60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Gottesdienste in 60 Jahren EKHN
Vom reinen Wort zum gemeinsamen Erlebnis
Am Anfang galt das nüchtern gesprochene Wort, eng orientiert an der Tradition der Reformation und der Skepsis gegenüber sinnlichem Zusatz. Ab Ende der 60er-Jahre spielte eine neue Emotionalität ins gottesdienstliche Leben hinein.
»Die Sprache des Gottesdienstes reagiert in Wellenbewegungen auf Bedürfnisse der Zeit«, sagt Hans-Martin Heusel, von 1978 bis 1993 Stellvertreter des Kirchenpräsidenten. Die nüchternen Gottesdienste aus der Frühzeit der EKHN, die viele heute schwer nachvollziehen könnten, habe man damals als »kirchlich-theologische Wende« empfunden. Nach Krieg und Nazizeit mit den Aufmärschen und dem falschen Pathos wollte man »zurück zu den Quellen, zur Reformation«. »Es galt allein das Wort«, bestätigt Peter Soeder. »Ganz elementar, nackt sollte es dastehen.« Dem Wort allein traute man die Wirkung des Glaubens zu. Ende der 60er-Jahre änderte sich das Empfinden. Die starken Worte wurden nun als »Muff, Spießigkeit und Phrasendrusch« empfunden, erinnert sich Friedrich Karl Barth an Gottesdienste, die er als Jugendlicher erlebte. Das neue Empfinden gegenüber Gottesdienst und Liturgie ist eng verknüpft mit der 1971 in Frankfurt eingerichteten Beratungsstelle für die Gestaltung von Gottesdiensten und anderen gemeindlichen Veranstaltungen, deren Leiter Barth wurde und bis 1990 blieb.
»Wie ein Sandkasten«
»Das war ein Traum, ein einziges Experimentierfeld, wie ein Sandkasten.« In der Beratungsstelle suchte man nach einer Sprache und gottesdienstlichen Formen, »die verständlich sein und unter die Haut gehen sollten«. Wichtig war das Wechselspiel mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Für dessen Treffen in Düsseldorf 1973 wurde unter Federführung der Beratungsstelle erstmals die Liturgische Nacht angeboten. Von den 7.000 Dauergästen feierten 4.000 mit, ein kaum für möglich gehaltener Erfolg. Es wurde getanzt, gemalt, es gab ein Mahl mit Brot und Saft, neue Lieder wurden gesungen – auch mit dieser Nacht erhielt die fast vor dem Aus stehende Kirchentagsbewegung neuen Aufschwung. Begleitet wurde er von vielen neuen Liedern, von denen Barth viele selbst gedichtet hat, darunter »Komm, bau ein Haus« oder »Brich mit dem Hungrigen dein Brot«.
Früher hielt der Pfarrer Gottesdienst, heute feiert die Gemeinde
Der frische Wind und die andere Art, Mahl zu halten, erreichten bald die Gemeinden, erzählt Peter Soeder, Leiter des Referates Verkündigung und Seelsorge in der Kirchenverwaltung von 1978 bis 1991. »Früher hieß es Hauptgottesdienst und das Abendmahl war im Anschluss.« Nicht lange, und der Nachklapp wurde in den Gottesdienst integriert. »Zuvor war Schuld und Vergebung für den Einzelnen herausgestellt worden, nun gewann die Dimension der Gemeinschaft mit Christus und untereinander an Gewicht.« Neben Wein war nun auch Traubensaft nicht mehr ausgeschlossen. Bei dieser Entwicklung spielten Erfahrungen von Krieg und Kriegsgefangenschaft eine Rolle, als es unmöglich war, alle liturgischen Regeln einzuhalten. »Wenn kein Wein da war, hat man eben Wasser genommen. Außerdem war das Abendmahl oft überkonfessionell.« Ein theologischer Antrieb zu der neuen Abendmahlsfrömmigkeit ging überdies von den Arnoldshainer Abendmahlsthesen 1957 aus, mit denen Theologieprofessoren ein gemeinsames Abendmahl der evangelischen Konfessionen einforderten. 1973 wurde es mit der Leuenberger Kirchengemeinschaft Wirklichkeit.
Von 1984 an zunächst versuchsweise, seit 1991 dann per Synodenbeschluss wurde Abendmahl auch mit Kindern gefeiert. »Zuvor wurde man per Konfirmation zugelassen. Zulassung – was für ein Wort!« Peter Soeder schüttelt den Kopf. Denn der Gottesdienst soll einladenden Charakter haben.
Der Ruf der 68er-Jugendbewegung nach Demokratisierung und Beteiligung veränderte auch den Gottesdienst. Hielt früher der Pfarrer den Gottesdienst, feierte die Gemeinde nun aktiver mit. Mitunter reicht das bis zum spontanen Beifall. Mitglieder des Kirchenvorstandes übernehmen Begrüßung und Lesung. Die Predigt wird nicht mehr als Weisheit von oben präsentiert, sondern als Anregung, die nicht selten nach dem Gottesdienst bei Tee oder Kaffee besprochen wird.
Wer sich in die Vergangenheit einhaust, ist schon vergangen
Und heute? Die stete Suche nach kreativen und alternativen Gottesdienstformen hat die Gottesdienste vielfältiger und erlebnisorientierter gemacht. Gleichzeitig ist auch die Wiederbelebung der alten und geprägten Formen zu entdecken. Beides kommt an. Entscheidend ist offenbar, dass der Gottesdienst als Ausdruck eines lebendigen Glaubens gefeiert wird. Karl Friedrich Barth, dem die Erneuerung des Gottesdienstes am Herzen lag, bekundet »Respekt vor jeglicher, also auch vor alter Originalität. Wenn man sich allerdings ins Vergangene einhaust, ist man selber schon vergangen.«
Gottesdienstbesuch

Durchschnittlicher Gottesdienstbesuch an den Zählsonntagen Invokavit (Februar) und 1. Advent:
Der Gottesdienstbesuch sinkt parallel zur Mitgliederzahl leicht. Seine Quote ist damit stabil. Seit 1975 besuchen ihn etwas über 4 Prozent der Mitglieder. So viele waren es auch in den 40er-Jahren. Mit dem Wiederaufbau der Kirchen in den 50er-Jahren stieg vorübergehend auch die Zahl der Kirchenbesucher.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN