Kreuz als christliches Symbol
Das Kreuz
mit dem Kreuz
Es gibt kein Zeichen, das das
Christentum mehr symbolisiert.
Vor allem in der Passionszeit
und am Karfreitag steht es im
Mittelpunkt: das Kreuz. Doch das war nicht immer so. In der
Kunst war es alles andere als
unumstritten.
Die Geschichte - Teil I
Es ist heute kaum zu glauben – aber wahr: Über
Jahrhunderte lag die
Kirche mit dem Kreuz über Kreuz.
Erst im Laufe des vierten Jahrhunderts
und mit der Erhebung des
Christentums zur Staatsreligion
wurde das Kreuz zum Symbol des
Christentums. Nachdem Kaiser
Konstantin die Kreuzigungsstrafe
abgeschafft hatte, mutierte es
vom Folterinstrument langsam
zum Zeichen des Siegs. Es war erst
eine historische Katastrophe nötig – das Ende des römischen Imperiums –, um das Kreuz salonfähig
zu machen.
Keine leichte Beziehung
Und heute? Es scheint, als ginge es vielen Evangelischen so, wie den ersten Christen vor 1500 Jahren. Fast verschämt blicken nicht wenige Gemeinden auf ihr Kruzifix über dem Altar. Das ist kein Wunder: Oft genug wanderte das zentrale christliche Symbol eher zufällig in die Kirchen. Ein Stifter wollte womöglich darin seinen Glauben versinnbildlichen oder ein Architekt seinen Geschmack ausdrücken. Vielleicht hat auch einfach nur ein Handwerker seine Fertigkeit bewiesen. Doch mit dem Glauben der Gemeinde und der Theologie vor Ort haben die entstandenen Werkstücke nur selten etwas gemein. Die Folge: Das Kreuz wird zum Kreuz für die Gemeinde; das Kruzifix zum allseits ungeliebten Zierrat.
Theologische Bedeutung
Kreuz ist nicht gleich Kreuz. Das weiß kaum jemand besser als der Direktor des Marburger Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, Horst Schwebel. Der evangelische Theologieprofessor erklärt, dass schon in den Anfängen des Symbols eine Menge christliches Hirnschmalz nötig war, um es in die richtige Form zu gießen: »Theologisch setzt das Bild des Gekreuzigten die Bejahung der Menschwerdung voraus.« Die Grundlagen dafür wurden aber erst im Jahr 451 auf den Konzil von Calkedon gelegt. Hier wurde Christus erstmals als »wahrer Gott« und »wahrer Mensch« zugleich gesehen. Das war der Urknall für den Boom der Kruzifixe. Vorher, so Schwebel, gab es dennoch allerlei Kreuzesbilder.
Die Geschichte - Teil II
Bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts diente das Symbol
nämlich magischen Praktiken der
Mysterienkulte. Auch ein Punkt,
der die Zurückhaltung der ältesten
Christen erklärt.
An den Wänden der römischen
Katakomben findet es sich
jedenfalls bis ins vierte Jahrhundert
hinein fast nicht. Schwebel ist es bei seinen Überlegungen wichtig
zu zeigen, wie eng das Kreuz bereits
in seinen Anfängen mit den
Denkvoraussetzungen der jeweiligen
Epoche verbunden war.
Das evangelische Verständnis im Unterschied zu anderen Konfessionen
Wer
sich dem Kreuz im 21. Jahrhundert
nähere, müsse »das Kreuzigungsbild
heute mit den gegenwärtigen
Glaubens- und Weltmodellen
verbinden«. Doch
das fällt vielen
schwer. Vor allem
die evangelische Theologie
steht sich dabei oft genug selbst
im Weg. Hochsensibel reagiert sie,
wenn die Gefahr besteht, dass ein
Bild verehrt wird.
So wurde der orthodoxen und katholischen Kirche lange unterstellt, das Kreuz oder Kruzifix als Kultobjekt direkt anzubeten. Doch nach deren Verständnis beten die Gläubigen das Göttliche an, das sich im Kreuz repräsentiert – allerdings hat die Volksfrömmigkeit die Bedeutung des Kreuzes zum Teil auf ihre eigene Weise interpretiert.
Tatsächlich hat das Kreuz also eine ähnliche theologische Bedeutung in der katholischen, orthodoxen und evangelischen Kirche. Auch nach evangelisch-lutherischem Verständnis wird nicht das Abbild angebetet, sondern der, dessen Zeichen es ist. Unterschiede zwischen den Konfessionen zeigen sich vor allem in der Praxis: So ist beispielsweise der Kreuzweg fest in der katholischen Tradition verankert; allerdings öffnen sich heute zunehmend evangelische Gruppen für diesen spirituellen Weg.
Innerhalb der evangelischen Kirche ist die unterschiedliche Bedeutung des Kreuzes greifbar: Während Kreuze in Kirchen mit lutherischer Tradition ihren festen Platz haben, ist in reformiert geprägten Kirchen traditionellerweise selten ein Kreuz zu sehen - schon gar keines, auf dem der Leichnam Christi abgebildet ist (Kruzifix). Allein das Wort, das heißt die Bibel, ist auf dem Altar ausgelegt. Die Ursache ist, dass reformierte Christen aufgrund des biblischen Gebotes „Du sollst dir kein Bildnis machen“ keine Bilder oder Kreuze zulassen. Seit einigen Jahren tauchen allerdings auch in einigen Gemeinden mit reformierter Tradition schlichte Holzkreuze auf.
Angesichts dieser Annäherungen können sich die Evangelischen also entspannt ihren Kreuzen und deren Gestaltung zuwenden.
Die Beschäftigung mit dem Kreuz ist unbequem
Doch noch etwas stört
die Konzentration auf das Kruzifix.
Für den evangelischen Theologen
und Marburger Kunstexperten
Markus Zink markiert das
Kreuz stets eine Grenzerfahrung.
Es hat mit Tod und Leid zu tun, es
ist unbequem. Sich mit ihm zu beschäftigen,
bedeute immer auch »Arbeit an der eigenen Person«.
Das Kreuz dränge geradezu »auf
die Auseinandersetzung mit Geschichte
und Glauben«.
Das Kreuz und die Kunst
Die Kunst und die Künstler setzten
sich – durchweg auch kritisch –
mit dem Symbol auseinander.
Von Caspar David Friedrich über
Francis Bacon bis Andy Warhol
reiche die Liste. Kunstwerke seinen
eine Chance, weil sie auf andere
Weise Sinn als das in evangelischen
Kirchen vorherrschende
gesprochene Wort stifteten.
Dadurch könnten sich neue
Einsichten eröffnen – auch beim
Thema Kreuz. Womöglich liegt
das Besondere eines Bildes sogar
darin, dass es zuerst sprachlos
macht. Der Versuch, dem Gesehenen
einen Sinn zu verleihen, verändere
bereits das Denken.
Es lohnt sich also, das umstrittene
christliche Zeichen Kreuz
künsterisch abzustauben und aus
dem evangelischen Schattendasein
herauszuholen.
[Von Volker Rahn, Evangelische Sonntagszeitung, Februar 2006 / Rita Deschner, Jörg Bickelhaupt]
Bildhinweis: Kreuz des Künstlers Willi Beppler, das im Evangelischen Palliativhospital in Frankfurt am Main hängt.
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