60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Das Verhältnis von Kirche und Diakonie
Die Freiheit zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
Für Pfarrer Dr. Wolfgang Gern, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau, gehören Kirche und Diakonie zusammen. Er plädiert dafür, im diakonischen Engagement die Gemeinde und Fachdienste miteinander zu vernetzen.
Diakonie ist im biblischen Verständnis der Dienst der Gemeinde Jesu Christi an den Menschen, die in Not geraten sind – häufig Menschen aus einem ganz anderen Milieu als die Aktiven in den Kirchengemeinden: Wohnungslose, Arbeitslose, Arme und Flüchtlinge, Jüngere ohne Ausbildungsplatz, alleinerziehende Frauen, Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftige und Einsame. Wo Menschen einander zum Segen werden, da geschieht Diakonie, da wird auch Gemeinde gebaut. Wo wir einander in Krisen und Brüchen beraten und begleiten, damit Leben wieder gelingt, da wird Nächstenliebe lebendig. Viele Kirchengemeinden versuchen, als diakonische Gemeinden zu leben. Sie verstehen sich als offene Gemeinden, die auf hilfe- und ratsuchende Menschen zugehen. Im Gottesdienst und in der Fürbitte der Gemeinde werden konkrete Notlagen zum Thema. In Konfirmandenpraktika lernen Jugendliche diakonische Einrichtungen kennen und üben soziale Kompetenz ein. Diakonische Zuwendung geschieht im Besuchsdienst, in der integrativen Kraft der Kindertagesstätte, in der besonderen Fürsorge für Familien in Armut, in der Diakonie- und Sozialstation und nicht zuletzt in der Flüchtlingsarbeit.
Fachlich und regional vernetzt
Kirchengemeinden und Dekanate allein könnten die Vielfalt der diakonischen Aufgaben nicht auf sich nehmen. Sie sind umgeben von einem flächendeckenden Netz professioneller diakonischer Fachdienste. In Hessen und Nassau gibt es 19 regionale Diakonische Werke mit insgesamt 60 Beratungsstellen. Die großen und kleinen diakonischen Unternehmen mit ihren etwa 350 Einrichtungen sorgen für professionelles Know-how in Krisensituationen. Die Landesgeschäftsstelle des Diakonischen Werkes mit Sitz in Frankfurt nimmt die sozialpolitische Vertretung der Diakonie in Hessen und Nassau wahr, bei 18.000 hauptamtlich Beschäftigten eine wichtige Aufgabe. Die Einrichtungen leben davon, dass sie mit den Gemeinden und Dekanaten vernetzt sind, etwa durch ehrenamtliche Besuchsdienste in Seniorenheimen und Krankenhäusern, und dass ihre Arbeit als Dienst der Kirche anerkannt wird.
Sozialpolitisch aktiv
Die ökonomische Krise der letzten Jahre ist in der Diakonie spürbar: Immer mehr Menschen wenden sich an diakonische Beratungsstellen. Sie sind arbeits- oder wohnungslos, verschuldet oder suchtmittelabhängig, psychisch krank oder einfach mit ihren Kräften am Ende. Zugleich muss die Diakonie – wie alle Wohlfahrtsverbände – ihre Dienste einschränken, weil die öffentlichen, kommunalen und kirchlichen Zuschüsse sinken. Die Diakonie erinnert an das Vermächtnis von Gustav Heinemann: »Soziale Grundlegung ist für die Demokratie unerlässlich.« Dafür braucht die diakonische Arbeit eine starke Lobby in Politik und Gesellschaft.
Heinemanns Mahnung gilt auch der Diakonie und der Kirche selbst: Nur eine offene und öffentliche, eine diakonische und mitleidenschaftliche Kirche wird den gesellschaftlichen Krisen gewachsen sein. Sie muss sich einmischen, damit das Maß des Menschlichen im Zuge rasanter Veränderungen nicht aus dem Blick gerät.
So paradox es klingen mag: Die Zeit der Krise ist die Stunde der diakonischen Kirche. Sie kann Fragen der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit nicht wegdelegieren, auch nicht an den Staat. Sie kann nicht andere auffordern zu tun, wozu sie selbst nicht fähig ist. Viele Kirchengemeinden haben das längst verstanden. Dort wächst inmitten gesellschaftlicher und ökonomischer Krisen und der damit einhergehenden menschlichen Dramen ein neuer Geist, der Verantwortung dafür übernimmt, dass keiner verloren geht.
Tragfähige Gemeinschaft
Das ist es, was viele bei der Diakonie hält – diese Freiheit zu Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, die sich von Krisen und Veränderungen nicht erdrücken lässt, die vielmehr in ihnen neue Chancen der Gemeinschaft sichtet. Die Freiheit, Gottes Liebe zu spüren, wo wir einander helfen die Lasten zu tragen, prägt unsere Diakonie auch in schwierigen Zeiten. »So ist nun das die Summe des Evangeliums: Das Reich Christi ist ein Reich der Barmherzigkeit und der Gnade. Da ist nichts anderes, da ist dann immer tragen und tragen« (Martin Luther, Fastenpostille, 1526).
Dr. Wolfgang Gern
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau
Ederstraße 12
60486 Frankfurt
Telefon (069) 7947-200
E-Mail wolfgang.gern[at]dwhn.de
Pfarrer Dr. Wolfgang Gern ist seit dem Jahr 2000 Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau www.dwhn.de
Diakonisches Werk in Hessen und Nassau (DWHN)
187 Rechtsträger mit 333 Einrichtungen und 21.932 Betten/Plätzen |
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14 Vereine für Jugend- und Erwachsenenhilfe/Betreuungsvereine |
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48 Dekanate der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau |
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249 Mitglieder des DWHN mit insgesamt rund 15.500 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern |
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[Arbeitsbereiche] |
[Zahl] |
[Einrichtungen] |
[Betten/Plätze] |
Krankenhilfe |
16 |
Krankenhäuser |
3.041 |
Jugendhilfe |
32 |
Stationäre Einrichtungen |
1.110 |
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23 |
Teilstationäre Einrichtungen |
1.087 |
|
15 |
Beratungsstellen sowie ambulante Dienste |
70 |
Familienhilfe |
11 |
Stationäre Einrichtungen |
723 |
|
1 |
Tageseinrichtung |
|
|
20 |
Beratungsstellen sowie ambulante Dienste |
91 |
Altenhilfe |
83 |
Vollstationäre Einrichtungen inklusive Kurzzeitpflege |
7.734 |
|
30 |
Betreutes Wohnen für Senioren und Altenwohnungen |
1.395 |
|
10 |
Tages- und Nachtpflegeeinrichtungen |
157 |
Behindertenhilfe |
21 |
Stationäre Einrichtungen |
2.018 |
|
15 |
Tageseinrichtungen |
1.959 |
|
6 |
Beratungsstellen sowie ambulante Dienste |
238 |
Hilfen für Personen |
16 |
Stationäre Einrichtungen |
431 |
in besonderen sozialen |
5 |
Tageseinrichtungen |
20 |
Situationen |
2 |
Beratungsstellen |
|
Ausbildung |
12 |
Ausbildungsstätten |
1.309 |
Sonstige Einrichtungen |
6 |
Stationäre Einrichtungen |
381 |
|
1 |
Tageseinrichtung |
75 |
|
8 |
Weitere Einrichtungen |
93 |
Gesamt |
333 |
|
21.932 |
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59 |
Diakoniestationen sind dem DWHN nach § 13 Abs. 1 Satz 2 des Diakoniegesetzes angeschlossen |
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zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN