nur eine Mahlzeit am Tag ein. Fleisch, Wein, Eier- und Milchprodukte durften ihre Reise in den Magen nicht antreten. Die 40-tägige Vorbereitungszeit auf Ostern ("Quadragesima") ist erstmals durch das Konzil von Nicäa (325) dokumentiert. Neben dem eigentlichen Fasten etablierten sich im Laufe der Kirchengeschichte weitere Motive und Praktiken in der Passionszeit. Sie wurde zu einer Zeit der Taufvorbereitung oder sie galt als Zeit der Buße (Aschermittwoch). In der römisch-katholischen Kirche wurde dies mit einer Beichtpflicht vor Ostern verbunden. Und natürlich war und ist es bis heute die Zeit der Erinnerung an das Leiden Jesu.

Die katholische Praxis: Sack und Asche

Nach katholischer Tradition bestreute der Priester die Gläubigen mit Asche. Seinen Ursprung hatte dieser Brauch seit dem 8. Jahrhundert darin, dass ein schwerer Sünder, der beispielsweise Ehebruch begangen hatte, in den Büßerstand aufgenommen und mit Asche bestreut wurde. Nach dieser öffentlichen Buße verließ er den Gottesdienst nach der Predigt, trug ein besonderes Gewand und verzichtete auf Körperpflege. Am Gründonnerstag wurde er wieder in die Gottesdienstgemeinschaft voll aufgenommen.
Auch heute noch wird den Gemeindegliedern der katholischen Kirche ein Aschekreuz auf der Stirn gezeichnet. Damit leitet der Priester die 40-tägige Vorbereitungszeit auf Ostern ein, die unter dem Vorzeichen von Erneuerung und innerer Umkehr steht. Die Asche stammt von den verbrannten Palmzweigen des Palmsonntages vom Vorjahr.

Die evangelische Praxis: Vom Schlemmen zum Verzicht

Der lutherische Protestantismus konzentrierte sich auf ein zentrales Motiv - nämlich die Erinnerung an die Leiden Christi. Während Martin Luther im Fasten die Gefahr sah, dass Menschen Gott gefallen möchten, hielt es der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli einfach für ein unbegründetes Gebot: "Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen." In der Zwischenzeit ist aber auch in die evangelischen Kirchen eine breites Verständnis der Passionszeit zurückgekehrt. Seit rund 25 Jahren verbinden Protestanten die geistliche Praxis auch mit einer körperlichen: dem Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten wie gut essen, rauchen, Alkohol trinken oder Fernsehen schauen. Kennzeichen für diese Entwicklung ist die Fastenaktion "7 Wochen Ohne" der Evangelischen Kirche, die im Frühjahr 2003 ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Inzwischen nehmen jedes Jahr rund wie Millionen Menschen an dieser Aktion teil, die sich aus einer Stammtischidee entwickelte.

[Volker Rahn, Evangelische Sonntagszeitung / RD]