60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Das Seniorenbüro Winkelsmühle in Dreieichenhain
Lebenserfahrung für die übernächste Generation
Senioren
Flexible Angebote
Nach dem Ende ihrer Arbeits- und Erziehungspflichten haben ältere Menschen mehr Freiräume. Besonders viele Senioren engagieren sich dann für die Kirche. Ihre gesundheitliche, finanzielle und mentale Situation ist dabei ganz verschieden. Angebote für sie müssen auf ihre verschiedenen Lebenslagen abgestimmt sein.
Mehr für Aktive
Die Gesellschaft wird aufgrund der demografischen Entwicklung insgesamt älter. Dabei sind viele Senioren gesund und leistungsfähig. Sie verfügen über viele Fähigkeiten und große Lebenserfahrung. Bislang gibt es in der EKHN zu wenige Angebote, bei denen insbesondere jüngere und aktive Senioren ihre großen Fähigkeiten und ihren reichen Erfahrungsschatz einbringen können.
Pflegenotstand – der verschwiegene Teil des Alters
Pflegebedürftigkeit im Alter und das Sterben werden in der Gesellschaft weithin ausgeblendet und verdrängt. Das Gesundheitssystem befindet sich in einem dauerhaften Notstand, der sowohl Pflegekräfte als auch Patienten und ihre Familien belastet. Die evangelische Kirche hat die Pflicht, als Anwalt der betroffenen Menschen öffentlich die Stimme zu erheben und in der Gesellschaft für Besserung einzutreten.
Für engagierte Senioren gibt es in der Winkelsmühle in Dreieichenhain viel zu tun. Noch voll bei Kräften, möchten sie nicht nur Kaffeekränzchen besuchen, sondern Kirche aktiv mitgestalten. Dort geht das – auch auf Zeit.
Oft wird man bei der Kirche gleich irgendwo reingewählt, wenn man mal was sagt«, lacht Dieter Pecher, »hier ist das anders.« Mit acht anderen Pensionären sitzt er an diesem Montagmorgen in der Winkelsmühle in Dreieichenhain zusammen. Sie planen ein engagiertes Projekt des Seniorenbüros, eine vom Diakonischen Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau getragene Einrichtung: »Josch« heißt es – »Jugend ohne Schulden«.
Einsätze auf Zeit
Die Josch-Senioren gehen regelmäßig in die Schule, sprechen dort mit Schülerinnen und Schülern über das Thema Schulden und geben Tipps, wie man sie verhindern kann. »Nicht planlos, sondern auf der Basis eines Lehrplans für fünf mal zwei Unterrichtsstunden, den wir selbst entwickelt haben«, erklärt Wolfgang Fritz. Für ihn ist der Termin heute der vorläufig letzte bei Josch. »Nach zwei Jahren möchte ich mal wieder kürzer treten und das Leben eine Zeit lang faul genießen«, sagt er. Ein solches Engagement »auf Zeit« gehört zum Konzept des Seniorenbüros: »Hier verpflichtet man sich nicht gleich für Jahre. Wir bieten einen Rahmen, sich so zu engagieren, wie man kann und will«, erklärt Leiterin Ursula Brendel. »Viele Menschen, die heute aus dem Arbeitsleben ausscheiden, sind gut bei Kräften und möchten aktiv etwas tun.« Dieter Merker pflichtet bei: »Ich habe selbst fünf Enkel im Alter von elf bis 15 Jahren und beobachte schon länger, welchem Konsumterror Jugendliche heute ausgesetzt sind.«
Gestaltungsräume schaffen
Insgesamt sind auch ältere Menschen heute eher zögerlich, wenn es darum geht, ein Engagement mit langer Bindung oder eine Mitgliedschaft zu übernehmen, betont Brendel und ergänzt: »Um eigenverantwortlich etwas auf die Beine stellen zu können, benötigen sie jedoch Rahmenbedingungen.« Die werden im Seniorenbüro ausgehandelt. »Das ist nicht immer bequem, denn wir müssen uns fragen, was unsere Ziele sind«, erklärt Dieter Merker. Insgesamt 200 Menschen hat das Seniorenbüro bereits in seiner Kartei. Entstanden sind vielfältige Aktivitäten: Dazu zählen eine Wohnberatung, Unterstützungsangebote für Obdachlose und ehemalige Suchtkranke sowie das Projekt »Hand in Hand«. Darin engagieren sich Menschen nach einer Basisschulung für Familien mit Unterstützungsbedarf, betreuen Kinder oder begleiten sie zum Arzt. Ein weiteres Projekt bezog sich auf eine Gruppe für demenzkranke Menschen. Das Seniorenbüro qualifizierte insgesamt 80 Ehrenamtliche für deren Betreuung.
Eine neue Qualität
Dass Ehrenamtliche nicht Ausführende von Aufträgen sind, sondern eigene Ideen verwirklichen – dieses Verständnis müsse in der Kirche noch viel mehr um sich greifen, betont Martin Glaub, Leiter des regionalen Diakonischen Werks Offenbach-Dreieich-Rodgau. »Dann entsteht eine ganz neue Qualität der Arbeit.« Das schafft Anknüpfungspunkte für Menschen, die sonst keinen Kontakt zur Kirche hätten. Die evangelische Kirche, meint Glaub, ist für solche Projekte prädestiniert, denn: »Dass Christinnen und Christen sich selbstbewusst und eigenverantwortlich einmischen, ist ein Prozess, den Luther angestoßen hat.«
Als das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Modellprogramm »Seniorenbüros« ausschrieb, bewarb sich das Diakonische Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau und konnte 1995 mit der Arbeit beginnen. Heute finanziert der Kreis Offenbach das Seniorenbüro zu drei Vierteln. »Übergangssituationen sind heutzutage so gut wie immer Krisensituationen – und das gilt besonders für den Übergang ins Rentenalter«, erklärt Brendel. Schließlich geht es um Lebenssinn und Gebraucht-Werden. Insgesamt gilt für das neue Ehrenamt das Motto: »Für sich selbst und für andere etwas tun, statt sich für etwas aufzuopfern, was einem nicht liegt.«
Hohe Wertschätzung
Der Ort, an dem die Grundlage dafür gelegt wird, hat eine lange Tradition. Bereits 1747 war die Winkelsmühle im idyllischen Hengstbachtal Treffpunkt älterer Bürgerinnen und Bürger. Nachdem sie im Jahre 1977 in den Besitz der Stadt Dreieich übergegangen war, regte der damalige Leiter des regionalen Diakonischen Werks Christian Klett an, hier professionelle Altenarbeit anzusiedeln. 1994 konnte die Winkelsmühle, nachdem sie etappenweise ausgebaut worden war, als moderne Begegnungsstätte und Sitz des Diakonischen Werks eingeweiht werden. Dass die Stadt die beliebte und wertvolle Liegenschaft in diakonische Hände gegeben hat, beweist die hohe Wertschätzung der Diakonie in Dreieich. Heute bietet die Winkelsmühle neben dem Seniorenbüro vielfältige Angebote – von der Skatrunde über Sing- oder Tanzkreis bis hin zu Gymnastik, Zeichnen oder Tagesfahrten. Rund 350 Menschen besuchen monatlich die Begegnungsstätte.
Regionales Diakonisches Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau
Dekanatsstelle des Diakonisches Werkes in Hessen und Nassau e.V.
Leiter Martin Glaub
An der Winkelsmühle 5
63303 Dreieich
Telefon (06103) 9875-0
E-Mail info[at]diakonie-of.de
zurück | letzte Aktualisierung: 20.09.2007 | copyright by EKHN