60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Gefängnisseelsorge in der Justizvollzugsanstalt Butzbach

Freiräume hinter Gittern

Seelsorgedienste

Spezielle Lebenslagen verlangen spezielle Seelsorge
Die EKHN hält Seelsorgerinnen und Seelsorger an bestimmten Orten und Einrichtungen wie Flughafen, Gefängnis und Krankenhaus bereit. Sie kennen sich mit den entsprechenden Institutionen aus, arbeiten aber von diesen unabhängig. Menschen mit besonderen Herausforderungen bei der Bewältigung ihres Lebens wie Gehörlose oder Blinde, aber auch Soldaten und Polizisten können sich an »ihre« fachkundige Pfarrerin oder »ihren« fachkundigen Pfarrer wenden. Für akute Notlagen sind Seelsorgerinnen und Seelsorger rund um die Uhr in der Notfallseelsorge und in der Telefonseelsorge erreichbar.

Seelsorge für alle, solange das Geld reicht
Die für bestimmte Zielgruppen besonders qualifizierte Seelsorge steht allen, nicht nur Mitgliedern, offen. Sie ist somit ein Dienst an der Gesellschaft, den die EKHN für sie gerne und bewusst tut. Um ihre Existenz angesichts zurückgehender finanzieller Mittel zu sichern, sind allerdings neue Wege bei der Finanzierung und Kooperationen mit anderen Institutionen nötig.

In der Justizvollzugsanstalt Butzbach leben etwa 550 männliche Gefangene aus über 40 Ländern, viele von ihnen verbüßen jahrelange Haftstrafen. Wer dort evangelische Gefängnisseelsorge anbietet, wie es Tobias Müller-Monning und Barbara Zöller tun, findet – mag es auch überraschend klingen – »Stärken und gelingendes Leben«.

»Was ist Haft?«, fragt Pfarrer Tobias Müller-Monning. Ein Dutzend Männer hat sich zum wöchentlichen Gesprächskreis getroffen. »Für mich bedeutet es Gewöhnung«, sagt einer. »Es darf nie Gewohnheit werden!«, widerspricht ein anderer. Die Männer diskutieren heftig und rasch wird deutlich, dass es in dieser Frage keine Klarheit geben kann. »Ohne ein ›Ja‹ zum Leben hier wäre Überleben unmöglich«, ist sich die Gruppe einig.

Die Gesellschaft entledigt sich der eigenen Wunde
In der 1894 erbauten Haftanstalt hört man viel, was auf den ersten Blick unlogisch klingt. Jörg-Peter Linke, Leiter der Justizvollzugsanstalt Butzbach, spricht von dem »Freiraum, um den ich die Seelsorge oft beneide und den ich so nicht habe«. Die Häftlinge wiederum erzählen von »Bewegungsfreiheit und Offenheit«, die sie dank der Geistlichen erfahren. Die Seelsorger selbst wissen: Diese Arbeit ist auch ein Ventil, um ein System zu erhalten, mit dem sich die Gesellschaft ihrer eigenen Wunde entledigen will. »Ich wünsche mir eine Welt ohne Gefängnisse«, sagt Tobias Müller-Monning. »Das sogenannte Verbrechen kommt aus der Mitte der Gesellschaft.« Man habe es von sich abgespalten. Dabei zeigen Gefängnisse nur, »dass es Brüche und Abbrüche im Leben gibt. Niemand ist ohne Schuld und jeder ist auf Gnade angewiesen. Ich gehe davon aus, dass das Reich Gottes hier Wirklichkeit sein kann.« Leise, rhythmisch, fast hymnisch hat er diese Worte gesprochen, jetzt sagt er: »Ich bin sehr bescheiden geworden, Gefängnisseelsorge heißt einfach: Wir wollen Zeiträume zur Verfügung stellen, in denen etwas geschehen kann.«

Keine Akten, sondern Menschen
In diesen Zeiträumen passiere viel, erlebt Barbara Zöller. Vor fünf Jahren hat sie die Stelle einer aufsuchenden Seelsorgerin angetreten und besucht heute viele Angehörige. »Auch Partnerinnen und Kinder leiden, denn über Gefängnis zu reden unterliegt einem Tabu.« Sie bietet Familienberatung an, im Gefängnis gibt es auch Familientage. Und wieder fällt ein Satz, der überraschend klingt: »Ich entdecke bei den Häftlingen immer wieder Stärken und Ressourcen.« Auf die Frage, was das für Kraftquellen seien, antwortet sie: »Gefangene, die bislang kaum einen Stift in die Hand nahmen, schreiben seitenlange Briefe, manche malen, viele staunen, was in ihnen steckt.« Möglich wird das auch, weil gilt: »Wir sehen den Insassen nicht als Fall oder Akte, sondern als Mensch.«

»Die Wut herausbrüllen«
Im Gesprächskreis erzählen die Gefangenen von der Sehnsucht nach einem anderen Umgang mit Schuld, nach der Möglichkeit eines Ausgleichs zwischen Täter und Opfer etwa. Oft seien es vermeintliche Kleinigkeiten, durch welche die eigentlich doch unantastbare Würde mehr als nur angekratzt werde. Beim Besuch eines Nervenarztes beispielsweise hatte der älteste Gefangene eine Hose anzuziehen, deren Knöpfe sich nicht schließen ließen. Ein anderer schildert, wie ein Poster in der Zelle von der Wand gerissen wurde, weil es nicht an der Leiste angebracht war. Und für den Sieger beim Sportfest gab es eine Packung Schokoladenwaffeln, deren Haltbarkeit abgelaufen war. Und die Seelsorge? Sie gebe auf eigentümliche Weise Halt in einem unhaltbaren Leben: »Man kann seine Wut herausbrüllen, weinen – einfach sein, wie man ist.« Einmal brauche man nicht in sich hineinzufressen, was nächtelang nicht schlafen lässt, die eigenen Taten oder, so erzählt einer, »dass 1991 mein Vater starb, ich das Grab aber bis heute kein einziges Mal besuchen konnte«.

Der Schlüssel
»Gefängnisseelsorge versucht, das Unheile auszuhalten«, sagt Tobias Müller-Monning. »Wir können nichts machen, nur geschehen lassen.« Seelsorge – vielleicht ist das eine widerständige Untätigkeit, von einer Freiheit inmitten einer unüberwindbaren Lage zu künden. »Sagen Sie nur ja nicht ›Auf Wiedersehen!‹«, verabschieden sich die Gefangenen von den Besuchern und lächeln dabei auf ernste Weise. Dann sagen sie es leise selbst: »Auf Wiedersehen.« Es lässt sich nicht lösen, ist unlösbar, ein Leben ohne Logik. »Einen Schlüssel«, hatte zuvor ein Häftling als Wunsch an die Kirche formuliert. Viele schmunzelten, aber nur so lange, bis einer ergänzte: »Du meinst den Schlüssel zum Himmel.«