60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Vorwort von Kirchenpräsident Prof. Dr. Peter Steinacker
Kurze Geschichte – langer Atem
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) blickt im Jahr 2007 dankbar auf 60 Jahre Geschichte zurück. Diese Jubiläumsschrift zeichnet ihren Weg nach. Die Seiten 14 bis 42 bieten eine Chronologie. Auf den Seiten 44 bis 126 werden Handlungsfelder der EKHN anhand von aktuellen Reportagen und historischen Überblicken dargestellt.
Die 60-jährige Geschichte der EKHN hat sich in drei etwa 20 Jahre langen Abschnitten vollzogen. Ab 1947 ging es zuerst darum, aus den Trümmern der NS-Zeit eine neue Kirche entstehen zu lassen. So wuchs die EKHN aus den Strukturen der Bekennenden Kirche, den Resten einer gleichgeschalteten deutschnationalen Kirche und der Tradition einer Volkskirche zusammen. Martin Niemöllers Impulse zur Versöhnung mit der Sowjetunion und sein Kampf gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik lösten bitterste Auseinandersetzungen aus. Die Synode beklagte bereits damals einen spürbaren Traditionsabbruch. Die EKHN nahm dankbar das Angebot an, sich in das Netz der weltweiten Ökumene gleichberechtigt einzugliedern.
Hitzige Debatten
Um 1967 begann der zweite Abschnitt. In ihm trat die EKHN, finanziell und personell durch den wirtschaftlichen Aufschwung gestärkt, in die heftigen gesellschaftlichen Debatten dieser Zeit ein. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges mit seinem erbarmungslosen Wettstreit der Gesellschafts- und Wirtschaftsysteme und befeuert vom studentischen Protest der 68er-Generation ging es um Demokratie und Autorität, Frieden und Massenvernichtungswaffen, Bibel und Bekenntnis und vieles mehr. Die EKHN erfuhr einen umfassenden Entwicklungsschub. Sie weitete ihre Aktivitäten erheblich aus. Die erste große Kirchenaustrittswelle bestätigte den Traditionsabbruch. Dennoch steigende Kirchensteuereinnahmen und beruhigende Umfragen (»Wie stabil ist die Kirche?«, 1972) verschleierten die Situation.
Auf dem Markt
Die dritte Phase begann mit dem Zerfall des sozialistischen Machtbereichs um 1987 und dem Fall der Mauer 1989. Die EKHN richtete eine »Perspektivkommission« ein, um sich auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen einzustellen und so dem Evangelium in der neuen Situation zu dienen. In intensiven Reformdebatten war und ist sie auf der Suche nach der eigenen Rolle in einer Gesellschaft, die sich vom Ost-West-Blockdenken befreit hat und nun in eine große Beliebigkeit zu zerfließen droht. Alles kommt auf den Markt, wo auch evangelische Religion, Spiritualität und Diakonie zu Angeboten unter anderen werden. An die Stelle selbstverständlicher Überlieferung tritt der Zwang zur individuellen Wahl unter vielen Angeboten. Mitglieder empfinden sich als eine Art Kunde. Ihre Ansprüche werden immer unterschiedlicher. Kirche als Dienstleisterin für Familienfeste, als Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit, als Anbieterin für glaubensstärkende Gottesdienste, als Trösterin der Gescheiterten und Elenden oder als letzte Hüterin der bürgerlichen Moral.
Geistliche Heimat
Es scheint, als würde nun ein neuer Abschnitt beginnen – der vierte. Weit stärker als bisher wird die EKHN darin nach ihren geistlichen Kompetenzen gefragt. Die Auswirkungen der Globalisierung lassen viele Menschen nachdenklich werden. Angesichts der großen Beliebigkeit suchen sie nach einer geistlichen Heimat, in der das kollektive Gedächtnis der Tradition und die individuelle Freiheit gleichen Raum haben. Die Liebe Gottes tröstet und ermahnt Menschen seit Jahrtausenden. Das Evangelium gibt ihnen kritische Orientierung und befähigt sie, das Leben mit aller Schönheit und allen Dunkelheiten aus Gottes Hand zu nehmen. Die Kirche will mit ihrer vielfältigen Arbeit nichts anderes als darauf verweisen, damit die Menschen daseinsgewiss ihre Welt gestalten oder sie zum Ende ihres Lebens hin loslassen können in der Hoffnung auf Gottes Sieg über den Tod. In diese lange Zuwendungsgeschichte Gottes zu seiner Welt reiht sich die EKHN mit ihrer kurzen historischen Geschichte dankbar ein.
Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker, Kirchenpräsident
zurück | letzte Aktualisierung: 19.09.2007 | copyright by EKHN