60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Gemeindeseelsorge in 60 Jahren EKHN

Zuhören und reden in Balance
Ist Seelsorge eher reden, zuhören oder eine Kombination aus beidem? Und wenn der Seelsorger spricht, sollen seine Worte dann ein eindeutig religiöses Gepräge haben? An diesen Fragen entlang lässt sich die Entwicklung der Gemeindeseelsorge der EKHN verfolgen.
»Da man immer zu reden hatte, ging man mit der Angst ins Gespräch, dass einem nichts einfällt«, erinnert sich Gert Hartmann an seine Zeit als Gemeindepfarrer in den 60er-Jahren. Hartmann, von 1976 bis 1999 Professor für Seelsorge am Theologischen Seminar in Herborn, empfand damals Tauf-, Trau- und Beerdigungsgespräche als Glaubensprüfung. »Da haben sich beide Seiten eher gequält.« In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war die Seelsorge von einer Theologie geprägt, welche die Bibel als Offenbarung Gottes in den Mittelpunkt allen Handelns stellte. Nach dieser Auffassung bestand die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer darin, Gottes Wille mithilfe von Gebet, Gesangbuchlied oder Bibelvers zum Zuge kommen zu lassen. Das konnte schon mal »als Alibi für autoritäres Monologisieren durch den Pfarrer« dienen, wie Dietrich Stollberg schrieb, einer der führenden Vertreter der Ende der 60er-Jahre aufkommenden Pastoralpsychologie.

Anspruchsvolle Kunst
Mit der Aufnahme von humanwissenschaftlichen Einflüssen in die Seelsorge wurde etwas banal Anmutendes entdeckt, das bis heute indes als anspruchsvolle Kunst gesehen wird: das Zuhören. Eine seelsorgliche Situation sollte ausgehalten, nicht vorschnell helfend oder mahnend zugedeckt werden. Doch das Primat des Zuhörens veränderte die Gemeindeseelsorge, weil Pfarrerinnen und Pfarrer nicht mehr unter dem Druck standen, ein alles lösendes Wort zu sprechen. »Da nahm auch die Angst, sprachlos zu werden, ab«, resümiert Hartmann. Beerdigungs- und Taufgespräche seien »spätestens seit den 80ern unverkrampfter und lebendiger« geworden. Auch Sinn und Sensibilität für Zufallsgespräche, an der Straßenecke etwa, seien gewachsen und würden als seelsorgliche Chance wahrgenommen. Manche nehmen in der Gemeindeseelsorge die Menschen auch in ihren sozialen Bezügen in den Blick und begleiten sie im Familienverbund über Jahre, im Sinne des systemischen Ansatzes von Beratung und Seelsorge.

In biblischen Symbolen Heimat finden
Das Zuhören allein ist aber noch nicht der Schluss aller seelsorglichen Weisheit. Immer geht es um die Balance zwischen Zuhören und Reden. Gert Hartmann ermuntert dazu, dabei biblische Texte und Geschichten einzubeziehen, um das Leben zu deuten. »Bibeltexte sind konkret und offen zugleich, sodass man in ihnen Heimat finden kann.«

Pfarrerinnen und Pfarrer

1954

1960

1970

1980

1990

2000

2005

Gemeindepfarrer/-innen

908

897

975

1.022

1.265

1.184

1.130

Pfarrer/-innen mit übergemeindlichen Aufgaben

28

51

262

243

324,5

394

451

Gesamt

936

948

1.237

1.265

1.589,50

1.575

1.581

Die Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer ist mit neu gegründeten Gemeinden und erweiterten Aufgaben gestiegen. Sie stagniert in neuester Zeit. Im Zuge der Qualifizierung bestimmter Bereiche wie Krankenhausseelsorge und anderer Dienste wurde die Zahl im übergemeindlichen Bereich besonders stark erhöht.