60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Seelsorgeplan für den Tierseuchenfall

Todesstille über dem Bauernhof

Nach dem ersten Vogelgrippefall in Rügen haben sich die deutschen Behörden mit detaillierten Notfallplänen gut vorbereitet. Wo aber bleibt der einzelne Mensch mit seiner seelischen Not dabei? Für sie hat die EKHN zusammen mit dem Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung, der Notfallseelsorge, den Dekanaten und staatlichen Stellen eine Seelsorgebereitschaft aufgebaut. Sie zeigt, wie eng verzahnt das Wohl von Mensch und Schöpfung ist.

Umwelt

Die Natur des Menschen neu denken
Der Mensch hat sich zu sehr über die Natur gestellt. Dafür hat auch die Theologie zweifelhafte Argumente geliefert. Die EKHN muss ihren praktischen und theologischen Beitrag für ein neues Bewusstsein leisten, dass Menschen in das Zusammenspiel der Natur integriert sind. Ökologie und Ökonomie müssen in eine angemessene Balance gebracht werden. Ziel der EKHN muss sein, nachhaltig zur Bewahrung und Gestaltung der Schöpfung beizutragen.

Konflikte durchschaubar machen und aushalten
An der Auseinandersetzung über die Zuckermarktordnung hat die EKHN erfahren, wie die Fragen von Ökologie, nachhaltigem Wirtschaften sowie Globalisierung und Entwicklungsfragen miteinander zusammenhängen.
Die neue Zuckermarktordnung bedroht die Existenz vieler Landwirte in der EKHN sowie vieler Beschäftigter in der südhessischen Zuckerraffinerie. Zugleich betrifft sie weltweit viele Bauern und Landarbeiter, für deren Chancen der Evangelische Entwicklungsdienst eintritt. Die Aufgabe der Kirche ist hier, den Betroffenen beizustehen und gleichzeitig die Interessen und das Existenzrecht der anderen verständlich zu machen.

Im Stall, wo gestern noch ein paar Zehntausende Hühner gackerten, herrscht gähnende Leere. Über dem ganzen Hof liegt Todesstille. Das staatliche Team, das die Vogelgrippe-gefährdeten Tiere getötet – »gekeult« – hat, ist abgezogen. Geblieben sind die Absperrungen in der Umgebung. Die Nachbarn schwanken zwischen Ärger über die Unannehmlichkeiten der Seuchenschleusen und Mitleid mit den Betroffenen. Die bäuerliche Familie steht unter Schock. Aber auch die staatlichen Helfer sind den Anblick von unzähligen Tierkadavern sowie die damit verbundenen Gerüche und Geräusche nicht gewohnt. Sie müssen von nun an damit leben, dabei gewesen zu sein, als wahrscheinlich gesunde Nachwuchstiere massenhaft getötet wurden.
Alle Beteiligten stehen unter extremer seelischer Belastung. Die Familie verliert die Kontrolle über ihren Alltag. Sie erlebt unverhofft die Invasion des Keulungsteams, das vorgibt, was jeder Einzelne zu tun und zu lassen hat. Selbst in der modernen Landwirtschaft haben die Landwirte eine zwiespältige Beziehung zu ihren Tieren. Die Schlachtung von Tieren für Ernährungszwecke gehört zum bäuerlichen Berufsverständnis. Die massenhafte Tötung gesunder Tiere zwecks Seucheneindämmung wird aber vielfach als schwerwiegendes schuldhaftes Handeln gegenüber dem Mitgeschöpf Tier verstanden. Auch die hauptverantwortlichen Amtstierärzte geraten mit ihrem Berufsethos in Konflikt. Viele Betroffene leiden unter schweren seelischen Belastungen bis hin zu Selbstmordgedanken.
Die EKHN hat sich deshalb in den staatlichen Notfallplan eingebracht. 2006 entwickelte Dr. Maren Heincke, im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung zuständig für den ländlichen Raum, eine Arbeitshilfe sowie ein praktisches Konzept zur Seelsorge im Tierseuchenfall und begann die Behörden, Bauernverbände und zuständigen Ministerien in Hessen und Rheinland-Pfalz zu vernetzen mit dem Arbeitszentrum Seelsorge und Beratung sowie dem EKHN-Beauftragten für Notfallseelsorge, Pfarrer Andreas Mann. Die Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche in Kurhessen-Waldeck schloss sich dem Konzept an.
Das Konzept arbeitet in drei Stufen: Zunächst sind Seelsorgeangebote für die Betroffenen in der akuten Keulungssituation vorgesehen. Hier kommen die Notfallseelsorge sowie die Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer zum Einsatz. Es folgen Sachinformationen an die Bevölkerung der betroffenen Dörfer, um Panikreaktionen zu vermeiden und einer möglichen Entsolidarisierung oder Stigmatisierung entgegenzuwirken. Danach folgt das Angebot einer seelsorglichen Nachbetreuung sowie praktischer Unterstützung durch die Landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen.
Pfarrer Andreas Mann übte mit den 60 hessischen Amtstierärzten die Kooperation ein. Zwölf Notfallseelsorger wurden über die speziellen Anforderungen eines Tierseucheneinsatzes unterrichtet. Für 2007 sind, in Kooperation mit Polizeipfarrer Winfried Steinhaus, weitere Fortbildungsveranstaltungen geplant.

Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung
Albert-Schweitzer-Straße 113 – 115
55128 Mainz
www.zgv.info

Referentin Ländlicher Raum: Dr. Maren Heincke
Telefon (06131) 28744-47
E-Mail m.heincke[at]zgv.info

Referent Umwelt: Dr. Hubert Meisinger
Telefon (06131) 28744-50
E-Mail h.meisinger[at]zgv.info