60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Aussöhnung mit Mittel- und Osteuropa in 60 Jahren EKHN
Vor 60 Jahren ist die politische Zukunft Deutschlands noch ungewiss. Martin Niemöller gehört zu den Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, die energisch für ein neutrales, demokratisches, vereintes und entmilitarisiertes Deutschland streiten. Seine Hoffnungen werden jedoch enttäuscht. Der Konflikt zwischen den vier Besatzungsmächten manifestiert sich 1949 in der Teilung Deutschlands: der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Niemöller wird nicht müde, darauf hinzuweisen, welche Gefahren die Konfrontation zwischen Ost und West in sich birgt. Wiederholt fordert er, Deutschland müsse Brücke zwischen West und Ost sein, sonst werde es zum Brückenkopf und Kriegsschauplatz. Er sucht regelmäßig den Kontakt »zu den Schwestern und Brüdern« im ostdeutschen Teilstaat. Die Aussöhnung mit der Sowjetunion (UdSSR), mit Polen und der Tschechoslowakei (CSSR) ist ihm eine Herzensangelegenheit.
Das politische Klima ist von der Konfrontation der Blöcke bestimmt. Jeder Versuch, Kontakte mit der UdSSR anzuknüpfen, wird als »Verrat am Vaterland« kritisiert. Besonders heftig sind im Januar 1952 die Reaktionen auf Niemöllers erste Moskaureise. Bei seiner Rückkehr erwartet ihn vor seiner Wiesbadener Wohnung ein Transparent mit dem Schriftzug »Zurück nach Moskau, Towarischtsch (Genosse) Niemöller!«. Die konservative Publizistik schäumt und Adenauer erklärt, er finde es »tief bedauerlich«, dass ein Deutscher in dieser Position seiner Regierung so in den Rücken falle. Die SPD nennt die Reise eine »unerfreuliche Aktion«. Auch durch die evangelische Kirche geht ein tiefer Riss. Dabei wollte der Kirchenpräsident in Moskau doch nur die Kriegsgefangenenfrage ansprechen und erkunden, ob es nach 34 Jahren Bolschewismus noch eine christliche Kirche gab.
Niemöller lässt sich nicht entmutigen. Noch im Oktober 1952 fährt er in die DDR. Es folgen Reisen in die CSSR (1954, 1961, 1964, 1971) und nach Polen (1958). Politische Entscheidungen werden für ihn immer mehr zu Glaubensentscheidungen. Die »Ostdenkschrift« der EKD von 1965 weist den Weg für die Aussöhnung mit Polen. Unter den Verfassern ist Richard von Weizsäcker, später Kirchenleitungsmitglied der EKHN. Bei der EKD-Synode 1966 hält der zweite EKHN-Präsident Wolfgang Sucker ein Grundsatzreferat zum Thema.
Die Aussöhnung mit Polen wird für den dritten Kirchenpräsidenten Helmut Hild zu einer Lebensaufgabe. Motiviert ist er durch die Ostdenkschrift, aber auch durch seine Erfahrungen als junger Offizier an der Ostfront. 1971 begleitet Hild eine erste Delegation aus der EKHN nach Polen. 1973 führt er, inzwischen stellvertretender Ratsvorsitzender der EKD, erstmals eine Delegation der EKD dorthin. Ein Jahr später wird der Kontaktausschuss zwischen der EKD und dem Polnischen Ökumenischen Rat (PÖR) unter Hilds Vorsitz gegründet. 1977 ist er Mitbegründer des Frankfurter Vereins Zeichen der Hoffnung, der Überlebende von NS-Konzentrationslagern in Polen unterstützt.
Insgesamt war Hild 26 Mal in Polen und es gab zahlreiche Gegenbesuche polnischer Delegationen. »Die Verbindung zwischen den evangelischen Kirchen in Deutschland und Polen war von einer Intensität, die man sonst in der Ökumene kaum antrifft«, bilanziert er 1991. Hild erhält 1974 von der Christlich Theologischen Akademie in Warschau den Theologischen Ehrendoktor. 1988 wird ihm der höchste polnische Verdienstorden für Ausländer zuerkannt.
Kirchenpräsident Helmut Spengler besucht dreimal die UdSSR und die CSSR und hält den Kontakt nach Polen. Er übernimmt den Vorsitz im Kontaktausschuss der EKD zum Polnischen Ökumenischen Rat. Die Beziehungen nach Polen und zur DDR-Partnerkirche, der Kirchenprovinz Sachsen, werden während seiner Amtszeit zum »Alltagsgeschäft«.
Solidarität und Mitmenschlichkeit
1988 nutzen 150 Frauen und Männer aus der Bundesrepublik das Tauwetter von Glasnost und Perestroika für eine »politische Pilgerfahrt« nach Moskau, Minsk und Katyn. Anlass ist die 1.000-Jahr-Feier der Christianisierung Russlands. Die vom Christlichen Friedensdienst in Frankfurt organisierte Reise hat das Ziel, endlich die Versöhnung mit den Menschen in der UdSSR zu suchen. Viele der Pilger engagieren sich nach der Wende 1989/1990, um Zeichen der Mitmenschlichkeit zu setzen und die zivilgesellschaftliche Entwicklung in den ehemaligen Ostblockstaaten zu unterstützen. Sie gründen Hilfsorganisationen und unterstützen Kliniken, Waisenhäuser, Altenheime oder Kriegsopfer. Das Projekt »Zwangsarbeit in Südhessen« ruft ebenso wie die von Pfarrer Christoph Geist in Oberhessen seit 1992 organisierten Besuche ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter deren Schicksal neu ins Bewusstsein. Seitdem kommen jährlich zehn bis 15 Betroffene, um ehemalige Arbeitsorte aufzusuchen und Trauerarbeit zu leisten. Finanziert werden die Aufenthalte von der EKHN und lokalen Gruppen. Ab 1998 entstehen mithilfe der EKHN und anderer Geber drei Apotheken in den weißrussischen Städten Brest, Minsk und Witebsk. Sie dienen der Versorgung ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter sowie KZ-Häftlinge.
Das Ergebnis einer Forschungsarbeit, welche die beiden evangelischen Kirchen in Hessen in Auftrag gaben, liegt 2004 vor: In der NS-Zeit waren 261 Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen in Hessen beschäftigt. Die Studie trage dazu bei, klarer zu sehen, zu bedauern und um Versöhnung zu bitten, sagt Kirchenpräsident Peter Steinacker bei deren Präsentation.
1989 führt die zweite »politische Pilgerfahrt« – 50 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs – nach Weißrussland. Sie gilt den Opfern der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986. Zahlreiche »Pilger« verschreiben sich der Aufgabe, die Folgen der Katastrophe lindern zu helfen. In der EKHN entstehen mehr als 50 Vereine, Gemeindegruppen und Initiativen, die Medikamente, Rollstühle und ganze Krankenhauseinrichtungen nach Osteuropa schaffen. Bis zu 400 Kinder und Betreuerinnen aus den verstrahlten Regionen werden jährlich zu Erholungsaufenthalten eingeladen. Finanziell werden die Initiativen von der evangelischen Aktion »Hoffnung für Osteuropa« unterstützt, die bis einschließlich 2006 im Kirchengebiet rund 865.000 Euro an Spenden und Kollekten erhält.
Partnerschaften
Die Beziehungen zu Partnerkirchen in Osteuropa werden nach der Wende zwar praktisch einfacher. Jedoch gewinnen sie entgegen mancher Hoffnungen nicht an Intensität und Tiefe. Differenzen in der theologischen und sozialethischen Urteilsbildung und der Bedeutung des kulturellen Kontextes werden plötzlich schmerzhaft spürbar und machen die Verständigung zuweilen schwierig. Auch manche evangelischen Kirchen in Mittel- und Osteuropa fürchten eine »Überfremdung« mit westlichen Werten. Pluralismus wird oft als Bedrohung der eigenen christlichen Identität gesehen, ebenso wie die Anerkennung vielfältiger Lebensstile und -formen.
Die Kirchenleitung entschied 1994, sich auf die Partnerschaften mit der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Polen, der Evangelisch-Reformierten Kirche von Polen und dem Polnischen Ökumenischen Rat (PÖR) sowie der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder zu konzentrieren. Regelmäßig finden Besuche und Studientagungen statt. Der Vorsitz im Kontaktausschuss er EKD zum PÖR wird bis heute von den Kirchenpräsidenten der EKHN wahrgenommen.
Europa!
Europa gewinnt auch für die Kirchen an Bedeutung. Sie arbeiten im Rahmen von europäischen ökumenischen Organisationen wie der Konferenz Europäischer Kirchen oder der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa immer enger zusammen. Dabei geht es um die »evangelische Stimme in Europa«, um den Kontakt zu den Institutionen der EU, um sozialethische Themen, um die Entwicklung von Demokratie und Menschenrechten sowie um Standards für die theologische Ausbildung, gemeinsame Projekte
zur Bekämpfung von Menschenhandel und die Fragen des Zusammenlebens von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN