60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Bibel in gerechter Sprache

Heilige Schrift in der Diskussion

Zur Buchmesse im Oktober 2006 ist eine neue Bibelübersetzung erschienen: die »Bibel in gerechter Sprache«. Die öffentliche Diskussion darüber hat die Bibel neu ins Gespräch gebracht. Die EKHN stellte dafür die Projektleitung bereit. Das Leitende Geistliche Amt der EKHN empfiehlt ihren Gebrauch.

Die BigS, wie viele die »Bibel in gerechter Sprache« in Kurzform nennen, ist eine Bibelübersetzung, die von Interessierten direkt bezahlt wurde. Die Entstehungskosten haben über 1.200 Personen, Gruppen und Institutionen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und mit unterschiedlichem konfessionellem Hintergrund durch Spenden in Höhe von 400.000 Euro getragen. Erschienen ist die BigS im Gütersloher Verlagshaus.
Die EKHN hat zur Koordination der Arbeit für fünf Jahre eine Projektstelle eingerichtet und mit Pfarrerin Hanne Köhler besetzt. Kirchenpräsident Peter Steinacker war Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats. Ziel der Förderung war es, die Bibel ins Gespräch zu bringen und für eine neue Generation besser zugänglich zu machen. »Eine Bibelübersetzung auf der Höhe der exegetischen Diskussion, die sowohl die Ergebnisse des jüdisch-christlichen Gesprächs als auch die Einsichten der feministisch-theologischen Forschung integriert und das Sprachempfinden heutiger Menschen berücksichtigt, ist in hervorragender Weise geeignet, einem weithin beklagten Traditionsabbruch entgegenzuwirken.« So begründete die Kirchenleitung ihren Beschluss aus dem Jahr 2001.
Das Projekt nahm eine Idee des Frankfurter Kirchentags von 1987 auf, auf dem erstmals Texte für die morgendlichen Bibelarbeiten neu übersetzt wurden. Diese Praxis wurde beibehalten. »Warum nicht die ganze Bibel?«, dachten sich einige Beteiligte und fanden 52 akademisch ausgewiesene Exegetinnen und Exegeten, die fünf Jahre lang ehrenamtlich und im Austausch miteinander übersetzt haben. Den Beteiligten ist klar, dass es die einzig richtige Übersetzung nicht gibt. Wer die Bibel übersetzt, bewegt verschiedene historische Zeiten, verschiedene Kulturkreise und verschiedene Sprachen aufeinander zu. Das ist immer ein konfliktträchtiger Prozess.
Von Anfang an gab es Kritik. Befürchtet wird, die Bibel werde zeitgeistig umgeschrieben. Befürchtet wird, die schöne Luther-Sprache ginge verloren. Bemängelt wurde, dass die Übersetzung Grunderkenntnisse der Theologie außer Acht lasse. Manche Kritik ist berechtigt und wird vom Herausgeberkreis aufmerksam wahrgenommen. Viele Kritikerinnen und Kritiker vergessen aber, wie komplex die Entstehungsgeschichte des so vertraut wirkenden Textes der Luther-Bibel ist. Luthers Übersetzung wurde anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse mehrfach fortentwickelt und wäre heute schon rein sprachlich an vielen Stellen gar nicht mehr verständlich. Oder wer wüsste heute noch, was Luther 1522 mit dem Wort »Gedinge« meinte? – Es meint so viel wie Wohnung. Oder Schnur? – Ein vergessenes Wort für Schwiegertochter. Für Luther war klar, dass eine Übersetzung nicht zeitlos richtig sein kann und immer auch eine Interpretation ist. Bewusst hat er die Bibel anhand seines Verständnisschlüssels, der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben, übersetzt.
Die »Bibel in gerechter Sprache« lässt die nötigen Debatten um die Bibel wieder aufleben. Menschen horchen auf und greifen nach der Bibel, die das schon lange nicht mehr getan haben. Sie erschließt die Texte neu, die vielen Kirchenleuten vielleicht schon zu vertraut sind. Genau das war ihr Ziel.
Das Leitende Geistliche Amt empfiehlt die BigS als geeignet, »Basiswissen zur Bibel zu vermitteln«, »die scheinbar altbekannten Texte neu zu entdecken« und sich mit »den Fragen exegetischer und theologischer Forschung kritisch auseinanderzusetzen«. Im Gottesdienst soll nach der gültigen Ordnung der EKHN aufgrund ihrer poetischen Kraft und der Vertrautheit der Sprache weiterhin die Luther-Bibel verwendet werden.