60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Präses Prof. Dr. Karl Heinrich Schäfer über freiwilligen Dienst in der EKHN
Ehrenamt wird gebraucht
Nach evangelischem Verständnis vom Priestertum aller Getauften ist jedes Mitglied zur Mitarbeit berufen. In der evangelischen Kirche haben Ehrenamtliche in vielfältiger Weise Anteil an der Verkündigung, der Seelsorge, Diakonie sowie der Gemeinde- und Kirchenleitung.
Freiwillig stellen Menschen ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Fähigkeiten für kirchliche Aufgaben zur Verfügung. In der EKHN arbeiten nahezu 63.000 Menschen freiwillig und ehrenamtlich. Darunter rund 12.000 Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, die zahlreichen Mitglieder der Dekanatssynoden und die 161 Mitglieder der Kirchensynode. Ehrenamt und freiwillige Tätigkeit spielen nicht nur inhaltlich oder strukturell, sondern bereits zahlenmäßig eine bedeutende Rolle.
Ehre und Anerkennung
Deshalb ist die Kirche bestrebt, nicht nur Hauptamtlichen bei Einführungen, Dienstjubiläen oder Verabschiedungen besondere Aufmerksamkeit zu erweisen, sondern auch ehrenamtlich und freiwillig Tätigen. Die EKHN tut das unter anderem mit ihrer höchsten Auszeichnung, der Martin-Niemöller-Medaille. Sie wird an Ehrenamtliche verliehen, die sich in besonderer Weise um die Erfüllung des kirchlichen Auftrags verdient gemacht haben. Für langjährige ehrenamtliche Mitarbeit im gemeindlichen Bereich wird offiziell eine Ehrenurkunde verliehen und die Ehrennadel ehrt langjährige Aktivität auf Dekanatsebene oder in anderen Arbeitsfeldern.
Flexibilität und Zeit
Die Mitarbeit von Laien im Ehrenamt setzt in Zukunft eine größere Flexibilität des kirchlichen Apparates voraus. Klagen über die mit solchen Ämtern verbundene wachsende bürokratische Belastung sind ernst zu nehmen. Ehrenamtliches Engagement beansprucht mitunter ein erhebliches Maß an Zeit. Langfristige ehrenamtliche Engagements wird es in den Gemeinden weiterhin geben und geben müssen. Die Begleitung kranker oder alter und alleinstehender Menschen beispielsweise braucht Kontinuität, es müssen Vertrauen und Verlässlichkeit entwickelt werden. Kurzfristige und deshalb projektorientierte Mitarbeit wird jedoch an Bedeutung gewinnen. Diese strukturelle Veränderung des freiwilligen Engagements empfinden die Verantwortlichen als zeitgemäß und begegnen ihr mit derselben Wertschätzung wie dem traditionellen Ehrenamt auf Dauer.
Verantwortung und Entscheidung
Ehrenamtliche Arbeit ist bis in die höchsten Leitungsorgane ein konstitutives Merkmal der evangelischen Kirche. Die Kirchenordnung der EKHN geht davon aus, dass die Hauptamtlichen und die Ehrenamtlichen in Leitungsgremien ihre Funktionen gemeinsam wahrzunehmen haben. Dieses Prinzip fordert den Hauptamtlichen sehr viel Aufmerksamkeit, Sensibilität und Geduld ab. Wer ehrenamtliche Ämter angemessen ausfüllen will, braucht inhaltlich ausgerichtete und theologisch reflektierte Leitungskompetenz, institutionelle Kenntnisse sowie Instrumente, um diese zu erwerben und fortzuentwickeln. Hierzu wurde eigens die Ehrenamtsakademie gegründet. Die EKHN verfügt als einziges Mitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) über ein Ehrenamtsgesetz. Mit dem Gesetz wurden 2003 erstmals verbindliche Standards mit Gesetzesrang zu den Rechten und Pflichten von und gegenüber ehrenamtlich Mitarbeitenden festgelegt. Erklärtes Ziel ist es dabei, Ehrenamtliche und ihre Arbeit in der Kirche zu stärken.
Das Ehrenamt ist nicht nur unverzichtbarer Bestandteil einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sondern auch einer lebendigen, funktionstüchtigen Kirche. Die EKHN will die Menschen dazu anregen, ihren Glauben im Alltag auszudrücken und darzustellen. Ziel ist also, dass sich in der EKHN ein breites und vielfältiges Engagement weiterentwickeln kann, in dem sich die Vielgestaltigkeit des christlichen Glaubens ausdrückt.
Prof. Dr. Karl Heinrich Schäfer, Präses der Kirchensynode
zurück | letzte Aktualisierung: 19.09.2007 | copyright by EKHN