60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Kirchenmusik in 60 Jahren EKHN

»Musica ist das beste Labsal eines betrübten Menschen, dadurch das Herze wieder zufrieden, erquickt und erfrischt wird.« – Was Martin Luther einst als Quintessenz eigener Erfahrung formulierte, mögen viele unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Musik als »Labsal« in einem Alltag, in dem Tod und Zerstörung noch allgegenwärtig sind, und als Energiespenderin für einen neuen Anfang. Trotz oder gerade wegen der Not beginnt man wieder zu singen und zu spielen – in den Kirchengemeinden und darüber hinaus: Der Anfang ist schwer. In den Städten sind viele Notenbestände verbrannt. Vom schnellen Kopieren träumt noch niemand. Aber zu Ostern 1946 gibt es bereits eine Singwoche in Kaub am Rhein. Sie wird von einem kirchenmusikalischen Ausschuss organisiert, den die Vorläufige Leitung der Evangelischen Kirche in Frankfurt zusammengerufen hat. Später wird daraus das Amt für Kirchenmusik. Am 1. Mai 1946 beginnt Philipp Reich seinen Dienst als Landeskirchenmusikwart. Als Leiter von Singwochen und Choralsingstunden begegnet Reich den Menschen an der Basis und gibt wichtige Impulse. »Die ganze Arbeit zielt auf die Gemeinde«, schreibt er. »Sie hat darüber hinaus Missionscharakter.«

Fit für einen anspruchsvollen Job
Für die Erneuerung der Kirchenmusik braucht Reich junge, gut ausgebildete Kirchenmusiker. Mit einem Team von Lehrern startet er noch 1946 Ausbildungskurse. Im Oktober werden die ersten C-Prüfungen abgenommen, ein knappes Jahr später folgen die ersten B-Absolventen. Die Kursteilnehmer stammen aus dem gesamten Kirchengebiet der EKHN. Zunächst geht es darum, den großen Bedarf der Kirchengemeinden möglichst rasch zu decken. Erst später wird die Ausbildung hauptamtlicher Kirchenmusiker zum akademischen Vollstudium. Ein wichtiger Meilenstein ist 1956 die Gründung der Frankfurter Kirchenmusikschule, deren breit angelegte Ausbildung an den Erwartungen der Gemeinden orientiert ist. Der Nachfolger Reichs, Landeskirchenmusikdirektor Dietrich Schuberth, treibt nach seinem Amtsantritt 1977 die Kooperation zwischen der Kirchenmusik-Abteilung der Frankfurter Musikhochschule und der Kirchenmusikschule voran. 1993 fusionieren beide Institute. Die Vorteile liegen für Schuberth auf der Hand. »Die Studierenden haben mehr Auswahl bei den Dozenten und erreichen den staatlichen Diplomabschluss.« Außerdem verbreitere die Fusion die inhaltliche Palette. All das soll die Absolventen fit machen für einen Beruf, der sich in den letzten 60 Jahren stark gewandelt hat. Von den heute in der EKHN tätigen hauptamtlichen Kirchenmusikerinnen und -musikern werden neben künstlerischer Kompetenz auch Manager-Qualitäten, ein gutes Marketing und vernetztes Denken verlangt.

Gewachsene Strukturen
Ein Rückgrat der kirchenmusikalischen Arbeit sind die Verbände, die vor allem die vielen ehrenamtlich Engagierten organisieren. Auch sie beginnen unmittelbar nach Kriegsende neu zu arbeiten. Der Landesverband evangelischer Kirchenchöre zählt im Oktober 1947 wieder 246 Chöre mit rund 8.000 Sängerinnen und Sängern zu seinen Mitgliedern. Bis 2005 steigt diese Zahl auf 892 Chöre und rund 24.000 Mitglieder an. Jahrzehntelang ist der Landeskirchenmusikdirektor auch Vorsitzender des Verbandes. Erst im Sommer 2006 wird diese Personalunion gelöst. Der Verband wählt eine neue Führung, die von der Kirchenleitung unabhängig ist, und gliedert seine Arbeit in die Sparten gemischte Chöre, Frauenchöre, Kinder- und Jugendchöre sowie Gospelchöre.
Von Anfang an unabhängiger agiert das Posaunenwerk. Es orientiert sich an der Organisationsstruktur der Vorkriegszeit und gliedert sich entlang der Propsteigrenzen in sechs Bezirke. 1953 wird der Diakon Kurt König erster hauptamtlicher Landesposaunenwart. Heute gibt es drei Landesposaunenwarte. Rund 4.500 Bläserinnen und Bläser musizieren in über 300 Chören.

Neues Lied und Arbeit mit Kindern
Frankfurt wird ein Zentrum des Sakropop. Beim Kirchentag 1956 wird das Musical Hallelujah Billy aufgeführt – ein Schlüsselwerk des Genres. Die Frankfurter Liederwerkstatt von Dieter Trautwein entwickelt sich in den 60er-Jahren zur Ideenschmiede des neuen geistlichen Liedes, die weit über die Landeskirche hinaus wirkt und Ökumene praktiziert: Lothar Zenetti, katholischer Stadtjugendpfarrer in Frankfurt, ist Trautweins kongeniales Gegenüber. Der Arbeitskreis Neues Geistliches Lied im Bistum Limburg führt diese Tradition bis heute fort. Eugen Eckert und Thomas Gabriel erregen als ökumenisches Autoren-Gespann mit ihren Rock-Oratorien »Daniel« und »Emmaus« bundesweite Aufmerksamkeit. 1992 tritt Burkhard Jungcurt als deutschlandweit erster Kirchenmusiker mit der Spezialisierung auf Popularmusik seinen Dienst an und gibt seither wichtige Impulse und Hilfestellung an der Basis. Auch die musikalische Arbeit mit Kindern hat sich – mit der Kantorin Ursula Starke als Fachfrau – in den letzten Jahren zu einem Schwerpunkt entwickelt.

Über den Gottesdienst hinaus
Zwischen Seniorensingkreis und Gospelgottesdienst, Posaunentag und ambitionierter Konzertreihe: Die Kirchenmusik in Hessen und Nassau hat viele Fassetten. Mit rund 32.000 Aktiven, wie Landeskirchenmusikdirektor Michael Graf Münster schätzt, ist sie ein Hauptbetätigungsfeld für Ehrenamtliche in der Kirche. Zur Integrationskraft nach innen trete, so Münster, eine Außenwirkung, die für die kulturelle Präsenz in der Gesellschaft enorm wichtig sei: »Die Musik wurzelt im Gottesdienst, wächst aber über den Rand der Kirche hinaus.«

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