60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Bewahrung der Schöpfung in 60 Jahren EKHN

Stolz erzählte so mancher Vater seinem Sohn, dass Ende der 60er-Jahre die A 66 zwischen Wiesbaden und Frankfurt zur verkehrsreichsten Straße Europas aufgestiegen war. Wenige Jahre später machten Ölkrise und Smogalarme in den Städten erfahrbar, was der Club of Rome 1972 mit seiner Schrift »Die Grenzen des Wachstums« gemeint hatte. Kirchenpräsident Hild wies 1972 in seinem Bericht zur Lage staunend auf die »schlagartige Zunahme« der Bürgerinitativen für Umweltschutz sowie ihre schnelle Akzeptanz in der Öffentlichkeit hin. Das neue Thema traf die Kirche unvorbereitet. Schöpfung – dieser heute so klangvolle und sinnliche Begriff – war von der Theologie jahrhundertelang nur als Bühne für die Erlösung gesehen worden. Der Philosoph Carl Amery kritisierte 1974, das biblische Gebot »Macht euch die Erde untertan« habe die geistige Grundlage für die maßlose Ausbeutung der Natur geliefert. Erst 1985 legten die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz unter dem Titel »Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung« eine gemeinsame theologisch fundierte Erklärung dazu vor.
Die EKHN reagierte prompt. 1972 ernannte sie Kurt Oeser zum ersten Umweltpfarrer Deutschlands. Die EKD übertrug ihm diese Aufgabe 1973 auch bundesweit. Oeser hielt engen Kontakt zu Bürgerinitiativen und förderte ihren Zusammenschluss 1972 in den Räumen des Evangelischen Regionalverbandes in Frankfurt zur Bundesgemeinschaft Umweltschutz. Oeser stellte sich als Pfarrer der Gemeinde Mörfelden den Auseinandersetzungen um den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Schnell wurde er zum anerkannten Lärmexperten und Umweltsachverständigen, der unermüdlich für einen anderen Umgang mit Mensch und Natur warb. Dabei trat er für ausgleichende Lösungen ein, zu denen 1998 auch das Mediationsverfahren für den erneuten Ausbau des Flughafens gehörte, bei dem ein Kompromiss herauskam.

Atomschock
1986, ein Jahr nachdem in Hessen mit Joschka Fischer Deutschlands erster grüner Minister vereidigt worden war, schmolz in Tschernobyl ein Atomreaktor. Unter dem Eindruck dieses Unfalls stellte die neu konstituierte siebte Kirchensynode der EKHN ihre sechsjährige Amtszeit unter das Generalthema »In der Schöpfung leben«. Sie sprach sich in einer Resolution gegen eine friedliche Nutzung der Atomkraft aus, die allerdings bereits seit 1974 mit dem damals größten Atommeiler Europas im südhessischen Biblis Realität war und blieb. Zum zehnten Jahrestag des Unfalls erneuerte die Synode ihre Haltung, welche die Kirchenleitung mit einer ausführlichen Argumentation 2006 noch einmal untermauerte.
Die Synode gründete 1986 unter ihrem Präses, dem Physiker Prof. Dr. Helmut Gärtner, einen Umweltausschuss, richtete einen Ökofonds für Baumaßnahmen in Höhe von 3 Mio. DM und 1989 die Stelle eines Umweltberaters ein.
Sie beriet kirchliche Einrichtungen zugunsten einer ökologischen Nutzung ihrer Liegenschaften. 1993 löste Wilhelm Wegner Kurt Oeser als Umweltpfarrer ab. Wegner engagierte sich sehr stark darin, ökologische Themen im eigenen EKHN-Bereich praktisch umzusetzen. Mit ihm entstand die Arbeitsstelle für Umweltfragen, die mit drei Stellen sowie einem Netzwerk von regionalen und fachlichen Beauftragten Beratung und Bildung anbot sowie politische und theologische Grundsatzfragen bearbeitete. Die Arbeitsstelle wurde 2001 Teil des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung.

Zündstoff Handy
Für Konflikte sorgten Ende der 90er-Jahre Mobilfunkanlagen. Kirchtürme boten sich für deren kostengünstige Installation an, den Gemeinden winkte ein willkommenes kleines Zubrot. Allerdings zeigten harsche Proteste, dass manche Mitglieder es unerträglich finden, wenn die möglicherweise schädliche Strahlung ausgerechnet von Kirchtürmen ausgeht. 2001 empfahl die Kirchensynode den Gemeinden, bei der Installation sehr zurückhaltend zu sein und zuvor die Nachbarn in entsprechende Überlegungen einzubeziehen.
Kirchen können aber durchaus Werbeträger für ökologische Technologie sein. So wurden zwölf EKHN-Kirchen mit Unterstützung des Förderprogramms der Deutschen Bundesstiftung Umwelt beispielhaft mit Fotovoltaik-Anlagen ausgestattet. Die letzte wurde auf dem 2006 eingeweihten Haus des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung in Mainz installiert.
Mobilität bleibt ein Umweltthema. Die EKHN beteiligt sich in Rheinland-Pfalz seit Beginn im Jahr 2001 an der ökumenischen Aktion »Autofasten«. Wer teilnimmt, lässt in der Passionszeit das Auto stehen und nutzt öffentliche Verkehrsmittel. Die Verkehrsverbünde unterstützen die Aktion durch verbilligte Fahrkarten.
Seit 2006 ist Hubert Meisinger neuer Umweltpfarrer. Sein Arbeitsbeginn fällt mitten hinein in eine neue öffentliche Diskussion um den Klimawandel. Fragen nach einer effizienten Nutzung der Energie werden eine neue Bedeutung erlangen, gerade in Kirchengemeinden. Die EKHN beteiligt sich konstruktiv und kritisch im Regionalen Dialogforum und mit regelmäßigen öffentlichen Gesprächen an der Debatte um den erneuten Ausbau des Frankfurter Flughafens. Neue Diskussionsfelder sind theologisch weiter zu erschließen, beispielsweise die Nanotechnologie und der Dialog zwischen den Naturwissenschaften und der Theologie.