60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Pfingstnacht in der Sankt Petersgemeinde in Frankfurt
Im Schutz der Nacht
Weihnachten und Ostern werden in vielen Kirchengemeinden mit nächtlichen Gottesdiensten gefeiert. Ungewöhnlich aber ist die Pfingstnacht der Frankfurter Sankt Petersgemeinde.
Gottesdienst
Viele Profile
In der EKHN gibt es eine Fülle besonderer Gottesdienstangebote. Ihr jeweiliges Anliegen ist es, Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Milieus und in unterschiedlichen Lebenssituationen anzusprechen: expressiv-suchend, rituell-vergewissernd, diskursiv-orientierend, ästhetisch-bildend.
Kraftraum und Nachtzeit
Der Gottesdienst in der Kirche wird als Segenszeit und Kraftraum erlebt, in dem fundamentale Lebensfragen ihren Ort haben: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Immer mehr Gemeinden feiern Segnungs- und Salbungsgottesdienste, in denen die Zuwendung Gottes zu jedem einzelnen Menschen leiblich erfahren wird. Die Nacht wird als liturgische Zeit wiederentdeckt.
Ein Gewitter grollt, heftiger Regen fällt und Windböen jagen durch das Frankfurter Nordend. »Die Türen nach draußen werden den ganzen Gottesdienst über offen bleiben«, sagt Pfarrerin Lisa Neuhaus. Wieso auch nicht? Schließlich bläst und zischt es auch in der Epiphaniaskirche. Etwa 25 Sängerinnen und Sänger der Epiphaniaskantorei lassen ihre Stimmen tönen, atmen hörbar, seufzen, stöhnen, lassen es lustvoll-klagend heulen. Dabei kreiert jeder sein eigenes, von den anderen unabhängiges Klanggebilde. Die sich aneinander reibenden Stimmen greifen indes auch ineinander, bilden bald schon einen klingenden Teppich, der im Raum zu schweben beginnt. Auf dieses wehende Tönen werden uralte Melodien und bekannte Pfingstchoräle gelegt.
Befreit von Automatismen
»Erschauernd und erhebend«, »schrill«, »documentamäßig«, »man weiß nicht, was einen erwartet«. – So reagieren Besucherinnen und Besucher auf das nächtliche Beschwören des Heiligen Geistes. Kantorin Elke Wolberts und Pfarrerin Lisa Neuhaus, welche die Idee zur Pfingstnacht hatten, sind von den Kommentaren nicht irritiert. Im Gegenteil: Mit dem Gottesdienst wollen sie einen Raum bieten, »in dem vieles neu und irritierend klingen darf«. Das beginne bereits bei den geräuschvollen Chorproben, sagt Wolberts. »Es gibt Unsicherheiten, Hilflosigkeit und Spaß. Ich lasse die Beteiligten auch lachen.« Die Idee hinter allem müsse freilich deutlich werden: dass die Tradition – von Automatismen befreit – die Sinne auf ungeahnte Weise neu erreichen kann. »Ich lasse ja die alten Choräle singen, nur behandle ich sie so, dass sie stärker klingen. Der Text tritt viel deutlicher hervor.«
Mystische Dunkelheit
Die zum vierten Mal gefeierte Pfingstnacht verknüpft vertraute, jährlich wiederkehrende, mit experimentellen Elementen. »Die Nacht bietet Zeit, um besonders meditative Erfahrungen zuzulassen«, sagt Lisa Neuhaus. Die Dunkelheit ähnle dabei einem Mantel, in den man sich schützend hüllen könne. Allein Kerzen beleuchten das Kircheninnere. Als »mystische Dunkelheit« charakterisiert Helga Harff die Atmosphäre. »Ich spüre einen direkteren Kontakt zu Gott.«
Das Vaterunser spricht jeder vier Mal hintereinander, individuell in Rhythmus und Tempo. Auch dieses frei tönende, sich aneinander reibende Klanggebet verweise auf die Idee des Gottesdienstes, erläutert Neuhaus: dass nämlich »der Geist variable Erfahrungen zulässt und alle geistliche Vollmacht erleben können«. Und sei es, dass jemand am Rand sitzt oder durch die Kirchentüren in die Nacht hinausschaut. »Es ist angenehm, dass man die Freiheit hat, nichts zu tun«, sagt Siegfried Krückeberg, der die Pfingstnacht zum ersten Mal besucht.
Die Variabilität des Geistes – in diesem Gottesdienst wird sie auf leuchtende und bewegliche Weise bildhaft. Viele Besucher lassen sich mit einem Teelicht in der Hand treiben, Lichtspuren werden gezogen, es züngelt in Ecken, im Altarraum, auf der Orgelempore, vor den Kirchentüren.
Früchte in Pfingstrot
Mit der Stimmenperformance hatte die Feier körperbezogen und ungewohnt begonnen. Ebenfalls körperbezogen, aber vertraut endet der Gottesdienst – mit dem Abendmahl. »Klassische und neue Formen beleben sich gegenseitig«, sagt Lisa Neuhaus. Ähnlich empfindet es Ruta Kohler: »Ohne das Traditionelle wäre das hier unmöglich.« Sie achtet auch den klassischen Gottesdienst sehr: »Das streng Evangelische am Sonntagmorgen ist schon ein bisschen schön«, sagt sie lachend. »Mir wird dabei nie langweilig. Selbst wenn ich einnicke, passiert etwas.«
Es ist Mitternacht. Mit Sekt und Selters wird angestoßen. Das Abendmahl ist in ein fröhliches Mahl mit pfingstroten Speisen übergegangen: Erdbeeren, Tomaten, Radieschen sind aufgetischt.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN