60 Jahre EKHN - Jahresbericht 2006/2007
Ökumenisches Zentrum Darmstadt-Kranichstein
Unter einem Dach
Im Darmstädter Stadtteil Kranichstein stehen schroffe Wohnblocks neben freundlichen Reihenhäusern und Villen. Hier wohnen Migranten und Mittelstandsfamilien neben sozial Benachteiligten. Mittendrin haben die evangelische Philippus- und die katholische St. Jakobusgemeinde ein in der EKHN und im katholischen Bistum Mainz bislang einzigartiges Projekt gestartet: Sie leben seit 25 Jahren unter einem Dach.
Ökumene
Im Miteinander der christlichen Kirchen
Versöhnte Verschiedenheit
Die Gemeinschaft evangelischer Kirchen mit unterschiedlicher Bekenntnistradition ist in Deutschland zur Selbstverständlichkeit geworden. In vielen anderen Ländern, auch Europas, leben lutherische, reformierte, unierte sowie weitere evangelische Kirchen und Freikirchen nebeneinander, oft in Konkurrenz und Abgrenzung. Die EKHN fördert in der Union Evangelischer Kirchen und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) das Miteinander im Geist der »Einheit in versöhnter Verschiedenheit«.
Mit Spannungen leben
Wo möglich gemeinsam, wo nötig getrennt handeln: Von diesem Grundsatz lebt die innerchristliche Ökumene. In den Beziehungen von evangelischen Kirchen zur römisch-katholischen Kirche und zu den orthodoxen Kirchen erzeugen die bleibenden großen Differenzen zum Beispiel im Hinblick auf Kirchenverständnis, Mission, Frauenordination, Umgang mit verschiedenen Lebensformen immer wieder Spannungen. Nach großen Hoffnungen auf wachsende gegenseitige Anerkennung in den vergangenen Jahren ist nun Ernüchterung eingetreten.
»Gemeinsam tun, was geht – getrennt tun, was nicht geht.« – Wie ein Manifest wirken die Worte von Philippuskirchen-Pfarrer Dietmar Volke, denen Karl-Heinz Wiemann ohne Vorbehalt zustimmt. »Jeder muss bei sich zu Hause sein – nur dann kann man Ökumene leben«, erklärt der Vorsitzende des katholischen Pfarrgemeinderates.
Kein »Einheitsbrei«
Gottesdienst feiern die Gemeinden in der Regel getrennt, doch die Liste der gemeinsamen Aktivitäten ist lang: Gemeindebrief, Feste, Gesprächskreise, Senioren- und Jugendarbeit. Ein Ökumene-Ausschuss plant und koordiniert die Aktivitäten; in Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat ist die jeweils andere Gemeinde gastweise vertreten. Mehrmals im Jahr finden ökumenische Gottesdienste statt. Der ökumenische Chor versinnbildlicht für Pfarrer Volke in besonderer Weise den Begriff von der »versöhnten Verschiedenheit«, den hier alle gern benutzen: »Musik klingt nicht etwa unisono am besten, sondern wenn unterschiedliche Stimmen zusammen singen.«
Unter einem Dach zu leben verlangt allen Beteiligten Toleranz ab: »Manche Gemeindeglieder können nicht nachvollziehen, warum es kein gemeinsames Abendmahl gibt, für manche Katholiken wiederum ist es befremdlich, wenn im ökumenischen Gottesdienst eine Kirchenvorsteherin die Liturgie übernimmt oder unser Kirchenraum beim Sommerfest zum Essens- und Getränkeausschank wird«, weiß Pfarrer Volke. Der enge Kontakt ist ganz automatisch ein Impuls, sich immer wieder mit den anderen und sich selbst zu beschäftigen. Für die Vorsitzende des Kirchenvorstands Carin Strobel ist eine so verstandene Ökumene gerade kein »Einheitsbrei«, sondern macht das Profil immer wieder bewusst. Zum Jubiläum unterzeichneten die Gemeinden eine Art Leitbild, das gemeinsame Ziele formuliert: »Wir verpflichten uns, offen zu bleiben für den ökumenischen Geist ... und gemeinsam einen diakonischen und karitativen Dienst am Nächsten, besonders in unserem Stadtteil zu leisten.«
Den entscheidenden Impuls gaben die zahlreichen gemischt-konfessionellen Ehepaare, die Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre zuzogen. So bildete sich schnell ein Gesprächskreis für konfessionsverschiedene Paare. Ökumene entstand hier an der Basis und hält seit Jahrzehnten.
Integration als Kernaufgabe
Manche älteren Gemeindeglieder beklagen heute jedoch, dass die Euphorie des Aufbruchs verschwunden sei. »Aber das ist ganz normal in einer Ehe, die 25 Jahre hält«, bemerkt Pfarrer Volke. Gemeinsam mit Pfarrer Harald Seredzun von St. Jakobus und seiner evangelischen Kollegin Ulrike Hinkel möchte er Bewusstsein schaffen: »Ökumene erfordert immer wieder neuen Einsatz.«
Herausforderungen gibt es genug: zum Beispiel die zunehmende Zahl von Umsiedlern aus Russland oder Polen. Für sie spielt das gemeinsame Jugendhaus des Ökumenischen Zentrums eine zentrale Rolle. Darin finanzieren die Gemeinden zwei Sozialpädagogen gemeinsam zur Hälfte. Die Stadt Darmstadt trägt die andere Hälfte und zeigt damit, wie wichtig ihr dieses Angebot für diesen Stadtteil ist. Das Haus ist ein offener Treffpunkt für Jugendliche verschiedenster Kulturen und Religionen. Denn der Anteil der Christen hat sich innerhalb der 25 Jahre auf knapp 50 Prozent halbiert. Für das Ökumenische Zentrum bedeutet das nicht zuletzt, sich für die soziale und kulturelle Integration noch weiter öffnen zu müssen.
Konfessionsverbindende Trauungen

Die vor dem Zweiten Weltkrieg noch konfessionell relativ einheitlichen Gebiete wurden durch den Zustrom von Flüchtlingen und durch die steigende Mobilität durchmischt. Dadurch entstanden viele konfessionsverbindende Ehen. Anhand der evangelischen Trauungen, bei denen ein Teil katholisch und der andere evangelisch ist, lässt sich aber ersehen, dass ihre Zahl geringer ist, als es die konfessionelle Durchmischung der Bevölkerung erwarten ließe. Offenbar spielt die konfessionelle Prägekraft bei der Partnerwahl bis heute eine Rolle. Die Zahl der evangelischen Trauungen, bei denen ein Teil katholisch und der andere evangelisch ist, wird erst seit 1960 erhoben, da es zuvor kaum welche gab. Insgesamt ist ihre Zahl gesunken und folgt damit generell dem Rückgang aller evangelischen Trauungen und der Eheschließungen. Sie zeigt aber Besonderheiten auf. So war 1960 nur jede fünfte Trauung konfessionsverbindend. Bis 1990 stieg der Anteil auf ein Drittel. Seitdem ist sie rückläufig. Vermutlich fühlen sich junge Paare heute weniger zu einer kirchlichen Trauung verpflichtet und umgehen diese Entscheidung.
zurück | letzte Aktualisierung: 21.09.2007 | copyright by EKHN