60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007

Lutherisch, reformiert, uniert

In der EKHN gibt es lutherische, reformierte und unierte Gemeinden. Auf ihrem Gebiet fand historisch im Jahr 1817/18 in Nassau die erste Union evangelischer Kirchen statt. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Fürstentümer konfessionell noch überwiegend einheitliche Territorien. Bei der Neuordnung Europas zur Zeit Napoleons entstanden konfessionell gemischte Gebiete. Eine unierte Konfession entwickelte sich, welche die Vielfalt nicht als Mangel an Einheit begriff, sondern als Reichtum und als legitimes Abbild dafür, dass die Kirche in der Welt nur eine vorläufige Gestalt hat und haben kann.
Jahrhundertelang akzeptierten sich die evangelischen Konfessionen wechselseitig nicht. Erst 1973 haben lutherische, reformierte und unierte Kirchen sowie einige Freikirchen in Europa zu gegenseitiger Anerkennung und Abendmahlsgemeinschaft gefunden. Sie bildeten die nach dem Tagungsort in der Schweiz benannte Leuenberger Kirchengemeinschaft, heute die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa.

Gemeinsamkeit
Gemeinsame Grundlage der Reformation ist das berühmte vierfache Allein (lateinisch solus, sola):
• Sola scriptura – allein die Schrift ist die Norm für den christlichen Glauben, nicht die Tradition.
• Solus Christus – allein Christus erwirkt die Erlösung, nicht die Kirche ist die Hüterin des Heils.
• Sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der glaubende Mensch errettet. Eigenes Tun, gute Werke, sind nicht die Voraussetzung für das Heil, sondern dessen Folge.
• Sola fide – allein der von Gott geschenkte Glauben rechtfertigt den Menschen.
Dieses vierfache Allein betont das Handeln Gottes als Ausgangspunkt des Heils. Der einzelne Mensch kann dieses Geschenk annehmen oder ablehnen. Damit weist die Reformation den Anspruch der katholischen Kirche zurück, das Amt des Papstes und der Priester verwalteten exklusiv das Heil für die Gläubigen.

Unterschiede
Aus den Anfängen der Reformation haben sich zwei große theologische Traditionen entwickelt, die reformierte und die lutherische. Die reformierte Konfession breitete sich von den Städten Zürich, Basel, Straßburg und Genf überwiegend im Süden und im Westen aus. Die lutherische strahlte von Wittenberg überwiegend in den Norden und den Osten aus. Fürsten und Stadträte führten in ihrem Gebiet die Reformation in unterschiedlicher Prägung ein. Deren jeweiligen unterschiedlichen Kirchenordnungen lassen die reformierte oder die lutherische Herkunft erkennen.
In der Liturgie stellt die reformierte Konfession das gesprochene Wort und damit die Predigt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. Musik ist nur in Gestalt gesungener Psalmen vertreten. Die lutherische Konfession ist hier näher an der katholischen Praxis und sieht geistliche Lieder sowie liturgische Gesänge vor.

Abendmahl
Beim Abendmahl gibt es verschiedene theologische Auffassungen, auf welche Weise Christus selbst im Abendmahl präsent ist. Sichtbarer Unterschied ist die Häufigkeit der Feier: Lutherische Gemeinden feiern es mindestens einmal im Monat, reformierte in der Regel nur viermal im Jahr.

Kirchenraum
Die theologischen Programme spiegeln sich auch im Kirchenbau wider. Reformierte Kirchenräume sind betont schlicht, damit nichts die Wahrnehmung des Wortes stört. Die Kanzel als Symbol des in der Predigt gesprochenen Wortes steht oftmals über dem Altar, dem Tisch des Herrn. In lutherischen Kirchen sind Kanzel und Altar nebeneinander angebracht. Bilder dienen als Anregungen für den persönlichen Glauben.

Ethik
Ein wichtiges Merkmal ist die Wechselwirkung zwischen dem Glauben und der Lebensgestaltung. Die reformierte Konfession hat dabei neben der Rechtfertigung allein durch den Glauben das Element der Heiligung gestellt. Ihm zufolge lässt sich aus dem Verlauf des Lebens erkennen, ob ein Mensch Gottes Wohlgefallen gefunden hat oder nicht. Ein geheiligtes Leben ist demnach ein sichtbar gesegnetes, mithin auch ein äußerlich erfolgreiches Leben. Manche haben dabei auch wirtschaftlichen Erfolg als Folge ihres Glaubens verstanden. Die lutherische Konfession sieht keine direkte Verbindung zwischen weltlichem Ergehen und geistlichem Zustand.
Seine wesentlichen theologischen Einsichten hat Luther im Kleinen Katechismus für Unterricht und Seelsorge zusammengefasst. Sein reformiertes Pendant ist der Heidelberger Katechismus. Beide sind im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt.