60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Gespräch über das Verhältnis zu Mittel- und Osteuropa
Gemeinsam Anwalt der Schwachen sein
Der Fall des Eisernen Vorhangs und die Erweiterung der EU haben das Engagement der EKHN für Mittel- und Osteuropa verändert, aber nicht überflüssig gemacht. Die Gründe erläutert Dr. Hans Steubing vom Zentrum Ökumene.
Mittel- und Osteuropa
Herausforderung Europa
Wie erfolgreich der Einsatz für Frieden und Versöhnung in Europa ist, hängt davon ab, ob es gelingt, die Kluft zwischen arm und reich zu verringern, eine gemeinsame Grundlage für politisches Handeln zu finden und Menschen mit verschiedenen Kulturen und Religionen in Europa eine Heimat zu geben. Aufgrund ihrer großen Erfahrung kann die EKHN zusammen mit ihren Partnerkirchen und den ökumenischen Organisationen zum Gelingen des »Projekts Europa« beitragen.
Belastende Vergangenheit – gemeinsame Zukunft
Der heutige Dialog bewegt sich in der Spannung zwischen den Folgen der Verbrechen aus der NS-Zeit und der stürmischen Entwicklung im sich vereinigenden Europa. Beides besteht nebeneinander her. Das verlangt Engagement auf verschiedenen Ebenen und eine ständige Neujustierung der Arbeit.
Europa hat sich in den vergangenen 15 Jahren stärker verändert, als es in Zeiten des Kalten Krieges vorstellbar war. Wie hat sich das auf die Europa-Arbeit der EKHN ausgewirkt?
Steubing: »Wir haben heute mehr Kontaktmöglichkeiten als je zuvor. Vieles, was früher etwas ganz Besonderes war, ist heute alltäglich. Länder, die noch vor wenigen Jahren als unsere politischen Gegner betrachtet wurden, sehen wir heute als Urlaubsziele. Das hat die Europa-Arbeit der EKHN verändert. Zwar ist Friedens- und Versöhnungsarbeit dabei noch immer ein wichtiger Aspekt. Daneben aber wächst die Zusammenarbeit an gemeinsamen Themen wie Migration oder Armut in Europa.«
Früher waren viele Menschen in Mittel- und Osteuropa bitter arm. Kirchliches Engagement hatte einen Hilfsgestus. Heute sind viele dieser Länder Mitglied in der Europäischen Union. Wozu da noch Hilfe?
Steubing: »Zwar werden Arbeitsplätze von uns in Länder wie Polen oder Tschechien verlegt. Ein ausreichendes Einkommen haben viele dort leider trotzdem noch nicht. Im Gegenteil! Die sozialen Gegensätze sind eher noch größer geworden. Neben boomenden Wirtschaftsregionen finden wir extrem rückständige Gebiete, wo nur die Alten und sozial Schwachen zurückbleiben. Gerade dort ist es wichtig, auf die zu achten, die durch die oft weitmaschigen sozialen Netze fallen. Deshalb sind nach wie vor Hilfsprojekte wie ›Hoffnung für Osteuropa‹ nötig.«
Heute gibt es erhebliche Spannungen unter den Kirchen. Orthodoxe Kirchen zum Beispiel in Russland und Serbien grenzen sich massiv gegen andere Kirchen ab, speziell die evangelische. Die Partnerkirchen in Polen treten aus westlicher Sicht sehr konservativ auf, zum Beispiel durch die Ablehnung der Ordination von Frauen. Was bedeutet das für die ökumenische Europa-Arbeit der EKHN?
Steubing: »Wir sind uns in ökumenischer Hinsicht heute näher als je zuvor. Aber: Es ist wie im richtigen Leben – je näher man einander kommt, umso deutlicher sieht man auch die Runzeln und Pickel im Gesicht des anderen. Wir Kirchen in der westlichen Welt hatten 60 Jahre Zeit, uns an die Realitäten einer pluralen Gesellschaft anzupassen. Wir selbst haben Mühe, mit dem wachsenden Wettbewerb im religiösen Bereich zurechtzukommen. Angesichts des rasant veränderten gesellschaftlichen Umfelds sind viele Kirchen in Mittel- und Osteuropa aus meiner Sicht in eine Identitätskrise geraten. Manche unserer Partnerkirchen sind zudem so klein, dass sie ums Überleben kämpfen. Fragen des Selbstverständnisses stellen sich da mit großem Druck. Alte und bewährte Werte erscheinen dabei sehr attraktiv. Unsere Aufgabe ist es, im Dialog zu bleiben und miteinander zu lernen, den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen.«
Die Transformation Mittel- und Osteuropas ist umfassend. An welchen Zielen müsste sich die Europa-Arbeit der EKHN in Zukunft orientieren?
Steubing: »Nur gemeinsam können wir wirkungsvoll Anwalt der Schwachen sein. Wichtige Fragen wie die Migration und die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme erfordern unser gemeinsames Engagement.
Dazu reichen bilaterale Partnerschaften nicht aus. Um überhaupt als protestantische Kirchen in Europa wahrgenommen zu werden, müssen wir Netzwerke knüpfen, die mit gemeinsamer Stimme sprechen. Diese Stimme müssen wir überall dort erheben, wo Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung bedroht sind.«
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN