60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Häusliche Pflege in 60 Jahren EKHN

Von der Diakonisse zur Pflegestation
Das Bild der Diakonisse, die sich in ihrer Ordenstracht um kranke und alte Menschen in der Gemeinde kümmert, prägte über mehr als 100 Jahre die Gemeindekrankenpflege. Mittlerweile gehört dieses Bild der Vergangenheit an. Heute prägen Pflegekräfte in ihren Dienstautos mit dem blauen Kronenkreuz der Diakonie das neue Bild der ambulanten Pflegedienste.
Mobilität im heutigen Ausmaß spielte in der Pflege bis Ende der 60er-Jahre keine Rolle. In der Regel kümmerte sich die von ihrem Mutterhaus entsandte Diakonisse um die pflegebedürftigen Menschen innerhalb einer Kirchengemeinde. Ein solches vereinnahmendes Arbeitsleben übte zu Zeiten des »Wirtschaftswunders« immer weniger Attraktivität aus. Zudem eröffneten sich den Frauen neue Berufsfelder. Anfang der 70er-Jahre verzeichnete die EKHN bei der Besetzung der Gemeindeschwesterstellen einen jährlichen Rückgang um fünf Prozent. Es drohten Lücken in der ambulanten pflegerischen Versorgung.

Vorreiter Rheinland-Pfalz
Als eines der ersten Bundesländer reagierte Rheinland-Pfalz Anfang der 70er-Jahre auf den drohenden Pflegenotstand. Unter dem damaligen Sozialminister Dr. Heiner Geißler wurde ein Konzept entwickelt, das in einem Gesetz auf die Einführung von Sozialstationen zielte. Mittels einer Mischfinanzierung durch Land, Kommunen und kirchliche Träger entstanden innerhalb von fünf Jahren bereits 41 Stationen, zu denen elf evangelisch-kirchliche Sozialstationen der EKHN gehörten. Die erste wurde 1973 in Mainz eröffnet.
Obwohl das Land Hessen kein derartiges Gesetz verabschiedete, setzten sich die Diakoniestationen auch dort durch. Die ersten hessischen Diakoniestationen der EKHN nahmen 1974 in Schwalbach-Limesstadt und 1975 in Darmstadt ihren Betrieb auf.

Sorge ums diakonische Profil
Schon damals war der Kirche bewusst, dass der neue Weg Probleme aufwerfen könnte. Schließlich drohte eine gegen Entgelt erbrachte Dienstleistung den aus der Bibel hergeleiteten diakonischen Anspruch zu verwässern. Hans-Martin Heusel, damals theologischer Referent und später Stellvertreter des Kirchenpräsidenten, forderte deshalb: »Dem Trend zur Fachkrankenpflege vermag die kirchliche Krankenpflege nur zu folgen, wenn damit nicht die Preisgabe des seelsorgerlichen Aspektes verbunden ist.« Diesen Aspekt zu berücksichtigen wird immer schwieriger.
Schnell wurden die zeitgemäße Fachpflege und die Nähe zur Kirchengemeinde Merkmale der Diakoniestationen. Die fachliche Beratung für das neue Aufgabengebiet übernahm das Diakonische Werk. Vorteilhaft war das Zusammenwirken mehrerer Berufe: Pflegefachkräfte der Kranken- und Altenpflege sind neben Familienpflegerinnen und hauswirtschaftlichen Kräften tätig. Unterstützung erfahren sie von ehren- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie von Zivildienstleistenden.

Zwischen Markt und christlichem Anspruch
Waren die ersten 25 Jahre durch kontinuierlichen Auf- und Ausbau der Einrichtungen gekennzeichnet, brachte die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 den Diakoniestationen neue Herausforderungen. In der Folge entwickelte sich ein Pflegemarkt, in dem nach aktuellem Stand über 11.000 Pflegedienste bundesweit miteinander konkurrieren.
Der Druck, eine gute, aber auch an wirtschaftlichen Maßstäben orientierte Pflege anzubieten, verlangte eine Neustrukturierung. 1996 reagierten Diakonisches Werk und Kirchenleitung mit dem »Konzept zur Modernisierung der Diakoniestationen«. Ziel war die Weiterentwicklung des hohen Qualitätsstandards, wobei der diakonisch-kirchliche Auftrag sowohl nach innen wie nach außen klar akzentuiert werden sollte. Die schrittweise Einführung eines Qualitätsmanagements auf Basis des Diakonie-Siegels Pflege soll den eigenen hohen Anspruch gewährleisten, eine erfolgreiche Umstrukturierung ermöglichen und die neuen gesetzlichen Anforderungen berücksichtigen.
Im Jahr 2005 beschloss die Kirchenleitung, sämtliche Beratungsleistungen unter dem Dach des Diakonischen Werkes zu bündeln. Mit Mitteln der EKHN begleitet das Diakonische Werk die Diakoniestationen nun bei ihrer Aufgabe, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Einrichtungen zu sichern und das diakonische Profil auszubauen. Den Weg in die Zukunft weisen dabei: eine klare Organisation der Prozesse in den Diakoniestationen, der Ausbau von Netzwerken und weiteren Innovationen auf dem Fachgebiet der Pflege und das Anbieten von diakonischen Leistungen auch dort, wo die Finanzierung durch die Kassen endet.

Ambulante Gesundheitsfürsorge und Krankenpflege

 

1954

1966

1976

1978

1983

1995

2006

Schwesternstationen

*

387

312

206

143

0

0

darin Gemeindeschwestern

333

491

349

322

142

0

0

Diakonie- und kirchliche Sozialstationen

0

0

8

30

55

71

59

darin Pflege- und Hauswirtschaftskräfte1

0

0

87

236

480

798

906

Stellen insgesamt

*

491

436

558

622

7981

9061

* Die Zahl wurde nicht erhoben.

1 Feste Stellen. Hinzu kommen geringfügig Beschäftigte als Aushilfen, deren Zahl seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 auf 564 Stellen im Jahr 2005 angestiegen ist.

Gemeindeschwestern waren in den Einzelstationen überwiegend in der häuslichen Gesundheits- und Krankenpflege tätig. Sie übernahmen zusätzliche Gemeindeaufgaben wie Altennachmittage oder Besuchsdienste.
Im Lauf der Jahre wurde das pflegerische Arbeitsfeld zunehmend professionalisiert. Die Einzelstationen gingen in den seit 1973 entstehenden Diakonie-/kirchlichen Sozialstationen und weiteren diakonischen Einrichtungen auf, die sich unter dem Dach des DWHN organisierten. Die heutigen 59 Diakoniestationen werden von 428 Kirchengemeinden gebildet und versorgen weiterhin flächendeckend das Kirchengebiet. Weitere 22 Diakoniestationen beziehungsweise ambulante Pflegedienste werden von Mitgliedern im Diakonischen Werk getragen.