60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Taufe, Trauung und Bestattung


Partnerschaft braucht Segen

Unter den sogenannten Kasualien oder auch Amtshandlungen – das sind Taufe Konfirmation, Trauung und Bestattung – nimmt die Trauung eine Sonderstellung ein. Zudem lässt ihre Akzeptanz bei jungen Leuten seit einigen Jahren sichtbar nach. Die Gründe dafür erläutert Pfarrerin Sabine Bäuerle im Zentrum Verkündigung.

Warum ist die Kirche bei den großen Lebensfesten so stark gefragt?

Bäuerle: »Geboren und erwachsen werden, ein Lebensbündnis eingehen, sterben – die Stationen eines Lebensweges konfrontieren uns mit elementaren Lebensthemen, die nach einer religiös-christlichen Deutung verlangen. Mit der Taufe, der Konfirmation, der Trauung und der Bestattung, den sogenannten Kasualien, begleitet die Kirche Menschen an ihren biografischen Schwellen und Lebensübergängen.«

Während Taufe, Konfirmation und Bestattung bei nahezu allen Kirchenmitgliedern hoch akzeptiert sind, ist die Zahl der Trauungen deutlich gesunken, weit deutlicher als die Zahl der standesamtlichen Eheschließungen. Trauung in der Krise?

Bäuerle: »Dass die Zahl der evangelischen Trauungen so deutlich zurückgegangen ist, hat drei Gründe: Erstens haben sich die Lebensformen verändert. Zweitens ist die Zahl der Paare, in denen beide evangelisch sind, gesunken. Und nicht immer setzt sich dann der evangelische Teil bei der Entscheidung für oder gegen eine Trauung durch. Drittens unterscheidet sich die kirchliche Trauung grundsätzlich von den anderen Festen, denn in einem Gottesdienst getraut werden dürfen nur Paare, die bereits auf dem Standesamt geheiratet haben. Seitdem im Jahre 1875 hierzulande die Ziviltrauung eingeführt ist, können Menschen eben auch ohne kirchliche Trauung verheiratet sein.«

Ist die Trauung also überflüssig?

Bäuerle: »Nein, sondern es geht um zwei verschiedene Dinge. Auf dem Standesamt geht es um die Gültigkeit der Ehe. Bei der kirchlichen Trauung steht im Mittelpunkt, dass menschliches Leben segensbedürftig ist. Dahinter steht das Wissen, dass eine Ehe mehr braucht als gemeinsamen Willen und ein gemeinsames Versprechen, um zu gelingen. Moderne Paare stehen in der Gefahr, die Ehe durch überhöhte Liebes- und Perfektionsideale zu überfordern. Wenn in der Trauung spürbar wird, wie jede menschliche Partnerschaft segensbedürftig ist, wird das Bild der Ehe realistisch und befreit Menschen von überzogenen Erwartungen an sich selbst und aneinander. Zugleich wird gefeiert, dass diese Ehe unter den Segen Gottes gestellt wird.«

Was bewegt Paare heute dazu, sich trauen zu lassen?

Bäuerle: »Viele Paare entscheiden sich für die Ehe, wenn Kinder kommen oder kommen sollen. Die Eheschließung markiert häufig nicht mehr den Beginn eines gemeinsamen Haushaltes. Viele leben schon seit Jahren zusammen. Die kirchliche Trauung ist damit streng genommen kein Übergangsritus mehr, sondern ein Bestätigungs- oder Vergewisserungsritus geworden. Interessanterweise wünschen viele Paare trotzdem gerade die gottesdienstlichen Elemente, die zu einem Passageritus gehören – vom weißen Brautkleid und der Brautübergabe bis hin zum Ringwechsel. Das ist aber kein Widerspruch. Die kirchliche Trauung soll zur Geltung bringen, dass dem gemeinsamen Lebensweg von Anfang an eine Verheißung innewohnt, und soll dies als religiöses Geschehen erlebbar machen. Viele Brautpaare erleben das im Gottesdienst tatsächlich so. Ähnliches gilt auch für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, die in unserer Kirche seit einigen Jahren möglich ist.«

Was hat sich in der Gestaltung der Trauung verändert?

Bäuerle: »Heiraten ist heute für viele Paare Stress. Nicht zufällig haben sich die Hochzeitsratgeber vervielfältigt, an vielen Orten gibt es Hochzeitsmessen. Im Grunde geht es dabei immer darum, dass die eigene Hochzeit ein besonderes und einzigartiges Festereignis sein soll. Schließlich soll und muss sie ja zeigen, dass die beiden Menschen, die heiraten, besonders und einzigartig sind. Deshalb gestalten heute viele Paare das, was vor und nach dem Gottesdienst geschieht, individuell. Auch im Traugottesdienst geht es darum, aber unter einer anderen Perspektive. Der Gottesdienst findet seine Originalität darin, indem er eben diese Individualität spürbar werden lässt: Der Segen Gottes gilt diesen beiden konkreten Menschen. Dieses Paar wird in seiner Eigenart von Gott gesehen und auf seinen je besonderen Weg gebracht. Diesen beiden gilt das traditionelle Ritual mit den geprägten Worten, die viele an dieser Stelle hören wollen: ›In guten und in bösen Tagen‹ und ›... bis dass der Tod euch scheidet‹. Es geht also darum, das gottesdienstliche Geschehen vor dem Hintergrund der Tradition gemeinsam mit den Beteiligten so zu gestalten, dass es für sie zugänglich und stimmig, schön und religiös gehaltvoll ist.«

Manche Paare wünschen, den Gottesdienst durch einen besonderen Ort unvergesslich zu machen. Auf einem Hochhaus zum Beispiel oder im Ballon. Es fällt vielen schwer zu verstehen, warum die Kirche an ihrem großen Tag auf diesen Wunsch nicht eingeht.

Bäuerle: »Die Ehe als Lebensbündnis ist keine rein private Lebensform. Sie betrifft auch die soziale Gemeinschaft und hat gesellschaftliche Bedeutung. Das drückt sich auch in dem Raum aus, in dem das Paar den Segen zugesprochen bekommt. Der Gottesdienst kann deshalb nicht an einem privaten Ort stattfinden, sondern er soll öffentlich in einer allen zugänglichen Kirche stattfinden. In dem Raum, in dem sich die Gemeinde auch sonst zum Gottesdienst versammelt.«

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl der katholisch-evangelischen Paare sprunghaft angestiegen. Für viele Paare in konfessionsverschiedenen Ehen ist es im Alltag schmerzlich spürbar gewesen, dass sie unterschiedlichen Kirchen angehören. Nun haben wir bis heute keine ökumenische Trauung.

Bäuerle: »Das hängt damit zusammen, dass die Kirchen ein unterschiedliches theologisches Verständnis von Trauung haben. Nach katholischer Tradition ist sie ein Sakrament, ein unverbrüchliches Zeichen Gottes. Deshalb kann sie auch durch keine Scheidung aufgelöst werden. Nach evangelischer Auffassung ist die Trauung ein Segensgottesdienst anlässlich einer Eheschließung. Deshalb können auch Menschen, die einmal geschieden worden sind, eine Ehe, die sie neu eingehen, unter den Segen Gottes stellen. Deshalb kennen wir bis heute streng genommen keine ökumenische Trauung. Aber es ist seit 1971 möglich und mittlerweile guter Brauch, dass bei einer evangelischen oder katholischen Trauung Geistliche der jeweils anderen Konfession mitwirken. Dass heute nicht mehr von konfessionsverschiedenen, sondern von konfessionsverbindenden Ehen gesprochen wird, ist ein gutes Zeichen. In einem noch weiteren Horizont wird man fragen müssen: Welche gottesdienstlichen Möglichkeiten entwickeln wir für Paare, die unterschiedlichen Religionen angehören?«

Diagramm Trauungen
Die Zahl der Trauungen ist seit Anfang der 60er-Jahre rückläufig. Das gilt zwar auch für die Zahl der standesamtlichen Eheschließungen, dort aber in geringerem Maße. Neben Ehe und Familie haben sich seitdem andere Lebensformen und Partnerschaftsmodelle etabliert. Partnerschaften werden heute mehr als private Verabredung gesehen. Demgegenüber betont die Trauung den öffentlichen und geistlichen Charakter einer Lebensgemeinschaft.