60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Gemeindeseelsorge in der Apostelgemeinde Frankfurt-Nied

Eingebunden in den Alltag

Pfarrerin Bettina Tarmann in der Apostelgemeinde ist so gut wie immer seelsorgerlich tätig. Gespräche ergeben sich oft zwischen Tür und Angel. »Gemeindeseelsorge ist in den Alltag eingebunden«, sagt sie.

Seelsorge in der Gemeinde

Vertrauenspersonen
Seelsorgerinnen und Seelsorger genießen Vertrauen. Sie unterliegen der Schweigepflicht, sind in Seelsorge ausgebildet, nehmen sich Zeit und beraten Menschen auf der Grundlage ihres eigenen christlichen Glaubens. Menschen jeden Alters und in allen Lebenssituationen können sich an sie wenden. Sie sind auf kurzem Weg zu erreichen.

An den Grenzen von Tod und Leben
Auch die Amtshandlungen wie Taufe, Trauung und Bestattung haben eine seelsorgerliche Dimension. Sie geben Anlass zu vertieften Gesprächen über Grenzen und Schwellen des Lebens. Ihre Rituale – Zeichen und liturgische Handlungen – können die Seele über die gesprochenen Worte hinaus erreichen.

»Um ein Gespräch bitten mich sowohl Menschen, die mich gut kennen, als auch solche, die mich nicht kennen.« Das geschehe auch, weil im Telefonbuch unter dem Stichwort »Kirche« die Apostelgemeinde weit oben steht. Für Bettina Tarmann gehört zur Seelsorge freilich mehr als verabredete Gespräche.

Seelsorge im Supermarkt
»Im Religionsunterricht erzählen Kinder, dass die Oma oder das Haustier gestorben ist. Dann halte ich mich nicht strikt an den Lehrplan, sondern rede mit ihnen über den Tod.« Auch werde sie in der Schlange an der Supermarktkasse angesprochen oder gleich nach dem Gottesdienst – womöglich eine Reaktion darauf, dass für sie Seelsorge eine Haltung ist und so auch dem Predigen eine bestimmte Farbe gibt. Im Gespräch selbst hört Tarmann intensiv zu, ohne be- oder verurteilen zu wollen. »Es gibt keine problematischen Menschen, jede und jeder ist ein von Gott gewolltes Original.« Natürlich ist auch niemand vollkommen, sondern macht Fehler. »Man hat aber die Chance sich zu ändern.«

»Es geschieht mehr, als Worte sagen können«
Auf wohlwollende Weise fragt sie in Gesprächen nach und hofft, »ganz beim anderen zu sein, ihn zu seinem Eigenen zu bringen und Hoffnungen und Perspektiven aufzudecken«. Sie werde als Pfarrerin und nicht als psychologische Beraterin gefragt, spürt sie deutlich. »Oft gelangen wir an einen gemeinsamen Punkt, wo mehr passiert als das, was wir von uns aus sprechen. Ich habe das dann nicht mehr in der Hand.« Glaube scheint darin auf. Solche Augenblicke empfindet sie als ein Geschenk – zugleich ist Seelsorge nicht nur ein Geschehen-Lassen. »Ich möchte Sprachhilfe sein, indem ich etwa biblische Symbole anbiete.« Die Menschen sind nicht unreligiöser, aber unkirchlicher geworden und oft überfordert, ihre Empfindungen auszudrücken, findet Tarmann. Das Seelsorgegespräch ist einer der selten gewordenen Orte, »wo Sehnsucht, Hoffnung, Schmerz noch zur Sprache kommen können«.

Ein Zentrum, das motivieren will
Vom Wert der Seelsorge innerhalb der Gemeinde ist auch Gerhard Helbich überzeugt, Leiter des Zentrums Seelsorge und Beratung der EKHN in Friedberg. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, Gemeindepfarrer zu motivieren, »sich für die Seelsorge Zeit zu nehmen, für jenes Arbeitsfeld, das nach innen wirkt und schlecht an die große Glocke gehängt werden kann«. Wichtig sei überdies, »dass Gemeindeseelsorgerinnen und -seelsorger auch selbst Unterstützung oder professionelle Begleitung erhalten können«. Aber auch Ehrenamtliche für Alten-, Kranken-, Hospiz- oder Besuchdienstarbeit werden in dem seit 2003 bestehenden Zentrum qualifiziert.