60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Umbau der Erlöserkirche in Mainz-Kastel
Funktionsbau in neuem Licht
Kirchenräume sind das Herz der Gemeinde. Vom historischen Bollwerk früherer Jahrhunderte bis zum kargen Betonstil der 60er-Jahre spiegeln sie geistliche und soziale Kultur sowie das jeweilige Weltbild der Epoche wider. Auch die aktuellen Erhaltungs- oder Umbaumaßnahmen sind von einer deutlichen Stilsprache geprägt: Holz, helle Farben und Glas laden ein, näher zu kommen.
Gebäude
Menschen und Steine
Angesichts zurückgehender Mittel und Mitglieder muss die EKHN ihren Gebäudebestand verringern, um ein angemessenes Verhältnis zwischen den Gebäuden und ihren Nutzerinnen und Nutzern zu halten. Dabei sind insbesondere die Gemeindehäuser zu überprüfen. Verbleibende Räume müssen ansprechend und angemessen gestaltet sein, damit sich die Menschen darin wohl fühlen.
Herausforderung Zukunft
Kirchen sind Merkzeichen des Glaubens in Stadt und Land. Sie sind ein Kulturgut der Gesellschaft. Sie zu erhalten und dort, wo es möglich und sinnvoll ist, in ihren Nutzungsmöglichkeiten zu erweitern ist eine wesentliche Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte. Es wird der EKHN aber nicht möglich sein, alle Kirchen zu erhalten.
»Erst war da das Chaos, dann das Dunkle«, erinnert sich Pfarrer Ralf Schmidt an seinen ersten Gang durch die Erlöserkirche in Mainz-Kastel. »Dabei bin ich ein Fan von Beton«, lacht der 42-Jährige. Die von Rainer Schell 1963 gebaute Kirche entspricht in ihrer Kargheit dem damaligen Anspruch nach Authentizität und Klarheit. Erreicht wurde das durch kaum behandelte Materialien wie Holz, Lochziegel, Natursteine und Beton. Hoch angelegte schmale Fenster gaben gedämpftes Licht. So sollte das quadratische Kirchenschiff die damals noch als neu empfundene Tageshektik ausschließen und die Menschen zur inneren Sammlung führen.
Mehr Licht!
Gerade zwei Monate war der neue Pfarrer in der Gemeinde, da wurde im Kirchenvorstand der Umbau beschlossen. Schließlich war das Unbehagen schon lange gewachsen und mit ihm auch eine Liste voller Ideen und Pläne. Erster Punkt: mehr Licht, gefolgt von dem Wunsch nach mehr Raum in der Kirche für die Gemeinde. Besonders das als Taufkapelle gedachte Seitenschiff war zum Ärgernis geworden. In stiller Dunkelheit hatten sich dort jahrelang Stapel von Stühlen, Bänken und Kleinkram angesammelt – kurz, jenes Chaos, das Schmidt als Erstes ins Auge stach.
Auch das Gemeindehaus, eine ehemals stolze Gründerzeitvilla, war wenig einladend. Wegen Wasserschäden, defekter Heizung und maroder Fenster war das Gebäude kaum noch nutzbar. Überdies lag es rund 200 Meter von der Kirche entfernt, am anderen Ende der Straße. »Bei Festen oder Aktionen war das eine ewige Hin-und-her-Schlepperei«, erinnert sich Susanne Hauschild, Kirchenvorstand der letzten neun Jahre. Ihr Schlüsselerlebnis jedoch hatte sie bei der Hochzeit ihres Sohnes: »... traurig, dass wir uns so von der Seite in die Kirche schleichen mussten« – einen Mittelgang gab es nämlich nicht.
Mehr Nähe
Jetzt blickt sie stolz durch den Mittelgang zum mit zarten Farben gestalteten Fenster. Das lang ersehnte Licht. »Wir hatten Glück«, nicken Schmidt und Hauschild einander zu. Ein sensibler Architekt entdeckte in der Kirche zahlreiche Möglichkeiten, um Abstellräume oder mehr Raum zu schaffen. Der neue Bürotrakt, ein schmaler, weißer Riegel, ist vor der Ostseite angebaut und durch zwei Türen mit der Kirche verbunden. Die Taufkapelle verwandelte sich in einen geräumigen Gemeindesaal mit vielen großen Fenstern. Seit dem Umbau sehen Pfarrer, Konfirmanden oder Chorsänger draußen die Kindergartenkinder toben.
Am spannendsten aber war die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Der wichtigste Wunsch, das Fenster, wurde zunächst abschlägig beschieden, da die Bretterwand hinter dem Altar ein charakteristischer Bestandteil Schell’scher Architektur sei. Der neue Entwurf sah eine vorgebaute, helle Wand mit Beleuchtungsanlage vor. Davon war der Denkmalschützer zum Glück genauso wenig begeistert wie die Gemeinde. »Wie sieht das denn aus? Warum nehmt ihr nicht die Bretterwand weg und schneidet ein Fenster in die Wand?«, soll es ihm entfahren sein. »Na, das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen.« – Susanne Hauschilds Augen leuchten, als hätte sie damals im Lotto gewonnen.
Das Beispiel der Mainz-Kasteler Kirche zeigt die Probleme und Chancen beim Schutz von Denkmälern. Oftmals gibt es nur einen schmalen Grat zwischen den Wünschen der Gemeinde und dem weiterzugebenden architektonischen Erbe. Solche Erhaltungs- und Erweiterungsmaßnahmen sind mittlerweile Hauptaufgabe des kirchlichen Baureferats und der Landesämter für Denkmalschutz – die gesetzlich verpflichtet sind, einvernehmlich zu handeln. Nach dem Krieg ist an vielen Stellen zunächst so schnell und kostengünstig wie möglich gebaut worden, denn auch die Kirchen lagen in Trümmern.
Die Erlösergemeinde ist stolz auf das gemeinsam verwirklichte Projekt. Pfarrer Schmidt lässt den Blick das Fensterbild hoch und an den Inschriften entlang wandern und fasst zusammen: »Vor dem Umbau drückte die Majestät Gottes den Menschen nieder, jetzt zieht sie ihn nach oben.«
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN