60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Evangelische Kindertagesstätte Arche Noah in Bad Ems

Die Welt verstehen lernen

Vom hilflosen Wesen zum aktiven Lernsubjekt – das Bild vom Kind hat sich in den letzten 60 Jahren stark verändert und die Kinderbetreuung mit ihm. Lange vor PISA hat die Fachberatung evangelischer Kindergärten in der EKHN die Qualitätsfrage gestellt, lange vor den Bundesländern Leitlinien erarbeitet und weiterentwickelt, so wie in der Kindertagesstätte Arche Noah in Bad Ems.

Alle Stühle besetzt, die Küche im Dauerbetrieb, das ganze Haus quirlig wie beim Kindergeburtstag: Familienfrühstück in der evangelischen Kindertagesstätte in Bad Ems. Zweimal im Jahr drängen sich rund 180 Kinder und Erwachsene in den vier Gruppenzimmern, wo sonst 85 Jungen und Mädchen mit ihren Erzieherinnen viel Platz haben. Etliche Eltern bleiben bis zum »Morgenkreis«, der Andacht mit Liedern, Gebet und Segensspruch, der jeden Freitag die Woche beschließt.
Leiterin Martina Griese stimmt die Gitarre, sammelt sich und legt die Handpuppen bereit. Draußen vor ihrer Tür warten die Kinder schon, rutschen immer näher, sitzen buchstäblich auf der Matte. Endlich geht die Tür auf, ein Kind darf die Andachtskerze entzünden und dann wird gemeinsam nachgedacht, gesungen und gebetet. Diesmal ein altes Morgengebet – »Wie fröhlich bin ich aufgewacht ...«. Die Kinder werden still und falten die Hände oder halten sie geöffnet nebeneinander, die muslimische Form des Betens.

Religiöse Identität
In welcher Haltung die Kinder beten, ist für das Kita-Team kein Problem, sondern eine Frage gelebter Toleranz. Auf das Ritual der Morgenandacht, das laut Konzept neben anderem zum »deutlich evangelischen Profil« der Einrichtung gehört, wird schon beim Aufnahmegespräch hingewiesen, erzählt Griese. Die Reaktion muslimischer Eltern, die ein Drittel der Elternschaft stellen, gibt sie mit dem beispielhaften Satz einer Muslima wieder: »Es ist gar nicht wichtig für Kinder in diesem Alter, ob es um Gott oder Allah geht – sondern, dass sie beten lernen.«

Kinder vor
Nach weiteren pädagogischen Ansätzen gefragt, sprudeln bei Leiterin Martina Griese die Sätze wie in einem Stakkato: Erziehungspartnerschaft, Wertschätzen, Qualitätsentwicklung, situatives Handeln, Konzeption, Familie ... Priorität hat für die 51-Jährige, die seit sechs Jahren die Einrichtung leitet, aktuelle Lebenssituationen zu erspüren: »Was brauchen unsere Kinder und ihre Eltern jetzt?« – Vor allem Orientierungshilfen. Lebenssituationen sind schwieriger und komplexer geworden in den letzten Jahren, deswegen versteht sich das Kita-Team als Erziehungsbegleitung und weist auch Problemfälle nicht zurück. »Das gehört zu unserem christlichen Verständnis«, so Griese. Kürzlich wurden die Kinder einer Familie aufgenommen, in der es viel Gewalt gibt, eine überforderte Mutter und einen Vater, der im Gefängnis sitzt. Obwohl eigentlich kein Platz mehr frei war, trotz der zusätzlichen Belastung für die Gruppe. Ganz im Sinn der Leitlinien für Kindertagesstätten der EKHN.

Eltern motivieren
Aber auch Eltern in einfacheren Lebenssituationen suchen Hilfe und Informationen. Die Kita sieht ihre Aufgabe darin, die Familien zu eigenem Engagement zu motivieren. Wegen der wachsenden Nachfrage werden nun auch zehn Kleinkinder unter drei Jahren betreut, deren Eltern meist berufstätig, alleinerziehend oder krank sind. Die Leiterin stand diesem Angebot zunächst skeptisch gegenüber. Die Kolleginnen und die Praxis hatten sie jedoch bald überzeugt: »Die Kinder lernen
so schnell und wenn sie mit drei Jahren in die Regelgruppen wechseln, sind sie tatsächlich wesentlich selbstständiger als die anderen.« – Sie werden allerdings auch gut behütet. Geborgenheit hat Vorrang.

Kindertagesstätten

Länger offen
Ihre 604 Kindertagesstätten mit 40.000 Plätzen versteht die EKHN als einen im Evangelium von Jesus Christus begründeten Dienst an Kindern, an Familien und an der Gesellschaft. Dafür wendet sie jährlich 31 Mio. Euro auf. Die Lebensverhältnisse der Familien haben sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Die Zahl der Kinder ist gesunken, die berufliche Belastung vieler Eltern gestiegen. Sie drängen auf Ausweitung der Kindertagesstätten-Zeiten. Die EKHN ist bereit, das im Rahmen ihrer Möglichkeiten aufzugreifen, mehr Krippenplätze anzubieten und die Öffnungszeiten auszuweiten.

Pädagogisch anspruchsvoll
Kindertagesstätten haben einen eigenen Bildungsauftrag. Der Forderung nach gezielteren Bildungskonzepten und einem besseren Anschluss an die Schulen, die angesichts des weltweiten Bildungswettlaufs zunehmend erhoben wird, stellt sich die EKHN. Genauso wichtig bleibt aber die Vermittlung sozialer Kompetenz, christlicher Werte und eine geschützte Persönlichkeitsentwicklung, die auch die Dimension des Glaubens umfasst.

Evangelisch profiliert

Evangelische Kindertagesstätten sind Orte religiöser Bildung. Zugleich sind sie offen für alle Kinder. In manchen evangelischen Kindertagesstätten sind evangelische Kinder eine Minderheit. Durch Aufnahme von Kindern mit Migrationshintergrund werden Kindertagesstätten zunehmend zu interkulturellen Lernorten. Darauf muss ihr Konzept eingerichtet sein. Ihr evangelisches Profil muss klar und erkennbar bleiben. Dazu gehört auch der Respekt vor den vielfältigen religiösen Prägungen der Kinder und ihrer Familien.