Karfreitag
Neu nachdenken über den Sühnetod Jesu
Interview mit Pröpstin Gabriele Scherle und der Offenbacher Dekanin Eva Reiß
Ist Jesus Christus „für uns“ in den Tod gegangen? Können Christen das heute noch glauben oder muss der Tod Jesu am Kreuz anders gedeutet werden? Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat im März in einer theologischen Stellungnahme die Deutung des Todes Jesu Christi als Sühnopfer für die Menschen bekräftigt. Zugleich wird auf die Vielfalt der Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament hingewiesen. Anlass für die Stellungnahme waren Diskussionen in einer Gemeinde in Oberursel. Die dortige Pfarrerin Eva Reiß und heutige Dekanin von Offenbach, ist der Ansicht, über den Sühnetod Jesu müsse neu nachgedacht werden. Auch der Theologieprofessor Klaus-Peter Jörns hat in seinem Buch „Notwendige Abschiede“ gefordert, die Kirche müsse von unverständlichen oder lebensfeindlichen Lehren Abstand nehmen.
11. März 2008
Leitendes Geistliches Amt legt eine Stellungnahme zur Lehre vom Sühnetod Jesu Christi vor
Da es sich bei der Deutung des gewaltsamen Todes Jesu um ein Kernstück christlicher Theologie handelt, hatte sich das Leitende Geistliche Amt der EKHN entschlossen, eine grundsätzliche Positionsbestimmung vorzunehmen. Die Pröpstin für Rhein-Main, Gabriele Scherle, hat als eine von acht Mitgliedern des Leitenden Geistlichen Amtes an dem Papier mitgearbeitet. Die Öffentlichkeitsbeauftragte des Dekanats Offenbach, Claudia Pfannemüller, sprach mit Pröpstin Scherle und Dekanin Eva Reiß über ihre Positionen.
Frau Reiß, warum bereitet ihnen die Lehre vom Sühnopfer Christi Unbehagen?
Eva Reiß: Es ist der Begriff des Opfers, der mir Schwierigkeiten macht. Dieser Begriff ist sehr missverständlich, denn in unserem Kulturkreis ist Opfer etwas Todbringendes. Gott braucht kein Opfer. Er stellt sich zu den Opfern. Der Opferbegriff stammt aus den Denkkategorien der Zeitgenossen Jesu. Mir stellt sich die Frage: Wie kann ich heute den Menschen erklären, dass durch einen Opfertod etwas Positives entstanden sein soll? Ich glaube, das ist den Menschen heute nicht mehr zu vermitteln. Dadurch wird der Eindruck erweckt, als müsse Gott durch das Leiden und Sterben eines Unschuldigen erst versöhnt werden, ehe er vergeben und lieben könne. Aber die Liebe verlangt keine Todesopfer. Ich glaube, dass wir mit dem Bild des Sühnopfers problematische Assoziationen wecken und möchte deshalb lieber darauf verzichten.
Frau Scherle, wie deuten Sie den Begriff des Opfers?
Gabriele Scherle: Das Wort Opfer kann Unterschiedliches meinen. Einerseits bezeichnen wir damit die Selbsthingabe von Menschen, die sich „aufopfern“. Andererseits werden Menschen ganz unfreiwillig durch Gewalt und Ungerechtigkeit „zu Opfern gemacht“. Beides spielt für das Verständnis Jesu Christi eine Rolle. Er hat sich den Menschen liebevoll hingegeben, gerade den Schwachen und Ausgegrenzten. Die Mächtigen haben dies als Bedrohung erlebt und ihn gekreuzigt, also zum Opfer gemacht. Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi, hat diesen Tod nicht gewollt und auch nicht gebraucht. Ich widerspreche also einer dritten Lesart, dass Gott ein blutiges Opfer brauche. Jedoch, so sagt eine vierte Deutung, war Gott der Tod dieses hingebungsvollen und zum Opfer gemachten Menschenkindes nicht gleichgültig. Gott hat deshalb das von Menschen vergossene Blut „wie ein Opfer entgegen genommen“. In biblischer Zeit hieß das: Gott hat die Lebenskraft des Blutes nicht versickern lassen, sondern daraus neues Leben wachsen lassen.
Das bedeutet für uns heute: Das Blutvergießen auf dieser Erde ist nicht das letzte Wort. Kein Mensch, der zum Opfer gemacht wird, ist gottverlassen. Das am Kreuz vergossene Blut öffnet unsere Augen für die Kraft der Liebe Gottes und dadurch für Schuld und Sünde der Menschen, die mit dem Blutvergießen nicht aufhören. Wer die Kraft der Liebe Gottes erfährt, wird befreit, Schuld und Sünde anzuerkennen. Um Gottes willen soll kein Blut fließen. In diesem Sinn ist Christus „für uns gestorben“.
Ist Jesus für unsere Sünden gestorben?
Eva Reiß: Ich sehe da keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Tod Jesu und der Vergebung der Schuld. Ich glaube, dass Jesus gestorben ist, weil er das menschliche Leben konsequent mit uns teilen wollte. Das Besondere an Jesu Leben ist für mich die Auferstehung. Denn in der Auferstehung wird klar: Es gibt Hoffnung für jeden. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das ist für mich der Kern der christlichen Botschaft.
Gabriele Scherle:
Ich kann mich da gut anschließen. Ich meine jedoch auch, dass die Kategorien von Schuld und Sühne für uns moderne Menschen lebenswichtig sind. Das wird besonders dort deutlich, wo wir schuldig werden und keine Vergebung finden. Ich denke an Menschen, die im Verkehr einen anderen Menschen zu Tode gebracht haben, oder an Menschen, die ihre Beziehung vor dem Tod eines Elternteils nicht geklärt haben.
Diese Menschen brauchen andere, die ihnen stellvertretend und verlässlich Vergebung zusprechen können. Sie tun damit das, was Jesus am Kreuz getan hat. Sie bitten stellvertretend mit den Worten: „Vater vergib ihnen ...“ Das meint das alte Wort „Sühne“: Der keine Schuld hat, tritt an die Stelle der Schuldig gewordenen und bittet Gott um Vergebung. Wer sich dieser Bitte anvertraut, dem tut sich trotz Schuld ein neues Leben auf. In diesem Sinn ist Christus für unsere Sünden gestorben.
Frau Reiß, braucht es ihrer Meinung nach neue Rituale, beispielsweise beim Abendmahl?
Eva Reiß: Was die Rituale angeht, so feiere ich beispielsweise das Abendmahl auf die traditionelle Art und Weise, betone dabei aber eher den Gemeinschaftsaspekt. „Christi Blut für Dich vergossen“ ist ein Satz, der weitergeführt werden könnte, um auszudrücken, dass es um Leben geht. Ich kann mit das in etwa so vorstellen: „Christi Leben für Dich gegeben, damit Du leben kannst, auch wenn Du stirbst.“ Ich bin der Meinung, der Tod und die Auferstehung Jesu sollten immer gemeinsam verkündigt werden. Wenn wir als Kirche dem Tod eine übergroße Bedeutung beimessen, bekommt unsere Theologie eine Schieflage. Ich wünsche mir eine Erweiterung der Möglichkeiten, das Geschehen am Kreuz zu denken und in Ritualen auszudrücken. Das Leitende Geistliche Amt hat mit der Stellungnahme über das Sühnopfer eine wichtige Diskussion angestoßen. Ich würde es begrüßen, wenn es eine Fortsetzung des Papiers geben würde. Für diejenigen, die die Sühnopfertheologie nicht mittragen können, müssten noch Alternativen erarbeitet werden.
Frau Scherle, manche Kritiker sagen, ein grundlegender Teil christlicher Theologie werde in der Stellungnahme der Beliebigkeit preisgegeben, weil darin gesagt wird, man müsse nicht an das Sühnopfer glauben?
Gabriele Scherle: Wir haben als Leitendes Geistliches Amt darauf hingewiesen, dass es im Neuen Testament unterschiedliche Deutungen des Todes Jesu gibt. Wir können nicht eine davon zur Bedingung evangelischen Glaubens machen. Wir haben jedoch versucht, die Deutung, dass Jesus „für unsere Sünden“ gestorben und von Gott als Sühnopfer entgegen genommen wurde, in seiner Bedeutung für uns moderne Menschen zugänglich zu machen. Um es ganz deutlich zu sagen: ich halte es für lebensfeindlich, die Kategorien von Schuld, Sühne und Opfer aufzugeben. Sie erschließen unsere Lebenswirklichkeit. Wenn sie nicht ernst genommen werden, bestimmen sie unkritisch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das Blutvergießen im Irak oder in Darfur ist real, die Opfer im Straßenverkehr sind ebenso tot, wie die Kinder, die verhungern, weil ihnen das Lebenswichtigste vorenthalten wird. Opfer, Täter und Zuschauer, wir alle leben davon, dass Gott die stellvertretende Bitte des Gekreuzigten erhört: „Vater vergib ihnen ...“
[Claudia Pfannemüller / DB ]
zurück | letzte Aktualisierung: 07.07.2008 | copyright by EKHN