60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Die Bibel in 60 Jahren EKHN
Die Frankfurter Bibelgesellschaft
Schon im 19. Jahrhundert lässt die urprotestantische Tradition des Bibellesens in der Familie nach. Unterhaltende Massen-Druckschriften und bald auch andere Medien erobern die Köpfe und Herzen. Die Entwicklung beschleunigt sich im 20. Jahrhundert. Aber aus Kindern ohne Bibel werden später Erwachsene ohne Bibel. Deshalb werden 1816 überall in Europa Bibelgesellschaften gegründet, die sich intensiv dafür einsetzen, dass das »Buch der Bücher« in den Familien gelesen wird. Eine entsteht auch in Frankfurt, es ist heute das Bibelwerk der EKHN. Das Ziel der Frankfurter Bibelgesellschaft ist es, Bibeln zu einem günstigen Preis oder sogar kostenlos zu verbreiten. Erste Zielgruppen nach der Gründung sind Dienstboten, Handwerksburschen und Auswanderer in Frankfurt. Der missionarische Blick ist auch in die »Heidenwelt« Afrikas und Asiens gerichtet. Man lebt in der Kolonialzeit. Von Anfang an sind die regionalen Bibelgesellschaften europaweit miteinander vernetzt. Eine ökumenische Ausrichtung scheitert am Widerstand der katholischen Kirche.
»Alarm« um die Bibel
Die Bibel löst Konflikte aus. Wie übersetzen? Wie verstehen? Wie interpretieren? Seit Ende der 40er-Jahre erregt das »Entmythologisierungsprogramm« des Marburger Theologieprofessors Rudolf Bultmann die Gemüter auch in der EKHN. Er versteht die Bibel als Sammlung von Mythen, aus denen er mit wissenschaftlichen Methoden die Kernwahrheit herausdestillieren will. Für viele Menschen seiner Zeit ist das ein skandalöser Umgang mit der Heiligen Schrift. Die Schrift des Evangelisten Gerhard Bergmann »Alarm um die Bibel« wird ein Beststeller. Die theologische Wissenschaft hat sich in Jahrzehnten weit von der Volksfrömmigkeit, welche die Bibel unmittelbar als heiliges Wort Gottes verstehen will, entfernt. Kann Bultmann weiterhin der Prüfungskommission der EKHN angehören? Darüber prallen in der EKHN-Synode 1951 die Meinungen hart aufeinander. Bultmann bleibt, entscheidet die Synode, weil sein Bemühen, »die biblische Botschaft von Jesus Christus aus der Sprache ihrer Zeit in die Sprache unserer Zeit zu übertragen, als berechtigt anerkannt werden muss«. Die Synode führt die Debatte 1962 erneut, als sie über die historisch-kritische Methode, die ebenfalls die Bibel zum objektiven Forschungsgegenstand macht, streitet. Die Frage nach dem Verständnis der Bibel steht auch hinter vielen anderen Debatten, wie etwa um die Homosexualität.
»Die Nacht leuchtet wie der Tag«
1993 beschließt die EKHN, allen Kindern, die im dritten Grundschuljahr am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen, eine künstlerisch und kindgerecht gestaltete Kinderbibel zu schenken: »Die Nacht leuchtet wie der Tag«. Die Bibel wird auch im Schulunterricht verwendet und Eltern finden durch sie wieder Zugang zur biblischen Überlieferung. Bis die Aktion 2003 aus finanziellen Gründen eingestellt wird, wandern rund 330.000 Exemplare in Kinderhände.
Das »Bibelmuseum«
»Die Schriften der Bibel sind von Anfang an mit dem Ziel geschrieben, eine größtmögliche Verbreitung zu finden«, hatte Dieter Trautwein schon 1991 in der Festschrift zum 175. Jubiläum der Frankfurter Bibelgesellschaft geschrieben. Seit langem hat der ehemalige Frankfurter Propst einen Traum: ein eigenes Haus für die Bibel in Frankfurt. Er treibt die Realisierung beharrlich voran – und erlebt die Einweihung nicht mehr. Wenige Monate nach Trautweins Tod, pünktlich zum »Jahr mit der Bibel«, eröffnet 2003 das EKHN-Bibelwerk am Frankfurter Museumsufer das Bibelhaus. Unter seinem Direktor Jürgen Schefzyk erfährt es als Erlebnismuseum von Anfang an einen enormen Zulauf. Ungezählte Schulklassen, aber auch Erwachsene erfahren etwas von der Umwelt der Bibel und erlangen dadurch ein vertieftes Verständnis ihrer Texte.
Übersetzt oder interpretiert
Als die »Bibel in gerechter Sprache« 2006 erscheint, ist die Debatte um sie bereits im vollen Gange. Wieder geht es um die Kernfragen des Verständnisses und Umgangs mit der Bibel: Wie stehen Interpretation und Übersetzung zu einander? Wie lässt sich der historische Text mit den modernen Erkenntnissen der Bibelforschung verknüpfen? Wie finden Bibelfrömmigkeit und exegetische Wissenschaft zueinander? Die EKHN nimmt an der Debatte aktiv teil – im Dienst an der Bibel und ihrer Botschaft. Auf sie bezieht sich alle kirchliche Arbeit. Ihr Ziel ist es, die gute Nachricht von der Zuwendung Gottes zu verbreiten.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN