60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Diakonie in 60 Jahren EKHN

Notstandsdiakonie
»Klagen, nichts als Klagen! Bittschriften, nichts als Bittschriften – wenn wir allen helfen könnten: Dann wären wir zu beneiden.« So beginnt der Auftritt des Prinzen von Guastalla in Lessings »Emilia Galotti«. So beginnt die Diakonie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Hessen und Nassau: bittende Menschen, zerstörte Städte. Zwölf Millionen Flüchtlinge – aus Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland und anderswo her – mussten und wollten Heimat finden. Die Besatzermächte trauten den Kirchen zu, Hilfe organisieren zu können.
Bereits 1945 war das Evangelische Hilfswerk gegründet, im Oktober ein Hauptbüro für das damalige Groß-Hessen eröffnet worden. Das Hilfswerk wollte die Diakonie in den Gemeinden, also in der Kirche verankern. Martin Niemöller verfocht das Anliegen mit geübt starker Hand und wusste warum: Er selbst war Geschäftsführer der Inneren Mission in Westfalen gewesen. Die Innere Mission, als freier Verein außerhalb der Kirche gegründet und thematisch dennoch so nah an ihr dran, war schon im 19. Jahrhundert als »Schlinggewächs am Baum der Kirche« beargwöhnt worden. Der Lebenssaft ströme, so ängstigten sich Hannoveraner Oberkirchenräte, von der Gemeinde in die Vereine und verführe dazu, soziale Werke für Frömmigkeit zu halten. Die inner- und die außerkirchliche Form der Diakonie, also Evangelisches Hilfswerk und Innere Mission, sollten zusammengehen. 1948 schlossen sich die drei Landesvereine der Inneren Mission – also Hessen (Darmstadt), Nassau (Wiesbaden) und Frankfurt – entsprechend der neu entstandenen EKHN zu einem Landesverband zusammen. 1960 bilden Innere Mission und Evangelisches Hilfswerk das Diakonische Werk in Hessen und Nassau (DWHN). Das DWHN mit seinem Sitz in Frankfurt – nacheinander geleitet von Walther Rathgeber, Heinz Günther Gasche, Alfred Georg Beierle und Wolfgang Gern – nimmt einerseits die kirchlichen Anliegen der Diakonie wahr und reiht sich andererseits in die Riege der Wohlfahrtsverbände ein und handelt auf der gesellschaftlichen Bühne als einer der großen Gestalter des Sozialstaates.

Wohlstandsdiakonie
Die Jahre nach dem Bundessozialhilfegesetz 1961 bis zur Wiedervereinigung 1990 sind für die Diakonie eine Zeit des Wachstums: so in der Behindertenhilfe (Nieder-Ramstadt, Scheuern) und in der Altenhilfe – der Zerfall der Großfamilie und die Bevölkerungsentwicklung fordern Heime. Das Subsidiaritätsprinzip, demzufolge der Staat die Trägerschaft sozialer Einrichtungen vorrangig freien Trägern überlässt, trägt der Diakonie immer neue Aufgaben zu. Die Diakonissen, ehemals wandelnde Werbeträgerinnen der Kirche, schwinden aus dem Blickfeld. Sie hinterlassen Lücken in der örtlichen Gemeindekrankenpflege. Darauf antwortet in Hessen der Aufbau der Diakoniestationen, in Rheinland-Pfalz heißen sie Sozialstationen. Der bundesdeutsche Staat leitet seinen Hoheitsanspruch immer mehr aus den gewährten sozialen Leistungen und der umfassenden Daseinsvorsorge ab. Er wird zum Übervater, von dem man Sicherheit und Lebenswert erhofft. Was bisher als Vorrang der Kirche, ja des landläufigen Christentums überhaupt, gegolten hat, nämlich die »Nächstenliebe«, muss sich nun im marktwirtschaftlichen Wettbewerb der sozialen Dienste bewähren und profilieren, denn »ganzheitliche Hilfe« versprechen mittlerweile alle Leistungsanbieter.
Ausweitung und Verfeinerung der Arbeitsbereiche erfordern auch eine neue Mitarbeiterschaft: Professionalisierung, Qualifizierung und Kommunikation werden Leitbegriffe in der sozialen Arbeit. 1971 wird die Evangelische Fachhochschule in Darmstadt gegründet. Ihre Aufgabe: für die evangelische Sozialarbeit, für Sozial-, Gemeinde- und Religionspädagogik auszubilden. Mit der Vielfalt drohen Einheit und Gesicht der Diakonie verloren zu gehen. Die zähe Frage nach dem Besonderen, dem Kennzeichnenden der Diakonie setzt ein und führt oft zu noch bemühteren Antworten. Von Parolen wie Diakonie sei »Glaube auf dem Prüfstand«, »Außenseite der Kirche« oder gar »Kirche zu Fuß« bleibt auch Hessen-Nassau nicht verschont. Allerdings: Damit wurde die ansonsten nicht immer sichtbare Einheit von Kirche und Diakonie, wenn auch treuherzig, bekannt. Zugleich besteht bis heute die Gefahr, geschwundene geistige und geistliche Kraft der Kirche durch »Taten der Liebe« ausgleichen und verdecken zu wollen – freilich auch hervorgerufen durch manche auftrumpfende Gebärde der Diakonie selbst.

Bürgerdiakonie
Der gegenwärtige Wandel der Gesellschaft und die Einsicht in die Grenzen staatlich-öffentlicher Wohlfahrt hat im gut betuchten Hessen-Nassau den Sinn für die zwischenmenschliche Verantwortung unter den Bürgerinnen und Bürgern neu belebt. Ehrenamtliche Arbeit floriert. 2005 wurde die Stiftung Diakonie in Hessen und Nassau gegründet: vor allem für »Behinderte, Pflegebedürftige und andere sozial benachteiligte Menschen einschließlich Kinder-, Jugend- und Familienhilfe«. Die gegenwärtige Geschichte reicht der Diakonie und der Kirche wiederum die Hand, als Bitte und als Wegweisung. Angesichts der auseinanderstrebenden Gesellschaft können Gemeinden verlässliche Lebensräume werden. Das diakonische Engagement, seit 150 Jahren und immer wieder bedacht, scheitert nicht am Geld, sondern an fehlender Begeisterung. Aber mit Recht betrachtet das 2001 von der Synode der EKHN neu gefasste Diakoniegesetz die Gemeinden und die Kirche als Grundlage für die Diakonie. Wenn an der Volkskirche festgehalten werden soll, dann auch an der volkskirchlichen Diakonie: Die Vielfalt und die Weite der Mitarbeitenden müssen anerkannt werden und zugleich eine gemeinsame Blickrichtung haben. Diakonie ist nicht kirchliche Propaganda, nicht zuerst gesetzlicher Glauben, sondern Evangelium, Einladung und Würdigung zum Füreinander-Sein. Du darfst dem Mitmenschen in nah und fern zum Lebenshelfer werden. In der Zuwendung zum Kreuz des Nächsten verwirklicht sich die Humanität.