60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Männergruppe in Gladenbach
Aus der Deckung kommen
Männer
Unumkehrbare Gleichberechtigung
Der gesellschaftliche Prozess der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und der damit verbundene Wertewandel ist unumkehrbar und erweist sich für das (Er-)Leben vieler Männer als Krise und Chance zugleich.
Gefragt: der Multi-Mann
Herausforderungen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das partnerschaftliche Miteinander von Männern und Frauen zu Hause und am Arbeitsplatz sowie der politische Prozess des »Gender-Mainstreaming« verlangen von Männern neue Kompetenzen. Es genügt nicht mehr, wenn sie ihre Identität ausschließlich über die Erwerbsarbeit bilden.
Männer stark machen
Evangelische Männerbildung greift wichtige Themen aus der Lebenswelt der Männer auf, um ihnen Orientierung anzubieten und sie in ihrer Lebensgestaltung zu stärken. Leider erreichen die Angebote viele Männer bislang nicht. Erfreulich sind neue und erfolgreiche Ansätze, die Männer als Väter in den Kindertagesstätten und den Gemeinden aktiv einbeziehen.
Frauengruppen sind in Kirchengemeinden fest etabliert. Doch Männer nehmen heute selten die Chance wahr, unter sich zu sein. In Gladenbach ist das anders. Dort führt ein »Männerdämmerschoppen« seit sechs Jahren viele Männer in der Gemeinde zusammen.
Grün uniformierte Männer sorgen heute im Gemeindehaus Blankenstein für ein ungewohntes Bild. Über 50 Zuhörer lauschen gespannt, wenn die Schutzmänner von der Christlichen Polizeivereinigung Rede und Antwort stehen: Wie kann man als Christ im Polizeialltag Flagge zeigen? Wie gehen sie mit Beschimpfungen um, ohne zum Menschenfeind zu werden? »Vieles von der Polizeiarbeit kennt man ja nur klischeehaft aus Fernsehserien«, betont Frank Dittel, »da ist es wohltuend zu erfahren, wie es wirklich ist.« Der Bankkaufmann ist einer der Organisatoren des »Gladenbacher Männerdämmerschoppens«, der dreimal im Jahr stattfindet.
Schwellen niedrig halten
»Lebenspraktische Themen« aus dem Alltag aufzugreifen gehört zum Konzept der Treffen. »Gerade im kirchlichen Bereich wurden in den letzten Jahren die Frauen immer dominanter und die Männer zogen sich immer stärker zurück«, hat Gemeindepfarrer Herbert Volk festgestellt. Auch in Gladenbach war das so: Seit über 15 Jahren gibt es hier bereits ein Frauenfrühstück, das von 70 bis 100 Frauen besucht wird. Vor sechs Jahren dachten daher sieben Männer über die Gründe dafür nach. Ihnen wurde klar, »dass viele erst einmal unverbindlich reinschnuppern wollen, anstatt gleich angesprochen und für Regelmäßiges verpflichtet zu werden«. So entstand die Idee zu einem Treffen, bei dem die Schwelle niedrig ist. Heute kommen 40 bis 60 Männer zum Dämmerschoppen – von 18 bis über 70, vom Handwerker über den Banker bis hin zum Direktor ist alles dabei.
Vertrauen wächst
Das Erfolgsrezept? – »Themen, die Männer interessieren«, sagt Steuerberater Müller, »gewürzt mit Locker-Unterhaltsamem.« Insgesamt sind die Programmpunkte nur ein Türöffner, denn es geht um weit mehr: »Die Gespräche, die nebenbei entstehen, und die Gemeinschaft sind ebenso wichtig«, betont Dittel. Schließlich ist die Kommunikation anders, wenn Männer unter sich sind. »Man muss weniger Rücksicht nehmen, was Umgangston, Benimmregeln und die Einbeziehung der Frauen ins Gespräch betrifft.« Volke hat festgestellt, dass manche Männer »ihre Deckung leichter fallen lassen können«, wenn keine Frauen dabei sind und sie nicht meinen, eine bestimmte Rolle ausfüllen zu müssen. Und so sprechen die Männer in Gladenbach über »Brennholz-Machen« ebenso wie über Berufsalltag oder Hobbys. »Wir reden vielleicht nicht so viel wie Frauen, aber das gegenseitige Vertrauen wächst trotzdem allmählich«, sagt Dittel mit einem Augenzwinkern. Das zeigt sich zum Beispiel auf der traditionellen Wanderung im Spätsommer. »Da kommen erstaunliche Gespräche zustande. Ganz unterschiedliche Männer reden über Probleme bei der Arbeit, Ehe und Erziehungsfragen – das finde ich toll«, berichtet Pfarrer Volk.
Brückenschläge wagen
Auch die Frömmigkeitsstile sind unterschiedlich. »Sie reichen vom evangelikalen Pietismus bis zu denen, die eine theologische Weite schätzen«, führt Herbert Volk aus. Dazu passt das äußerst breite Spektrum an Themen und Referenten: Das reicht vom Direktor des Evangeliumsrundfunks aus Wetzlar über einen Notar, der Tipps zum Thema »Erben und vererben« gab, bis zu einem Urologen, der über »Männer und Gesundheit« sprach. Für Dittel ist es wichtig, gerade auch Männer anzusprechen, die sonst nicht in den Gottesdienst kommen. Brückenschläge zu christlichen Inhalten gebe es auch bei scheinbar exotischen Themen. »Dass christliche Polizisten von ihren Kollegen Aufgaben übertragen bekommen, für die besonderes Einfühlungsvermögen gefragt ist, hätte ich zum Beispiel nicht gedacht.« Pfarrer Volk freut es, dass der Dämmerschoppen die Schwelle, in die Gemeinde zu kommen, für Männer insgesamt gesenkt hat.
zurück | letzte Aktualisierung: 20.09.2007 | copyright by EKHN