60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Friedensarbeit in 60 Jahren EKHN
Die verheerenden Zerstörungen der ersten Atombomben stellen Martin Niemöller klar vor Augen: Der Mensch hat das Tor zur Hölle aufgestoßen. Rüstung gilt dem ersten Kirchenpräsidenten der EKHN spätestens jetzt als »Sünde gegen Gott«.
Er schreibt Protestbriefe an den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands. 1952, auf dem ersten Höhepunkt des Kalten Krieges, durchbricht er das eisige Schweigen und besucht orthodoxe Kirchenvertreter in Moskau. Die Reise wird zu einem Skandal, Niemöller als »kommunistische Marionette« beschimpft. Sein Impuls für Versöhnung zwischen Ost und West wird erst viel später verstanden und in einer neuen Ostpolitik aufgegriffen. Niemöller wird zu einer Vaterfigur der Friedensbewegung und führt die in den 60er-Jahren beginnenden Ostermärsche gegen das Wettrüsten mit an.
1979 fasst die NATO ihren Doppelbeschluss, demzufolge die NATO den Staaten des Warschauer Pakts androhte, neue Atomwaffen aufzustellen, wenn sie nicht abrüsten würden. Dagegen formiert die Friedensbewegung Menschenketten und Blockaden von Waffendepots. Evangelische Christinnen und Christen finden sich auf beiden Seiten. Die einen halten das Kräftespiel mit Raketen für kluge Politik, die weitere Kriege verhinderte. Die anderen setzen auf klare ethisch-pazifistische Prinzipien als Garant für den Frieden. Der Gang der Geschichte ersparte der Menschheit bislang eine letzte Klärung.
Der Slogan »Frieden schaffen mit und ohne Waffen« beschreibt das Dilemma und den kirchlichen Versuch, beides zusammenzudenken. So stellt die EKHN einerseits Militärseelsorge an die Seite der Soldaten und baut andererseits eine Beratungsstelle auf, die Kriegsdienstverweigerer für ihre Anerkennung berät und ihnen Zivildienststellen vermittelt – viele davon im Bereich von Kirche und Diakonie.
1983 ruft der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) einen »konziliaren Prozess« ins Leben. Er soll den elementaren Dreiklang »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« in die Köpfe und Herzen tragen. Die EKHN ernennt mit Cordelia Kopsch ab 1986 die bundesweit erste Pfarrerin für Friedensarbeit. »Die Menschen spürten, dass das ganz unmittelbar etwas mit ihrem Glauben zu tun hat«, bilanziert sie und hält das auch für Spätfolgen von Martin Niemöllers Engagement.
Um 2000 stürzen die Gräueltaten im Kosovo das Friedensengagement der Kirchen in eine Krise. In den Debatten um den Einsatz deutscher Soldaten im Kosovo stieß der Pazifismus der traditionellen evangelischen Friedensethik an seine Grenzen, resümiert Gabriele Scherle, die von 1999 bis 2005 zweite Friedenspfarrerin war. Hier hätte auch Nichtstun Schuld bedeutet. Angesichts regionaler Konflikte wie auf dem Balkan und asymmetrischer Kriege wie am Golf treibt die alte Frage die Gemüter wieder um, ob es nicht doch einen gerechten Krieg geben könnte.
Die gegenwärtige Pfarrerin für Friedensarbeit Mechthild Gunkel setzt mehr auf praktisches Engagement. Sie initiiert Streitschlichter-Programme in Schulen, hilft bei der Gründung von Präventionsräten in Kommunen oder unterstützt runde Tische in Regionen mit einem Rechtsradikalismus-Problem. Sie greift damit auch das Anliegen der »Dekade zur Überwindung der Gewalt« auf, die der Ökumenische Rat ausgerufen hat. Dafür hat die EKHN
2001 einen Fonds eingerichtet, der Projekte für Friedenspädagogik, Zivilcourage und Gewaltprävention fördert. Ihm ist in jedem Jahr auch eine Kollekte gewidmet. Die Kirche ist für Gunkel eine »Agentur des Friedens und der Versöhnung«. Sie verweist auf Jesu Wort in der Bergpredigt, das auch Niemöller umtrieb: »Selig sind die Friedfertigen.«
Zentrum Ökumene
Beauftragte für Friedensarbeit: Pfarrerin Mechthild Gunkel
Praunheimer Landstraße 206
60488 Frankfurt
Telefon (069) 976518-56
E-Mail mechthild.gunkel[at]zoe-ekhn.de
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN