60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Pfingstmusiktage in Lauterbach

Die Klänge der weiten Welt im Vogelsberg

Die stilistische Bandbreite ist beeindruckend und würde jedem großstädtischen Kulturkalender Ehre machen. In einer ländlichen Region wie dem Vogelsberg ist sie ein Unikum. Für ihr Konzept erhielten die Pfingstmusiktage den Kulturpreis Mittelhessen 2005. Das Konzept lautet: »Das bringen, was man nicht jeden Tag zu hören kriegt.« Hier berühren sich Kirche und Kultur, Klang und Glaube.

Musik

Glaube in Klang
Kirchenmusik ist eine Stärke der evangelischen Kirche. Auch kirchenferne Menschen erfahren gerade über Musik eine Öffnung für den Glauben und die Kirche. Musikalische Angebote finden besonders großen Zulauf.

Nachwuchs gesucht
Die EKHN hat eine interaktive CD herausgebracht, die in die Schönheit der Orgel einführt. Damit will sie Nachwuchs für die »Königin der Instrumente« interessieren. Gesucht werden aber auch Menschen, die Klavier, Keyboard und andere Instrumente spielen sowie Chöre, Posaunenchöre leiten oder darin mitmachen. Also Menschen, die sich für die Kirchenmusik so begeistern, dass sie eine zeitaufwendige Verbindlichkeit dafür eingehen.

Verschiedene Qualitäten
Kirchenmusik hat eine große Bandbreite an Formen, Stilen und Qualitäten. Sie reicht vom freien Singen bis zur professionellen Darbietung, vom Konzert zum Gottesdienst, von modernem Pop bis ernster Klassik. Besondere Aufmerksamkeit benötigt die qualitätsvolle, zeitgenössische Kirchenmusik.

Es beginnt ganz leise, wie einzelne fallende Tropfen, steigert sich nach und nach bis zu heftigen Wirbeln, Kaskaden – um dann jäh abzubrechen in atemlose Stille, bereit für eine neue Entwicklung. Biegsam und elastisch bewegt sich Murat Coskun zwischen seinen Instrumenten – Rahmentrommeln verschiedener Bauart –, seine Finger und Hände sind in ständiger Bewegung, schaffen subtile Übergänge von einer Klangwelt zur nächsten. An den Höhepunkten kommt auch seine Stimme dazu – ekstatischer Sprechgesang nach Art der Sufi-Trommler, Anrufungen in fremder, geheimnisvoller Sprache. Die Zuhörer auf den harten Bänken der Schlosskirche Eisenbach lauschen Coskuns Improvisationen, inspiriert von türkisch-arabischen Traditionen, sprachlos und gebannt. Ist die Musik spannungsvoll verklungen, applaudieren sie umso frenetischer.
Der Kontrast zwischen orientalischer Trommelkunst und der kleinen Kirche aus dem 17. Jahrhundert – Teil einer stattlichen, bis heute von den Freiherren Riedesel bewohnten Burganlage – ist reizvoll. Und er ist typisch für die Lauterbacher Pfingstmusiktage. Zum 35. Mal lockt das klangvolle Wochenende dieses Jahr Besucher in die grünen Hügel des hohen Vogelsbergs. Neun Veranstaltungen an drei Tagen – den Auftakt macht ein Kammerkonzert von Mitgliedern des Frankfurter Ensemble Modern. Das beschwört die Tradition, denn 1973 begannen die Musiktage als Festival für zeitgenössische Musik. Seit 1976 ist Dekanatskantorin Karin Sachers die künstlerische Leiterin. Ihr Konzept: »Ich will das bringen, was man nicht jeden Tag zu hören kriegt.« Dafür hört sie sich selbst um in der Welt der Musik, kontaktiert Konzertagenturen und arbeitet sich durch Demobänder mit neuer und alter Musik, Weltmusik, Jazz und Cross-over-Projekte und mehr. Auch die Kirchenmusik hat ihren festen Platz im Programm. Wichtig ist Sachers die Qualität der Darbietung.

Der Kontrast ist Programm
Viel zur Atmosphäre des Festivals tragen die bespielten Räume bei. Neben der Schlosskirche Eisenbach sind es die Stadtkirche Lauterbach, das barocke Stadtpalais Hohhaus und die im Jugendstil erbaute Adolf-Spieß-Halle. Das große Chor- und Orchesterkonzert am Sonntagabend gestaltet ein Gastdirigent. In diesem Jahr ist es Susanne Rohn, Kirchenmusikerin in Bad Homburg und Professorin in Düsseldorf. Ihr steht ein Festivalchor zur Seite, der sich eigens aus Mitgliedern der Lauterbacher Kantorei und Gastsängern gebildet hat. Ein mutiger Kontrast bestimmt auch dieses Programm: Zwischen der Lutherischen Messe F-Dur von Bach und Mendelssohns Lobgesang – zwei Schwergewichten evangelischer Kirchenmusik – spielt die junge Akkordeonistin Ines Ringe mit der Kurpfalzphilharmonie die Märchen-Suite des Filmkomponisten Vaclav Trojan. Ein farbiges, virtuos instrumentiertes Stück.
Zum Lauterbacher Publikum, das manchmal wie eine große Familie erscheint – vereint im staunenden Hören und Sehen – gehören die Gruppen behinderter Menschen aus den Wohn- und Betreuungseinrichtungen der Gegend ganz selbstverständlich dazu.

Die Kirchenmusik ist die Basis
Zum Programm gehören auch zwei musikalisch gestaltete Gottesdienste. Hier haben die ortsansässigen Gruppen ihren großen Auftritt – etwa das Lauterbacher Vokalensemble, 15 Sängerinnen und Sänger, welche die Gottesdienstbesucher mit schwebenden zeitgenössischen Chorklängen auf hohem Niveau erfreuen. Eine Frucht jener Arbeit, die Karin Sachers hier seit fast 40 Jahren leistet und ohne deren Basis die Pfingstmusiktage so nicht denkbar wären. Etwa 240 Menschen, so schätzt die Kantorin, engagieren sich in der 6.000-Mitglieder-Gemeinde musikalisch. Ein Rückgrat sind die Kinder- und Jugendchöre. Beim abschließenden offenen Singen kann man sich auch von deren Qualität überzeugen. 45 Mädchen verschiedenen Alters lassen ihre klaren, geschulten Stimmen hören. Gemeinsam mit dem Instrumentalensemble Rossi singen die Zuhörenden begeistert mit. Von der melancholischen Volksweise bis hin zum komplizierten Kanon wird alles ausprobiert. Niemand kann sich dem Sog entziehen.

Die Lauterbacher Pfingstmusiktage werden über Eintrittsgelder, einen Förderverein, Sponsoren und Zuschüsse des Dekanats Vogelsberg sowie der EKHN finanziert.

Kirchenmusik

 

1970

1977

1985

1995

2005

 

[Zahl]

[Zahl]

[Zahl]

[Zahl]

[Zahl]

Chöre

661

1.113

1.179

1.281

1.059

Teilnehmende

*

28.251

30.282

28.740

22.821

Posaunenchöre

262

416

460

436

399

Teilnehmende

*

7.473

7.517

6.053

5.439

Andere Instrumentalkreise

*

771

833

849

541

Teilnehmende

*

7.505

7.140

6.700

4.194

Kirchenmusiker/-innen

 

 

 

 

 

hauptamtlich

136

140

142

143

149

nebenamtlich

1.065

1.684

1.645

1.606

1.506

* Die Zahlen wurden damals nicht erfasst.