60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Konfirmandenfreizeit auf der Evangelischen Jugendburg Hohensolms

Flair mit Langzeitwirkung

Nördlich von Wetzlar thront sie majestätisch über der grünen Landschaft – die Evangelische Jugendburg Hohensolms. Von hier nehmen unzählige Jugendliche prägende Eindrücke mit nach Hause. Zum Beispiel 54 Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Büdingen.

Aaron hat ein Funkeln in den Augen. »Nie hätte ich gedacht, einmal in einer Burg übernachten zu dürfen«, strahlt der Konfirmand. »Die großen Zimmer mit den Rüstungen an den Wänden sind Wahnsinn und Geheimgänge haben wir auch schon entdeckt.« Seine Gemeindepfarrerin Ellen Schneider-Oelkers dagegen schätzt vor allem die Möglichkeiten, die sie hier mit ihren Konfirmandinnen und Konfirmanden hat, um einen Vorstellungsgottesdienst vorzubereiten. »Die Mauern bieten Geborgenheit und die nötige Ruhe, sich über Glaubensinhalte Gedanken zu machen.«

Bibel alltäglich
Schließlich ist das Thema der Freizeit tiefgründig: »Im Zeichen des Kreuzes«, lautet es. Zwei Mal einen Meter groß sind die Kreuze, auf welche die Jugendlichen geschrieben haben, was ihnen dazu im Alltag einfällt. Auch Zeitungsausschnitte haben sie aufgeklebt. Von Katastrophen, Kampfeinsätzen, Anschlägen und hungernden Menschen, aber auch von einem Schulhof oder prügelnden Hooligans im Fußballstadion. »Klassische biblische Themen bilden die Basis für vieles, was die Jugendlichen im Alltag erleben«, betont die Pfarrerin. Als »Leitlinien für das Leben« lässt sie ihre Konfis auch Texte auswendig lernen, zum Beispiel die zehn Gebote. Manche Jugendlichen haben bereits gute Kenntnisse durch Religionsunterricht oder Kinderbibelwochen, andere wissen rein gar nichts von der Bibel. Das erfordert kreatives und flexibles Arbeiten.
»Wir lernen viel dazu, was wir den Eltern weitererzählen. Oft sind die dann ganz erstaunt, weil sie das auch nicht wussten«, betont Jasmin. Ihr gefällt, dass sie ihre Meinung sagen und viel selbst machen darf. Aaron hatte vorher »nicht so viel mit der Kirche« zu tun. Bis vor einem halben Jahr war er noch nicht getauft, da seine Eltern ihm die Entscheidung selbst überlassen wollten. Dass es seine ganz eigene Entscheidung war, sich im Herbst letzten Jahres taufen zu lassen, betont er immer wieder.
Für Schneider-Oelkers ist Lebensbegleitung ein wichtiger Teil im Konfirmandenunterricht, der oftmals »zwischen Tür und Angel« stattfinde. So kommt sie meist ein wenig früher zu den Treffen, »da manche Konfis dann bereits da sind, um etwas loszuwerden, ohne dass andere dabei sind«. Auch das freiwillige Helfen beim Aufräumen sei mitunter ein Hinweis auf Gesprächsbedarf. Sie nutzt die Chance, den Jugendlichen in einer prägenden Phase Orientierung zu geben. Im Rahmen von Gemeindepraktika wirken die Konfirmandinnen und Konfirmanden im Gemeindebüro oder bei Küsterdiensten mit, helfen beim Abendmahl oder besuchen Senioren im Altenheim. So finden sie ihren eigenen Platz in der Gemeinde. Auch wenn der Kontakt nach der Konfirmation erst einmal wieder abreißt, gibt es später immer Anknüpfungspunkte.

Surfen im Kuhstall
»Generationen von Konfirmanden haben hier religiöse Sozialisation genossen«, betont Peter Stenger, Leiter der Tagungsstätte, die historisches Burg-Ambiente mit moderner Ausstattung kombiniert. Der ehemalige Fürstensitz Hohensolms hat auch kirchlich eine lange Tradition. 1924 stellte Fürst Reinhard von Solms-Hohensolms-Lich die Burg der Christdeutschen Jugend zur Verfügung: Die Evangelische Jugendburg war geboren. In den Jahren nach 1933 wurde Hohensolms kurzfristig wieder zur »Wehrburg« und ging als ein theologisches Zentrum der Bekennenden Kirche auf Gegenkurs zum Hitler-Regime. Als die Christdeutsche Jugendbewegung die Burg aus finanziellen Gründen nicht mehr halten konnte, übernahm die EKHN nach dem Krieg zunächst alle Verpflichtungen. 1968 bewilligte die Kirchensynode dann den Kauf der Burg.
Konzept sei stets gewesen, die typische Atmosphäre einer Burg zu erhalten und dennoch optimale Tagungsmöglichkeiten zu schaffen, betont der Leiter: So gibt es seit einer umfangreichen Modernisierung im Jahr 2003 im alten Kuhstall einen Medienraum mit neun PCs mit DSL-Anschlüssen und Standardsoftware, an dem heute Nachmittag eine Wiesbadener Hauptschulklasse sitzt. [Berufsorientierung für Hauptschüler > Seite 53]

Hoher Erinnerungswert
Die Jugendburg bietet Räume für Gruppen bis zu 200 Personen. 23 Menschen arbeiten auf insgesamt 12 Stellen, dazu kommen Zivildienstleistende. Insgesamt nutzten im letzten Jahr 21.000 Gäste die Einrichtung. Außer mit gutem Service punkte die Burg mit dem hohen Erinnerungswert aufgrund des einmaligen Ambientes. Und das, davon ist Peter Stenger überzeugt, überträgt sich auch auf die dort vermittelten Inhalte und das Bild von Kirche und hat Langzeitwirkung: »Wo sonst kann man im Rittersaal am Kamin sitzen und in einer historischen Kapelle selbst Andachten gestalten?« Stephanie Huschke (24), ehrenamtliche Konfi-Betreuerin, kann das bestätigen: »Es ist viel atmosphärischer als in einer Jugendherberge, das Außengelände bietet optimale Möglichkeiten für Bewegung oder Kreativangebote und alle Mitarbeiter sind sehr freundlich.« Lisa Emrich (17) hat sich aufgrund der Erfahrung ihrer eigenen Konfirmandenfreizeit in Hohensolms für ihr ehrenamtliches Engagement entschieden: »Hier wurde mir klar, dass ich später unbedingt auch als Betreuerin mitarbeiten möchte.«

Etwas, das bleibt
»Besonders im Jugendalter prägen wir stark«, weiß auch Stenger. »Daher muss Kirche an dieser Stelle investieren.« Mit der Jugendburg hat die EKHN ein deutliches Zeichen gesetzt. Dass es am Inventar so gut wie keine Schäden durch Vandalismus zu beklagen gibt, beweist eindrucksvoll, dass die Jugendlichen Hohensolms als »ihre Burg begreifen und wertschätzen«, betont der Leiter. »Bei allem Unsicheren gibt es die Sehnsucht nach etwas Festem und Beständigem. Und was könnte dafür treffender stehen als eine Burg?«

Evangelische Jugendburg Hohensolms
Leiter Peter Stenger
Burgstraße 12
35644 Hohenahr-Hohensolms
Telefon (06446) 9231-0
E-Mail jugendburg@t-online.de

Konfirmation

Starthilfe
Die Konfirmation mit vorausgehendem Unterricht wurde in Hessen erfunden und hat sich weltweit verbreitet. Der Unterricht will Heranwachsenden helfen, als mündige Christinnen und Christen zu leben. Konfis lernen in dieser Zeit etwas über Taufe, Gebet, Gottesdienst und kirchliche Arbeit. Sie üben persönliche Glaubenspraxis ein. Immer mehr Jugendliche kommen im Konfirmandenunterricht zum ersten Mal mit der Frage nach ihrem eigenen Glauben in Berührung.

Konfirmandenunterricht wohin?
Durch die Ganztagsschule wird der herkömmliche Konfirmandenunterricht vor neue Fragen gestellt. Die klassische Unterrichtszeit am frühen Nachmittag wird zur Schulzeit. Noch ist nicht absehbar, was dies für die Konfirmanden bedeuten wird. Zwar könnte der Unterricht in die Schulzeit integriert werden, er würde dann aber in einem ganz anderen Umfeld und fern der Gemeinde stattfinden und seine integrative Bedeutung als ortsbezogenes sowie schul- und milieuübergreifendes Angebot verlieren. Viele Gemeinden halten am Konfirmandenunterricht in den eigenen Räumen fest.