60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Berufsorientierung für Hauptschüler
Jugend
Jugend übernimmt Verantwortung
Die neue Jugendordnung der EKHN stärkt die Selbstvertretungsstrukturen von Kindern und Jugendlichen. Für Jugendliche gibt es eine große Vielfalt verschiedener Angebote. Sie werden damit in die Lage versetzt, die Arbeit in Gemeinden, Dekanaten sowie freien Werken und Jugendverbänden verantwortlich zu gestalten.
In der Gruppe stark
Neben unverbindlichen und zeitlich begrenzten Angeboten für Jugendliche, die sich nicht dauerhaft und verbindlich festlegen wollen, zeigen neueste Erhebungen über die Wünsche Jugendlicher auch den großen Reiz fester Gruppen und ihrer verlässlichen Strukturen, die dem Einzelnem Sicherheit und Heimat bieten. Dazu gehören auch neue Ideen wie Patenschaften, bei denen ältere Personen Jugendliche eine Zeitlang begleiten und beraten.
Evangelium und Alltag
Evangelische Jugendarbeit darf sich in Zukunft nicht mehr auf bestimmte gesellschaftliche Ausschnitte, etwa aus dem klassischen Bürgertum, beschränken. Eine besondere Herausforderung liegt deshalb darin, Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Milieus anzusprechen und zu integrieren – auch solche, die in materieller Armut leben und unter Chancenungerechtigkeit leiden.
Echte Aha-Erlebnisse
Rudi Imhof, Projektleiter im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung, nutzt mit Schülerinnen und Schülern einer 9. Klasse der Wiesbadener Adalbert-Stifter-Schule die vielfältigen Möglichkeiten der Evangelischen Jugendburg Hohensolms für die Berufsorientierung.
Herr Imhof, was lernen die Schülerinnen und Schüler in Hohensolms?
Imhof: »Zunächst geht es um Grundsätzliches: Welche Berufe gibt es für Hauptschüler? Auch heutzutage existieren Nischen mit guten Möglichkeiten. Doch die muss man erst mal kennen. Im letzten Jahr bekamen von den 60 Abgängern dieser Schule nur zwei einen Ausbildungsvertrag. Einige haben sich auch auf einen bestimmten Beruf versteift, ohne zu wissen, dass der Abitur oder gar ein Studium erfordert. Manche haben Praktika in Berufen gemacht, für die sie gar nicht geeignet sind, oder in Betrieben, die gar nicht ausbilden. Dabei entstehen 60 Prozent der Ausbildungsverträge durch Praktika.«
Können Sie ein Beispiel nennen?
Imhof: »Ein Jugendlicher hat bei den Stadtwerken einen Ausbildungsplatz als Kfz-Mechatroniker für Nutzfahrzeuge bekommen. Vor der Berufsorientierung wusste er gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt.«
Bieten Sie auch konkreten Anschauungsunterricht?
Imhof: »Ja, morgen besuchen wir in Herborn eine Firma, die Flugzeugteile herstellt. Da gibt es eine Menge Berufe, die für Hauptschüler infrage kommen. Das ist immer ein echtes Aha-Erlebnis.«
Müssten das nicht eigentlich die Schulen organisieren?
Imhof: »Die tun schon einiges. Es gibt viele Lehrerinnen und Lehrer, die sehr engagiert arbeiten. Durch gezielte Kooperation von schulischer mit außerschulischer Bildungsarbeit lässt sich die Effektivität jedoch maßgeblich erhöhen. Deshalb gibt es für unser Projekt seit Juni letzten Jahres auch Fördermittel vom Kultusministerium.«
Was macht diesen Mehrwert aus?
Imhof: »Wir bringen andere Blickwinkel ins Spiel. Wichtig ist auch ein nicht alltägliches Umfeld wie in Hohensolms. Hier reagieren viele anders als in der Schule. Zum Beispiel hatte die Lehrerin für die Klasse bereits einen Besuch im Berufsinformationszentrum organisiert, aber nicht einmal die Hälfte ist mitgegangen. Hier ist das völlig anders.«
Was steht in Hohensolms noch auf dem Stundenplan?
Imhof: »Gezieltes Bewerben. Und das beginnt mit guter Recherche, die wir trainieren. Die hervorragende Ausstattung der Jugendburg mit Medienräumen, in denen die Jugendlichen im Internet nach geeigneten Ausbildungsplätzen suchen können, hilft uns dabei sehr. Außerdem besuchen uns Vertreter einer Arbeitsloseninitiative aus der Region. Sie fertigen mit den Schülern Musterbewerbungsmappen an, die Pfiff haben und sich von anderen abheben.«
Geht es auch um Persönlichkeitsbildung?
Imhof: »Ja, um realistische Selbsteinschätzung: Welches Level habe ich und welche Möglichkeiten bieten sich mir damit? Zudem möchten wie die Schüler stark machen, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Viele Eltern setzen da keinen Druck dahinter, weil ihnen die Orientierung ebenso fehlt. Um die 90 Prozent dieser Schüler haben einen Migrationshintergrund.«
Und was ist das Evangelische an der Arbeit?
Imhof: »Gesellschaftliche Verantwortung gehört zu den Kernaufgaben von Kirche: aus christlicher Verantwortung vor Gott und den Menschen einzutreten für eine sozial gerechte Entwicklung. Und das bedeutet, die zu fördern, die benachteiligt sind. Arbeit ist ein wichtiger Themenbereich für junge Menschen und hat mit Lebensorientierung, Sinnvermittlung und Zukunft zu tun. Viele machen hier erste Erfahrungen mit der Kirche, die sehr positiv sind.«
Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung
Projektleiter Rudi Imhof
Albert-Schweitzer-Straße 113 – 115
55128 Mainz
Telefon (06131) 28744-49
E-Mail r.imhof[at]zgv.info
www.zgv.info
zurück | letzte Aktualisierung: 20.09.2007 | copyright by EKHN