60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Diakoniestation Groß-Bieberau im Odenwald
Durch Qualität überzeugen
»Mehr Lebensqualität im Alter«, lautet das Motto für ein engagiertes Projekt in Groß-Bieberau. Die Diakoniestation wandelt sich zu einem Diakoniezentrum mit einer breiten Angebotspalette – 100 Jahre nachdem die erste Gemeindeschwester in dem heute 8.000 Einwohner zählenden Städtchen ihre Arbeit aufnahm.
Diakoniestationen
Markt(ohn)macht
Die Diakonie muss sich heute auf dem Markt bewähren. Sie ist eingebunden in ein unterfinanziertes öffentliches Gesundheitssystem, das Patienten und ihre Angehörigen sowie die Pflegekräfte über Gebühr belastet. Die Diakoniestationen stehen vor der nahezu unlösbaren Aufgabe, im Rahmen der gedeckelten Gesundheitskosten ihren Dienst zu refinanzieren.
Unverzichtbares diakonisches Plus
Unter den gegebenen Marktbedingungen ist es eine schwierige und zugleich unverzichtbare Aufgabe, die christliche Motivation und das christliche Menschenbild in der alltäglichen Arbeit mit Pflegebedürftigen und Angehörigen zur Geltung zu bringen.
Nächstenliebe praktisch
Diakonie ist eine Lebensäußerung der Kirche. Die EKHN muss den Zusammenhang von christlichem Glauben und diakonischem Handeln sowohl in ihrem Innern als auch öffentlich deutlicher darstellen.
»Tradition und Zukunft finden hier ein gemeinsames Dach«, resümiert Pflegedienstleiterin Hedda Aloe. Als Herzstück eines Zentrums mit Modellcharakter wird ihre Diakoniestation demnächst neue Nachbarn bekommen: In einer alten Scheune mitten im Ort werden sich Menschen verschiedener Generationen treffen. »Ziel ist, dass sich alle gegenseitig helfen«, betont Gemeindepfarrer Peter Paul Gergel. Dazu wird das Diakoniezentrum unter anderem preisgünstige Wohnräume an drei ältere Menschen sowie an eine junge Familie vermieten. Bürgermeister Werner Seubert ist begeistert: »Ältere Menschen, besonders wenn sie alleine stehen, leiden vor allem unter Einsamkeit und Isolierung. Aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden, haben sie viel Zeit und oft das bedrückende Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.«
Die von der evangelischen Kirchengemeinde getragene Diakoniestation ist eine von 60 in der EKHN. Als mobiler Pflegedienst bietet sie das gesamte Spektrum an häuslicher Grund- und Behandlungspflege. Dazu kommt ein mobiler sozialer Hilfsdienst, der Tätigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Wäschepflege oder kleine Reinigungsarbeiten übernimmt. Müssen Eltern ins Krankenhaus oder zur Kur, hilft die Diakoniestation den Haushalt zu führen oder die Kinder zu betreuen. Sie berät Angehörige, organisiert Pflegekurse, verleiht Pflegebetten oder Rollstühle und leistet Sterbebegleitung.
»Diakonisches Plus« im Blick
Neben Diakoniestation, Tages- und Begegnungsstätte der Generationen sowie einer Hausgemeinschaft »Jung und Alt« wird auch eine stundenweise Betreuung für Demenzkranke in das neue Zentrum einziehen. Unter dem Motto »Vergissmeinnicht« bietet die Diakoniestation die Leistung bereits jeden Mittwochnachmittag an. Eine Mitarbeiterin absolvierte eine gerontopsychologische Zusatzausbildung, acht Ehrenamtliche engagieren sich ebenfalls für das Projekt, das gezielt pflegende Angehörige entlastet. »Auf gesellschaftliche Entwicklungen mit angemessenen Angeboten zu reagieren gehört für uns zum ›diakonischen Plus‹«, so die Leiterin.
»Entscheidend sind unsere hohen Standards, was sowohl pflegerische Kompetenz als auch persönliche Zuwendung betrifft«, betont Aloe, »all das qualifiziert uns auch gegenüber der massiv steigenden Zahl von Pflegekräften aus Osteuropa.« Zum Beispiel gelte es, Angehörige gezielt einzubeziehen, zu beraten und zu entlasten. Im Jahr 2000 entwickelte das Team ein Leitbild und strebte anschließend eine Zertifizierung mit dem Diakonie-Siegel Pflege an, einem bundesweit einheitlichen Qualitätssystem mit strengen Kriterien. Von den Erfahrungen profitierten auch andere: Von 2002 bis 2004 wurde Hedda Aloe von der Landeskirche als eine von vier regionalen Beraterinnen bestellt, die Zertifizierungen von insgesamt 60 Diakoniestationen begleiteten.
Zwischen Anspruch und Kostendruck
209 Patientinnen und Patienten versorgten die 20 Mitarbeiterinnen der Diakoniestation im letzten Jahr in ihren Wohnungen. Der Spagat zwischen Anspruch und Kostendruck war dabei nur mit besonderem Engagement aller Mitarbeiterinnen zu leisten. »Wir arbeiten nach einem christlichen Menschenbild und nehmen uns für einiges Zeit, was wir nicht abrechnen können – zum Beispiel fürs Zuhören«, betont Angelika Hassmann, seit 1990 stellvertretende Pflegedienstleiterin. Gute Arbeitsorganisation sei ebenso entscheidend wie der Aufbau von Netzwerken, etwa durch Kooperationsverträge mit Krankenhäusern oder Vereinbarungen über fließende Übergänge bei Entlassungen. Für eine gute Einbindung in die Region sorge auch ein Sozialprojekt mit Schülern, bei dem die Mädchen und Jungen unter anderem Berufsbilder in der Pflege kennenlernen.
»In den 90er-Jahren zeigten sich die Kassen noch großzügig«, betont die Leiterin, die seit 1989 in der Station tätig ist. Heute dagegen werde die Puls- und Blutdruckkontrolle selbst im Notfall nicht genehmigt. »Aber wir führen das trotzdem durch, weil es notwendig ist.« Dennoch arbeitet die Diakoniestation momentan kostendeckend. »Durch gezielte Spendenaktionen haben wir die Gratwanderung zwischen Kostendruck und christlicher Ethik bisher bewältigen können«, bekräftigt Angelika Hassmann.
Für das neue Diakoniezentrum in der alten Scheune wurde ein Förderverein gegründet. An den gut 2,2 Mio. Euro Gesamtkosten beteiligen sich auch das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend, das Land Hessen, die deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Kommune sowie die Stiftung Deutsches Hilfswerk.
In guter Tradition
Hessens Sozialministerin Silke Lautenschläger zeigt sich angetan von der Konzeption, die »eine Vielfalt von Hilfs- und Betreuungsangeboten für alte und behinderte Menschen in der Kirchengemeinde vorsieht«. Die Kirche in Groß-Bieberau hat zur rechten Zeit das richtige Signal gesetzt, findet Pfarrer Gergel: »Als wir 2002 die Weichen für das Projekt gestellt haben, war das völlig gegen den Trend. Aber wenn wir nicht Mut zeigen, wer sonst?«, fragt er weiter und steht damit in einer guten Tradition. Die Gemeinde hatte bereits vor 100 Jahren die Anstellung der ersten Diakonisse durchsetzen müssen gegen massive Widerstände der mächtigen Bauern, die sich finanziell nicht beteiligen wollten. Mit Beharrlichkeit und Mut gelang es dem damaligen Pfarrer jedoch, einen Großteil der Familien im Ort zu überzeugen, monatlich fünf Pfennig für die Kosten einer Gemeindeschwester zu spenden: »Damals wie heute ging es um Gemeindeaufbau«, resümiert Gergel, »und der beginnt nun mal bei Menschen, die besondere Unterstützung benötigen.«
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau
Detlef Betz
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zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN