60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Kampf gegen Rechtsradikale in Hoch-Weisel, Wetterau
Buntes Dorf ohne braune Schatten
Die beschauliche Idylle eines Dorfes in der Wetterau gerät aus den Fugen, als Neonazis dorthin ziehen und ein NPD-Zentrum aufbauen. Das Pfarrersehepaar Haas ist aufmerksam und regt ein Butzbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz an.
Friedensarbeit
Überwindung von Gewalt
Die EKHN hat sich an der »Dekade zur Überwindung der Gewalt« des Ökumenischen Rates der Kirchen von Anfang an beteiligt. Durch den »Fonds zur Überwindung von Gewalt« fördert sie Vorhaben von Gemeinden, Dekanaten, Einrichtungen und Initiativen. Von Friedenserziehung im Kindergarten über Konflikttrainings in Schulen und Aktionen gegen Rechtsextremismus bis hin zu theologischen Studientagen und Ausstellungen reicht die Palette der geförderten Projekte.
Wann endet der Frieden?
Die veränderte Rolle der Bundeswehr löst Diskussionen aus: Unter welchen Umständen sind Auslandseinsätze legitim? Wo liegen die Grenzen des Mandats? Kann und soll die Bundeswehr auch im Innern eingesetzt werden? Die Meinungen dazu gehen quer durch die Parteien. Auch durch die Kirchen. Die EKD bereitet eine neue Friedensdenkschrift vor. Anlass auch für die EKHN, sich damit verstärkt auseinanderzusetzen.
Im 1.400-Seelen-Ort Hoch-Weisel am Fuß des Hausbergs in der Wetterau scheint die Welt noch in Ordnung. Fast. Denn hinter den Mauern des schmucken Fachwerkdorfes gärt es, seit vor wenigen Jahren eine Gruppe junger Leute in einen alten Bauernhof einzog. Die Klingel blieb lange Zeit ohne Namensschild, Überwachungskameras zierten das alte Haus und Autos mit Nummernschildern aus der Ferne tauchten an Wochenenden immer öfter im Butzbacher Ortsteil auf. Dennoch wollte niemand Verdacht schöpfen.
Noch als die Hessenschau einen Bericht darüber zeigte, dass bundesweit bekannte Neonazis – darunter Hessens späterer NPD-Vorsitzender Marcel Wöll – ihren Hauptsitz nach Hoch-Weisel verlegt hatten, wollte niemand im Dorf so richtig Notiz von der Neuigkeit nehmen. Denn verräterische Bomberjacken oder Springerstiefel sucht man bei der jüngsten Generation Rechtsradikaler vergeblich. Sie wollen in die Mitte. Auch in Hoch-Weisel. Nachbarn werden freundlich gegrüßt, die Straße ordentlich gefegt.
Dann griff Pfarrer Hans Werner Haas das Thema Rechtsextremismus im Gottesdienst auf. »Wehret den Anfängen«, sagte er. Pfarrerin Dagmar Haas erinnerte wenig später im Konfirmationsgottesdienst an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Am Schluss der Feier wünschte sie sich »ein buntes Dorf ohne braune Schatten«.
Viel mehr Worte sind es nicht. Doch später muss sie sich fragen lassen, ob sie mit derlei Bemerkungen das schöne Fest verderben wolle.
Das Ehepaar Haas steht als Nestbeschmutzer da, die den schönen Schein des idyllischen Ortes zerstört haben. Für beide beginnt ein zähes Ringen um Verbündete, weil sie nicht einfach »totschweigen wollen«, dass ihre Gemeinde auf bestem Wege ist, ein Zentrum des Rechtsextremismus zu werden. Der Arbeitskreis »Demokratisches Hoch-Weisel – Forum gegen Braun« entsteht.
Auch Otto Seesemann schließt sich der Initiative an. Der pensionierte Gefängnisseelsorger übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit der Gruppe und stellt sich den Diskussionen, um die Pfarrerin und den Pfarrer davon zu entlasten. Für ihn ist es eine Frage der Zivilcourage. Und: Seiner Meinung nach ist es »Christenpflicht«, die Stimme zu erheben. Ein rechtsextremistisches Menschenbild, das bis heute »Untermenschen« kenne, passe einfach nicht zum Evangelium.
Unterstützung erhält das Pfarrerehepaar vom Dekanat. Es verfasst eine Resolution, Dekan Jörg-Michael Schlösser predigt im Ort über das »Stuttgarter Schuldbekenntnis«, mit dem die evangelische Kirche 1945 ihre Mitschuld am Dritten Reich reflektiert. Die Gruppe nimmt Kontakt mit Spezialisten der Polizei auf.
Fast zwei Jahre dauert es, bis auch die Kommunalpolitik richtig in Bewegung kommt und das Butzbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz gegründet werden kann. Als glänzendes Vorzeigeprojekt sehen die Hoch-Weiseler Theologen ihr Engagement gegen die Neonazis dennoch nicht. Hans Werner und Dagmar Haas: »Wir haben lediglich Gesicht gezeigt.« Und das wollen sie auch weiterhin tun.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN