60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Die EKHN im Profil

Mitten im Leben

Vielgestaltig wie der Protestantismus selbst stellt sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) heute dar. Sie hat ihren festen Platz in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie trägt alle wesentlichen theologischen und gesellschaftlichen Einflüsse auch in sich selbst und ist deshalb so etwas wie eine EKD im Kleinen.

Geografisch reicht die EKHN von Bromskirchen nordwestlich von Marburg bis nach Neckarsteinach im Süden, von Lahnstein am Rhein bis Fraurombach im östlichen Vogelsberg. Dazu gehören das Rhein-Main-Gebiet mit seiner quirligen Urbanität und weite Teile der angrenzenden Mittelgebirge mit ihren traditionsreichen Mittelstädten und dörflichen Lebensgewohnheiten.
Geschichtlich ist die EKHN aus den drei evangelischen Kirchen im Herzogtum Nassau, im Großherzogtum Hessen und in der freien Stadt Frankfurt hervorgegangen. Manche Gemeinden brachten die lutherische, andere die reformierte oder die unierte Tradition mit. Besonders im Nordwesten, zum Siegerland hin, ist der Einfluss des Pietismus aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts groß. Ihm steht die liberale volkskirchliche Tradition der großen Städte gegenüber. Gemeinsam tragen alle Gemeinden bis heute zum geistlichen Reichtum der EKHN bei.
Die heutigen Grenzen der EKHN sind bereits 1933 entstanden. Staatlicher Druck führte die drei zuvor selbstständigen Kirchen unter dem Namen Evangelische Landeskirche Nassau-Hessen (EKNH) zusammen. Dieses Gebiet wurde bei der Gründung der EKHN im Jahr 1947 bestätigt, obwohl es nun zu zwei verschiedenen Bundesländern, nämlich Hessen und Rheinland-Pfalz, gehörte. Das macht manches etwas komplizierter, bringt der EKHN aber zwei Vorteile: Zum einen kann sie die staatlichen Strukturen und Leistungen vergleichen, speziell die unterschiedlichen sozialen Systeme dieser Länder. Zum anderen ist die EKHN gewohnt zu kooperieren. In Hessen arbeitet sie intensiv mit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und der Rheinischen Kirche zusammen und in Rheinland-Pfalz mit der Evangelischen Kirche der Pfalz und der Rheinischen Kirche.

Bekenntnis im Alltag
Die Wechsel des Namens von Nassau-Hessen in Hessen und Nassau im Jahr 1947 war weit mehr als ein neues Etikett. Die EKHN gab sich eine neue Ordnung und feiert deshalb im Jahre 2007 ihr 60-jähriges Bestehen. Wie keine andere Landeskirche bezieht sie sich auf die Traditionen der Bekennenden Kirche (BK). Die ersten fünf Geistlichen, die im KZ Dachau interniert wurden, kamen aus dem Gebiet der EKHN. Auch der spätere erste Kirchenpräsident der EKHN, Martin Niemöller, war dort inhaftiert. So wurde die EKHN viele Jahre lang von Menschen geführt, die während der NS-Zeit in den Bruderräten der BK aktiv waren. In ihnen hatten die Übergriffe des NS-Staates ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat hinterlassen. Was es in schwerer Zeit heißt, Jesus Christus zu bekennen, hatten sie gründlich durchbuchstabiert und darin ihre Identität geprägt. Dem stand die Tradition der Volkskirche gegenüber, die ihre Mitglieder von der Taufe bis zu Bestattung in Freud und Leid begleitet. Volkskirchliches Handeln bestimmte weithin den Alltag der Gemeinden. Dieses doppelte Erbe prägt die EKHN. Sie ringt intensiv um Inhalte und bezieht Position, so bekennt sie ihren Glauben. Zugleich steht sie für die evangelische Meinungsvielfalt ein. Sie versteht sich gleichzeitig als aktives und kritisches Gegenüber zur Gesellschaft und als Teil dieser Gesellschaft. Diese zwei Traditionen haben in ihrer zwar kurzen, aber durchaus bewegten Geschichte immer wieder Funken geschlagen.

Diskutierfreudige Kirche
Das Gebiet der EKHN entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg politisch und wirtschaftlich zu einer der innovativsten Regionen in Deutschland. Nahezu alle gesellschaftlichen Entwicklungen und auch viele technische Neuerungen haben hier sehr früh Fuß gefasst. Deshalb war die EKHN unter den evangelischen Kirchen in Deutschland häufig die erste, die mit Neuem konfrontiert war und sich damit auseinandersetzen musste. Sowohl ihren Mitgliedern als auch ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat sie damit viel zugemutet. Die manchmal hitzigen Debatten haben jene Harmonie, die sich viele in der Kirche besonders intensiv wünschen, nur bedingt zugelassen. So ist die EKHN – schon immer und bis heute – eine weltoffene und diskutierfreudige Kirche.
Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass im Gebiet der EKHN die Stadt liegt, in der im Jahr 1521 jener denkwürdige Satz fiel, der die Reformation unumkehrbar machte: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders.« So soll es Martin Luther in Worms gesagt haben, als er sich gegenüber dem Kaiser und den Vertretern des Papstes weigerte, seinen theologischen Einsichten abzuschwören. Die letzte Wegstrecke zu diesem Reichstag in Worms legte der junge Mönchsrebell durch das heutige EKHN-Gebiet zurück. Auf dem Rückweg verschwand er für Monate spurlos und übersetzte, auf der Wartburg bei Eisenach versteckt, das Neue Testament ins Deutsche. Viele Straßen im Gebiet der EKHN, deren Verlauf die Richtung Worms-Wartburg weist, heißen Lutherstraße.

Die EKHN in Zahlen

  1970 2006
Kirchengebiet der EKHN 13.358,77 km2 13.358,77 km2
Bevölkerung im Kirchengebiet 4,4 Mio. 4,9 Mio.
davon EKHN-Mitglieder mit erstem Wohnsitz innerhalb der EKHN 2.393.567 1.810.157
Propsteien 7 6
Dekanate 60 48
Gemeinden 1.170 1.182
Hauptamtliche Mitarbeiter/-innen ca. 5.600 11.924
Nebenamtliche Mitarbeiter/-innen ca. 4.500 9.260
Ehrenamtliche ca. 60.000 63.402

Aufnahmen

Diagramm Aufnahmen in die EKHN
Zu den Aufnahmen gehören Taufen Erwachsener, Übertritte aus anderen Konfessionen und Wiedereintritte von ehedem ausgetretenen Mitgliedern. Ihre Zahlen zeigen einen jeweils eigenen Verlauf. [Kindertaufen > Seite 88]
Ab 1945 setzte eine kurze und starke Eintrittswelle ein, als viele, welche die evangelische Kirche während der NS-Zeit aus ganz verschiedenen Gründen verlassen hatten, wieder zurückkehrten.
Anfang der 60er-Jahre traten viele Menschen von der römisch-katholischen Kirche zur evangelischen über. Sie machten mehr als die Hälfte aller damaligen Eintritte aus. Nach 1968 gerieten die Kirchen in eine schwere Akzeptanzkrise. Viele junge Menschen traten aus grundsätzlichen Erwägungen aus der Kirche aus. In späteren Jahren kehrten manche aufgrund eines individuellen Wertewandels wieder zurück und begründeten so den Anstieg der Eintritte Ende der 70er-Jahre. Etwa jeder zehnte Ausgetretene kehrt später zurück.
Erwachsenentaufen gab es vor 1975 kaum. Danach stieg ihre Zahl an, weil viele Kinder, deren Eltern die Kindertaufe abgelehnt hatten, sich selber im Konfirmandenalter oder später dazu entschlossen. Zudem stieg die Zahl der Erwachsenentäuflinge mit Migrationshintergrund, die sich häufig im Rahmen einer Partnerschaft der evangelischen Kirche zuwenden.

Austritte

Diagramm Austritte aus der Kirche
Die Spitzenwerte der Austritte treten im Umfeld steuerlicher Mehrbelastungen auf. Dies waren 1972 der Konjunkturzuschlag und 1992 der Solidaritätszuschlag. Jeweils zwei Jahre später folgen weitere Spitzenwerte als Reaktion auf die bei der Steuererklärung wahrgenommenen Mehrbelastungen. Steuerliche Veränderungen sind aber nur der Anlass für Haltungskorrekturen, die ohnehin angedacht waren. Die eigentlichen Ursachen sind in der Regel gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Im Gefolge der 68er-Zeit haben viele die Selbstverständlichkeit der Kirche als Teil des öffentlichen und privaten Lebens infrage gestellt. Die Zahl der Austritte stagniert seit 1996. [Bestattungen > Seite 88]