60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Der Gemeindebrief in 60 Jahren EKHN

In den 60er-Jahren begannen die Ortsgemeinden ihre Angebote stark auszuweiten. Damit einher stieg der Informationsbedarf der Mitglieder. Als entscheidende Plattform dafür hat sich der Gemeindebrief herausgestellt. Die kleinen Hefte, meist in DIN A5, erscheinen mehrheitlich kostenlos alle zwei oder drei Monate: Etwa die Hälfte der Gemeinden verteilt ihn an alle Haushalte des Gemeindegebiets, die andere Hälfte nur an die evangelischen. Nur in einigen wenigen Fällen gibt es eine gemeinsame Publikation mit der katholischen Gemeinde oder eine Stadtteilzeitung.
Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik bietet seit den 70er-Jahren eine Gestaltungshilfe an. Der am meisten kopierte Karikaturist dürfte der Münchener Pfarrer Werner Tiki Küstenmacher sein, dessen lustige Zeichnungen alle Fassetten des Gemeindelebens aufs Korn nehmen.
Von den professionellen Medienexperten wurden die zusammengeschnipselten Hefte anfangs als »Kleinpublizistik« belächelt. Aber schon eine erste Untersuchung im Jahr 1972 ergab, dass ein Drittel der Gemeinden eine solche Publikation herausgab. Zehn Jahre später waren es bereits zwei Drittel. Damit wurden die Gemeindebriefe zusammen mit dem Wort zum Sonntag, das die ARD seit 1954 im Fernsehen ausstrahlt, das kirchliche Medium mit der größten Reichweite. Heute haben in der EKHN über 90 Prozent der Gemeinden einen Gemeindebrief.
Eine Untersuchung im Jahr 1995 ergab: Gemeindebriefe haben eine hohe Akzeptanz vor Ort. 81 Prozent der Empfänger gaben an, in den Heften regelmäßig zu lesen, knapp 60 Prozent sogar mehr als die Hälfte der Texte – ein Traumwert in der Massenpublizistik. Die Gemeindebriefe erhielten 1995 deshalb im publizistischen Gesamtplan der EKD die Ehrenbezeichnung »heimliche Riesen«. Festgestellt wurde auch die große Sensibilität der Redaktionen für die gefragten Themen. 90 Prozent der Leserinnen und Leser wünschen sich in erster Linie lokale Informationen über Veranstaltungen, Taufen, Trauungen und Bestattungen. Geistliche Worte und überregionale Informationen aus Kirche und Gesellschaft rangieren mit 50 bis 70 Prozent weit dahinter.
Mit den Computern zog auch eine professionellere Gestaltung der Gemeindebriefe am Bildschirm ein. Wurden die Gemeindebriefe in den 70er- und 80er-Jahren zumeist noch aus ökologischer Sensibilität auf Umweltpapier gedruckt, sind im 21. Jahrhundert längst Farbe und elegantere Ausführungen üblich geworden. Auch die Skepsis gegenüber Werbung hat nachgelassen. Wurden Anzeigen in den 80er-Jahren noch weithin aus grundsätzlichen Erwägungen – Trennung von Kirche und Kommerz – abgelehnt, praktiziert heute etwa die Hälfte einen eher pragmatischen Umgang damit. Die Verantwortung ist in den meisten Fällen vom Pfarrer auf ehrenamtliche Redaktionsteams übergegangen.
Als Anreiz zur Weiterentwicklung dieses Mediums vergibt die EKHN seit 1999 alle zwei Jahre einen Förderpreis für gelungene Gemeindebriefe und originelle Redaktionsarbeit.