60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Religionsunterricht in Gau-Odernheim

Wer war eigentlich Mose?

Nirgends arbeiten Kirche und Staat so eng verzahnt wie beim Religionsunterricht. In den letzten 60 Jahren haben sich an der Schnittstelle zwischen Pädagogik, Wissenschaft und Spiritualität zwar die Rahmenbedingungen geändert. Das Ziel jedoch, Orientierung für das Leben zu geben und Wissen vom Glauben zu vermitteln, ist geblieben. Daran arbeitet auch Susanne Ewald in der Grundschule Gau-Odernheim.

Wer ist Gott? Wie sieht er aus? Wie handelt er? – Kinder fragen direkt, wollen alles genau wissen. Religionslehrerin Susanne Ewald, die im rheinhessischen Gau-Odernheim unterrichtet, erzählt daher gern aus der biblischen Exodusgeschichte. Vom Auszug aus Ägypten, vom Weg des Mose und seines Volkes ins neue Land. Als der persönlich Begegnende, der Befreiende, der Fürsorgliche, der Verpflichtende, aber auch der Unbegreifliche. Gott begleitet den Menschen in schwierigen Situationen, sodass Angst und Not nicht das letzte Wort haben. Er hält nicht nur Wort und hilft weiter, sondern macht gerade auch Mut zur Befreiung aus bedrohenden Zwängen. Den Kindern wird gleichzeitig verdeutlicht, dass geschenkte Freiheit gestaltet, gelebt und bewahrt werden will. Die in den vorangegangenen Schuljahren zur Sprache gebrachten Gotteserfahrungen werden durch die Beschäftigung mit dem Auszug aus Ägypten vertieft und gefestigt.

Angst und Hoffnung
Umgesetzt sieht das an diesem Schulmorgen so aus: 22 Kinder der jahrgangsgemischten Gruppe eines dritten und vierten Schuljahres sitzen im Kreis, in der Mitte liegt ein großes gelbes Tuch, darauf ein wenig Sand, dürre Äste und Steine – die Wüste. Susanne Ewald liest einen Teil der Geschichte vor und ermuntert die Kinder sich in die Lage der Israeliten zu versetzen. Lena beginnt: »Wird es genug Essen und Trinken geben? Werden sie Material haben, um Häuser zu bauen?«, überlegt sie und gibt das Wort an Leon weiter. Der sagt fast dasselbe, danach fürchtet Benny: »Bei der Hitze, da könnte ja auch jemand sterben.« Und Manuel fragt: »Wieso hat Gott uns das angetan, wollte er uns bestrafen?« Ähnlich geht es weiter, bis Leon wieder das Wort erhält und die Klagerunde spontan beendet: »Wir werden es schaffen, Gott hat es versprochen.« Mit bemerkenswerter Treffsicherheit fühlen diese Acht- bis Elfjährigen einer Situation nach, die ihnen sehr fremd sein muss – zudem draußen vorm Fenster eine Aprillaune des Wetters gerade etwas Schnee rieseln lässt.
Sie sind nicht ernster als andere Kinder, das konnte man eben noch in der Pause recht gut hören. Doch jetzt und hier herrscht eine eigene Dynamik. Ohne Eile, ohne Drängen formulieren sie ihre Überlegungen. Und die Lehrerin lässt ihnen diese Zeit, sich an elementare Sinnfragen heranzutasten.

Mut für Neues
Ein Großteil der Kinder wechselt im Sommer die Schule und fragt sich: »Was erwartet mich?« Das ist der richtige Zeitpunkt für die Geschichte des Mose mit dem biblischen Grundmotiv vom Auszug aus dem Bekannten und der Reise in das verheißene, aber unbekannte Land: »Das neue Land ist etwas Tolles, auf das ich mich freue – ist aber auch das Unbekannte, das mich ängstigt und mir Herzklopfen bereitet.«
Die Kinder sollen Hoffnung für die eigene Lebensbewältigung und ein positives Glaubensverständnis entwickeln. Die Lehrerin ermutigt sie, ihren Weg zu gehen im Vertrauen auf die Zusage Gottes, sie auch in der Angst, die mit der Freiheit untrennbar verbunden ist, zu begleiten. Den Schülern soll ein positives Verhältnis zu dem vermittelt werden, was vor ihnen liegt – die Entfaltung ihrer individuellen und besonderen Fähigkeiten und Begabungen, frei von Ängsten und Selbstzweifeln.

Spirituelle Zeitfenster
Jener bewusste Umgang mit den Kindern, jene Ruhe zum Nachdenken ist ein großes Potenzial des Fachs Religion. Zeit zum Innehalten gibt es an Schulen sonst wenig. Schon Grundschüler stehen zunehmend unter Leistungsdruck, für weiterführende Schulen gilt das umso mehr. Im Religionsunterricht stellen Schülerinnen und Schüler Fragen, die anderswo nicht beantwortet werden. Und es gibt kaum Abmeldungen – im Gegenteil, es kommen auch Konfessionslose. Viele Schulpfarrerinnen und -pfarrer haben diese Herausforderung bereits angenommen und bieten Seelsorge an oder eröffnen Schülercafés. Mit Erfolg: Solche spirituellen Zeitfenster mitten im Schulbetrieb werden gern genutzt.
Der Beschleunigungstrend verschärft sich weiter. Aus Angst vor den jeweils nächsten PISA-Ergebnissen räumen die Lehrkräfte dem hoch konzentrierten, schnellen Aufnehmen immer mehr Priorität ein. Das drängt das bewusste Wahrnehmen, den eigenen Lernrhythmus in den Hintergrund. Während die Schülerinnen und Schüler den Religionsunterricht für sich entdecken, steht er im Konkurrenzkampf der Fächer eher hintenan. Die ohnehin knappen Lehrkräfte werden vorzugsweise für die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Sachkunde eingeteilt. Vor allem an Gesamt- und Berufsschulen ist der Stundenausfall immens.
Das Stichwort »Lehrermangel« gibt es bereits seit 60 Jahren. Dennoch fehlt derzeit in der Religionspädagogik der Nachwuchs und es unterrichten mehr Pfarrerinnen und Pfarrer denn je. Gerade deswegen unterstützen seit 1951 die derzeit acht religionspädagogischen Ämter sowie das 1967 gegründete religionspädagogische Studienzentrum in Kronberg in Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie in der Betreuung der Lehrkräfte. Nur so kann es mit anderen, sogenannten PISA-Fächern konkurrieren.

 

Religionsunterricht

Lernort Schule
An den Schulen im Gebiet der EKHN unterrichten das Fach Religion neben zirka 6.100 staatlich ausgebildeten und von der Kirche bevollmächtigten Lehrerinnen und Lehrern auch etwa 1.000 Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer sowie 177 eigens dafür abgestellte Schulpfarrerinnen und -pfarrer. Die vom Kultusministerium erfasste Austrittsquote aus dem Religionsunterricht ist mit 1,9 Prozent gering. Weit höher ist der Stundenausfall. Etwa ein Drittel der Stunden wird nicht erteilt.

Alphabetisierung im Glauben
Die Bedeutung des Religionsunterrichts ist in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen, da in vielen Familien die Tradition der Glaubensvermittlung abgebrochen ist. Für viele Kinder ist er der Erstkontakt zum Glauben und der einzige Ort für ihre religiöse Entwicklung. Darauf müssen sich die Lehrkräfte in ihrem Verhalten und mit ihren pädagogischen Methoden einstellen. Der Religionsunterricht muss auch Grundwissen über den evangelischen Glauben vermitteln und gleichzeitig Bildungsstandards mit dem Ziel Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler entwickeln.

Konsequent evangelisch
Am evangelischen Religionsunterricht nehmen nicht nur evangelische Schülerinnen und Schüler teil, sondern auch viele Kinder mit einem anderen oder keinem religiösen Hintergrund. Darin kann eine Chance für interreligiöses Lernen liegen. Dafür sind entsprechende Unterrichtskonzeptionen zu entwickeln. Gerade in dieser Situation tritt die EKHN konsequent für einen konfessionell verantworteten Religionsunterricht ein. Er kann kein verkappter Unterricht für Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) oder Ethik sein.