60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Seelsorgedienste in 60 Jahren EKHN
Die Sehnsucht offen halten
Gefängnis- und Krankenhausseelsorger gab es schon vor Gründung der EKHN. Sie entwickelten seelsorgliche Hilfe von der Bibel her. Pfarrer entfalteten bei Menschen in Krisen den Trost aus biblischen Texten. Die pastoralpsychologische Wende Anfang der 70er-Jahre führte erst zur heutigen ausdifferenzierten Seelsorge. Die ursprünglich aus Holland und Amerika stammende Pastoralpsychologie integrierte Erkenntnisse aus der Psychologie in die kirchliche Seelsorge.
Heftig kritisiert wurden vor knapp 40 Jahren diejenigen, die den seelsorglichen Aufbruch wagten, erinnert sich Werner Becher, der die Pastoralpsychologie in der EKHN zu etablieren half. »Kirchenpräsident Helmut Hild fragte: ›Wie kann man sich an die Psychologie verlieren? Wo bleibt das Wort Gottes?‹« Später akzeptierte Hild die Pastoralpsychologie, die humanwissenschaftliche Erkenntnisse aufgriff, er förderte sie auch. Die Unzufriedenheit mit den bisherigen Konzepten der Seelsorge war einfach zu groß geworden. »Wir hatten das Gefühl, die Not der Hilfesuchenden werde mit Bibelspruch oder Gebet zugedeckt«, sagt Werner Becher. Das Neue hatte sich für Becher bereits in den Worten des Frankfurter Klinikpfarrers Heinz Doebert angedeutet: »Nicht immer nur reden! Wer verstehen will, muss auch zuhören können.« 1969 besuchte Becher ein erstmals in Hessen-Nassau angebotenes »Clinical Pastoral Training« am Theologischen Seminar in Herborn.
Verletzliche Seelsorger
Ein Aufenthalt in Amerika vertiefte Bechers Erfahrungen und Kenntnisse. Nach der Rückkehr wurden unter seiner Leitung klinische Seelsorgekurse und Supervisionen im Bereich der EKHN angeboten. 1972 wurde das Seminar für therapeutische Seelsorge ins Leben gerufen. »Der Andrang zu den Kursen war so groß, dass wir auswählen mussten.« Kernstück der Ausbildung waren Gesprächsprotokolle, welche die Teilnehmenden von ihren Seelsorgegesprächen anzufertigen hatten. Sie wurden anschließend besprochen. Das Augenmerk lag bei den Gefühlen und der Identität des Seelsorgers. »Sich selbst zu hinterfragen – das hat vielen Angst gemacht.« Der Seelsorger erfuhr sich als menschlich und verletzlich. Doch wer seine eigenen Ängste und Wunden kenne, könne Hoffnung und Schmerz des Gegenübers besser zur Sprache kommen lassen. Die Seelsorge sollte partnerschaftlich werden. Die pastoralpsychologisch geprägte Seelsorge hat sich auch in der theologischen Ausbildung etabliert. Ausgangspunkt jeder Examensprüfung im Fach Seelsorge ist heute ein Gesprächsprotokoll.
Der weit aufgespannte Fächer heutiger Seelsorge
Mit der genaueren Einstimmung auf die Situation der Betroffenen begann die Seelsorge sich auf die Zielgruppen aufzufächern. Volker Läpple, von 1994 bis 2002 Leiter des Referates Seelsorgliche Dienste in der Kirchenverwaltung, sowie seine Vorgänger Hans-Martin Heusel und Martin Hinnenthal förderten diese Professionalisierung. Läpple unterscheidet vier seelsorgerliche Bereiche: Das Feld von Krankheit und Gesundheit, wozu Psychiatrie-, Krankenhaus-, Kur-, Altenheim- und Hospizseelsorge gehören. Zweitens die Seelsorge in besonderen Lebenssituationen, die sich in Schwerhörigen-, Behinderten-, Blinden- und Gehörlosenseelsorge auffächert. Drittens im gesellschaftlichen Feld die Gefängnis-, Polizei-, Militär- und Notfallseelsorge. Viertens die Beratungsarbeit, zu der Telefonseelsorge und die psychologischen Beratungsstellen im Bereich der EKHN sowie die Flughafenseelsorge gehören.
Alles fängt mit Fragen an
Volker Läpple sieht die regionale Seelsorge nicht im Gegensatz zur gemeindlichen Seelsorge. Beide bilden ein Handlungsfeld und sind dem Zentrum Seelsorge und Beratung der EKHN zugeordnet. Gerade das vermeintliche Randgeschehen gehört zum Herzstück der Kirche. Dort gemachte Erfahrungen, etwa in der Hospiz- oder Notfallseelsorge, beleben heute das kirchengemeindliche Leben. Auch dort kann es helfen, Erschrecken, Sehnsucht, Zweifel, Hoffnung und Not nicht zuzuschütten, sondern sich in diese Wahrnehmungen und Empfindungen hineinzustellen. Fragen sind keine Vorstufe für Antworten, sondern in ihnen kommt das Religiöse zum Ausdruck. Und wenn man Antworten gibt, muss das Suchende darin schon wieder enthalten sein. Natürlich kann man nicht immer in den Abgrund schauen, doch Seelsorge betört nicht durch Tatkraft. Es ist wichtig, Menschen zu unterstützen und zu ermutigen. Aber einen auch in der Kirche zuweilen um sich greifenden naiven Think-positive-Glauben sieht Läpple kritisch. Bei Seelsorge handelt es sich nicht um eine munter machende Machbarkeit, sondern um eine religiöse Kunst. Sie ist einem Glauben verpflichtet, der die Sehnsucht offen hält.
Seelsorgedienste
|
|
1970 |
2006 |
Krankenhäuser, Kur und Hospiz |
Pfarrstellen |
38 |
51,5 |
|
Gemeindepädagog(inn)en |
0 |
19,75 |
|
Diakone und Gemeindehelfer/-innen |
21 |
0 |
Altenheime |
Pfarrstellen |
5 |
10 |
|
Gemeindepädagog(inn)en |
0 |
7 |
|
Gemeindehelfer/-innen |
17 |
0 |
Regionale Seelsorgedienste |
Pfarrstellen |
0 |
16 |
Gehörlose, Blinde, Behinderte |
Pfarrstellen |
1 |
12 |
|
Gemeindepädagog(inn)en |
0 |
3 |
|
Diakone und Gemeindehelfer/-innen |
2 |
0 |
Asylbewerber/-innen |
Pfarrstellen |
0 |
2,5 |
|
Gemeindepädagog(inn)en |
0 |
1,75 |
Flughafen |
Pfarrstellen |
0 |
1 |
Notfallseelsorge |
Pfarrstellen |
0 |
9,5 |
Polizei |
Pfarrstellen |
1 |
2,5 |
Strafgefangene, Angehörige und Bedienstete |
Pfarrstellen |
7 |
12,5 |
Schulseelsorge |
Pfarrstellen |
0 |
12 |
Telefonseelsorge und Beratung |
Pfarrstellen |
2 |
4,5 |
zurück | letzte Aktualisierung: 20.09.2007 | copyright by EKHN